Kein Hexenwerk

Bildung Wie sich an der neuen Pisa-Studie ablesen lässt, ist Chancengleichheit an den Schulen möglich. Man muss nur wollen

Es ist gerade groß in Mode, an der Schulstudie Pisa Kritik zu üben. Die vielen Leistungstests machten die Schüler nicht besser, heißt es. Die Schulen litten unter Testeritis. Wer den Schülervergleich Pisa abschaffen will, kann auch den Arbeitsagenturen das Erheben der Arbeitslosenstatistik untersagen. Und Ärzten die Röntgenapparate wegnehmen. Oder Autos die Scheibenwischer abmontieren. Forderungen nach der Abkehr vom Röntgen von Schulen sind nicht nur dämlich, sondern zutiefst undemokratisch. Denn sie sorgen dafür, dass wir die entscheidende Schwachstelle unseres Bildungssystems nicht mehr sehen können: die große Zahl an Risikoschülern, also Kindern, die nur technisch lesen können, aber nicht verstehen, was sie da „lesen“. 16 von 100 Schülern in Deutschland sind Risikoschüler, in Bremen gar 36 Prozent. Ein Skandal.

Es ist richtig, dass mit Pisa-Studien kein Preis für einfache Sprache zu gewinnen ist. Dennoch ist Pisa keine Geheimwissenschaft, die zur Kommerzialisierung des Bildungswesens da ist. Im Gegenteil. Die wichtigsten Parameter der Studie haben viel mit Teilhabe und Demokratie zu tun. Wie groß ist der Anteil an Spitzenschülern? Wie viele Risikoschüler gibt es? Wie groß ist der Abstand zwischen den besten und den langsamsten Schülern? Wie sehr hängen Schulleistungen von Bildungsstand und Bankkonto der Eltern ab? Auf allen diesen Gebieten haben sich die 15-Jährigen seit dem ersten Pisa-Test verbessert. Zum Beispiel ist die Zahl der Risikoschüler im Lesen von 23,8 auf 16,2 zurückgegangen.

Der Pisa-Schock vertrieb die Deutschen vor 15 Jahren aus ihrem Fantasieland der Dichter und Denker. Seitdem wird um die politischen Konsequenzen gestritten. Sie waren erstens gering – nicht einmal die Mängelverwalter des Bremer Bildungsbankrotts haben je an Rücktritt gedacht. Und sie sind, zweitens, kompliziert. Wo soll man denn, bitte schön, ziehen, wenn alles mit allem zusammenhängt? In Wahrheit aber ist gute Schule kein Hexenwerk. Es gibt viele Länder, die gezeigt haben, wie man aus dem Schlamassel herauskommt. Schleswig-Holstein hat seine Unterschichtsfabriken namens Hauptschulen abgeschafft, stattdessen die Gemeinschaftsschule eingeführt und fördert obendrein schwache Leser. Die Reform war umstritten – vor zehn Jahren. Heute steht Schleswig-Holstein auf Platz 2 im nationalen Ranking.

Es gibt längst eine Blaupause für den Umbau einzelner Schulen. Die Rütli-Schule im Berliner Bezirk Neukölln, einst Symbol für Schulversagen, hat das volle Reformprogramm abbekommen: Umbau in einen Campus, Öffnung zum Abitur, ein Hotspot zivilgesellschaftlichen Engagements. Der Erfolg von Rütli ist zugleich ein Symbol für den bildungspolitischen Blindflug nach Pisa: Wieso kann man eigentlich eine Hauptschule erfolgreich umbauen – und Hunderte andere einfach hängen lassen?

Pisa 2015 ist, trotz des Prädikats „überdurchschnittlich“, kein Grund, sich zurückzulehnen. Im Jahr 2000 musste eine Nation aus dem Bildungstiefschlaf geweckt werden. Der Rütli-Aufschrei 2006 war die Innovation für die Rettung einer kaputten Schule. Das hat geklappt, das heißt, jetzt kann „Operation Singapur“ ausgerufen werden. Wenn es gelingt, alle Ghettoschulen so ernst zu nehmen wie Rütli, dann kann Deutschland die Zahl seiner Risikoschüler ingesamt verringern. Und könnte ganz oben auf dem Treppchen neben Singapur, Finnland und Korea stehen. Nicht wegen des Spitzenplatzes ist das wichtig. Sondern weil dann für alle Schüler das gleiche Recht auf beste Förderung erfüllt ist.

06:00 04.01.2017
Geschrieben von

Christian Füller

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Christian Füller

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