Hohler Fetisch

Versagen Die Bildung wird als hehres Ideal gern hochgejubelt. Doch gefährden die Kultusminister derzeit die Aufrechterhaltung eines funktionierenden Schulwesens
Christian Füller | Ausgabe 06/2016 21
Hohler Fetisch
Dem Land fehlt es an Lehrern – den Kultusministern an Verantwortungsbewusstsein
Foto: Sean Gallup/Getty Images

In Berlin fehlen derzeit fast 1.000 Grundschullehrer. So viele Pädagogen müsste die Hauptstadt einstellen, um ihren Kindern Lesen, Schreiben und Rechnen beibringen zu können. Geht aber nicht. Weil man vergessen hat, genug Junglehrer auszubilden. Was in Berlin passiert, ist diesmal allerdings mehr als die übliche kultusbürokratische Stümperei. Die kennt man ja. Die Schulminister sollten selbst noch einmal die Grundschule besuchen. Um rechnen zu lernen. Und Verantwortung zu übernehmen.

Das Lernen ist von jeher ein deutscher Fetisch gewesen. Der durch Bildung zu Urteilskraft reifende Mensch gehört seit Schiller und Humboldt zum Größten, was die Kulturnation kennt. Darin steckt stets eine Überhöhung, dennoch gilt dieses Ideal quasi ungebrochen. Selbst in der DDR war die „allseits gebildete sozialistische Persönlichkeit“ das Maß aller Dinge. Und auch heute, wenn es etwa um die zuwandernden Flüchtlinge geht, wird gern mit großem Pathos gesprochen. Die Menschen, die hier ankommen, müssten sofort Deutsch lernen. Subito, ohne Verzögerung! Leider werden die Voraussetzungen dafür oft nicht geschaffen. Der Fetisch bleibt hohl. Das gilt nicht nur für Berlin, sondern für das ganze Land.

In Bremen haben Schulleiter vor ein paar Tagen Alarm geschlagen, weil ihnen die dringend benötigten Pädagogen und Helfer für die sogenannte Inklusion fehlen, das Lernen mit Behinderten. Die Kultusminister der Republik hatten vor einiger Zeit ausgerechnet, dass sie für ihre Schulen 20.000 Lehrer brauchen, um die Mädchen und Jungen gut aufnehmen zu können, die vor dem Krieg geflohen sind und die gefährliche Flucht überlebt haben. Aber dieselben Minister, die diese Rechnung machten, sie heuern kaum die Hälfte der unentbehrlichen Deutschlehrer an. Und nun kommt also heraus, dass die Hauptstadt nicht einmal bei ihren Grundschullehrern vorgesorgt hat. Das bedeutet: Die verantwortlichen Ministerien schaffen die Kür von Integration und Inklusion nicht – und sie verschlampen nun auch noch ihre verdammte Pflicht: die Aufrechterhaltung eines funktionierenden Schulwesens.

Keine Frage, die Aufgabe, vor der die Schulbehörden infolge der Flucht und Vertreibung Hunderttausender Menschen stehen, ist enorm. Rund 325.000 Minderjährige zu integrieren, die teilweise nicht alphabetisiert und oft traumatisiert sind, ist selbst für ein starkes Schulsystem nicht einfach. Viele Schulen und Lehrer zeigen jeden Tag, wie engagiert sie mit Kindern Deutsch lernen können. Woran es aber überall hapert, ist der Nachschub an ausgebildetem, gutem Personal. Schule braucht Erzieher, Sozialpädagogen, Deutschlehrer, Lehrer überhaupt. Viele Eltern, Lesepaten und private Initiativen bewei-sen übrigens täglich, was alles möglich ist. Die einzige Institution, die zögert, ja versagt, sind die Kultusbehörden.

Dass die Schulminister nun mancherorts ihren Regelbetrieb nicht mehr aufrechterhalten können, ist eine Kapitulationserklärung. Private Vermittler berichten, dass viele Kultusbürokratien der Länder inzwischen bereit sind, jeden als Lehrer einzustellen, der sich nicht schnell genug auf einen Baum retten kann. Diese Chaospolitik gefährdet mehr als nur die Integration, sie stellt das Funktionieren des Fundaments von Bildung in Frage, die Schule, den Ort, wo man die Grundfertigkeiten erlernt. Bildungsminister aber, denen es nicht mehr gelingt, Kinder mit Bildung zu versorgen, gefährden den sozialen Frieden. Sie haben in ihren Ämtern nichts mehr verloren.

06:00 11.02.2016
Geschrieben von

Christian Füller

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Christian Füller

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