Christian Füller
Ausgabe 4916 | 04.01.2017 | 06:00 7

Kein Hexenwerk

Bildung Wie sich an der neuen Pisa-Studie ablesen lässt, ist Chancengleichheit an den Schulen möglich. Man muss nur wollen

Es ist gerade groß in Mode, an der Schulstudie Pisa Kritik zu üben. Die vielen Leistungstests machten die Schüler nicht besser, heißt es. Die Schulen litten unter Testeritis. Wer den Schülervergleich Pisa abschaffen will, kann auch den Arbeitsagenturen das Erheben der Arbeitslosenstatistik untersagen. Und Ärzten die Röntgenapparate wegnehmen. Oder Autos die Scheibenwischer abmontieren. Forderungen nach der Abkehr vom Röntgen von Schulen sind nicht nur dämlich, sondern zutiefst undemokratisch. Denn sie sorgen dafür, dass wir die entscheidende Schwachstelle unseres Bildungssystems nicht mehr sehen können: die große Zahl an Risikoschülern, also Kindern, die nur technisch lesen können, aber nicht verstehen, was sie da „lesen“. 16 von 100 Schülern in Deutschland sind Risikoschüler, in Bremen gar 36 Prozent. Ein Skandal.

Es ist richtig, dass mit Pisa-Studien kein Preis für einfache Sprache zu gewinnen ist. Dennoch ist Pisa keine Geheimwissenschaft, die zur Kommerzialisierung des Bildungswesens da ist. Im Gegenteil. Die wichtigsten Parameter der Studie haben viel mit Teilhabe und Demokratie zu tun. Wie groß ist der Anteil an Spitzenschülern? Wie viele Risikoschüler gibt es? Wie groß ist der Abstand zwischen den besten und den langsamsten Schülern? Wie sehr hängen Schulleistungen von Bildungsstand und Bankkonto der Eltern ab? Auf allen diesen Gebieten haben sich die 15-Jährigen seit dem ersten Pisa-Test verbessert. Zum Beispiel ist die Zahl der Risikoschüler im Lesen von 23,8 auf 16,2 zurückgegangen.

Der Pisa-Schock vertrieb die Deutschen vor 15 Jahren aus ihrem Fantasieland der Dichter und Denker. Seitdem wird um die politischen Konsequenzen gestritten. Sie waren erstens gering – nicht einmal die Mängelverwalter des Bremer Bildungsbankrotts haben je an Rücktritt gedacht. Und sie sind, zweitens, kompliziert. Wo soll man denn, bitte schön, ziehen, wenn alles mit allem zusammenhängt? In Wahrheit aber ist gute Schule kein Hexenwerk. Es gibt viele Länder, die gezeigt haben, wie man aus dem Schlamassel herauskommt. Schleswig-Holstein hat seine Unterschichtsfabriken namens Hauptschulen abgeschafft, stattdessen die Gemeinschaftsschule eingeführt und fördert obendrein schwache Leser. Die Reform war umstritten – vor zehn Jahren. Heute steht Schleswig-Holstein auf Platz 2 im nationalen Ranking.

Es gibt längst eine Blaupause für den Umbau einzelner Schulen. Die Rütli-Schule im Berliner Bezirk Neukölln, einst Symbol für Schulversagen, hat das volle Reformprogramm abbekommen: Umbau in einen Campus, Öffnung zum Abitur, ein Hotspot zivilgesellschaftlichen Engagements. Der Erfolg von Rütli ist zugleich ein Symbol für den bildungspolitischen Blindflug nach Pisa: Wieso kann man eigentlich eine Hauptschule erfolgreich umbauen – und Hunderte andere einfach hängen lassen?

Pisa 2015 ist, trotz des Prädikats „überdurchschnittlich“, kein Grund, sich zurückzulehnen. Im Jahr 2000 musste eine Nation aus dem Bildungstiefschlaf geweckt werden. Der Rütli-Aufschrei 2006 war die Innovation für die Rettung einer kaputten Schule. Das hat geklappt, das heißt, jetzt kann „Operation Singapur“ ausgerufen werden. Wenn es gelingt, alle Ghettoschulen so ernst zu nehmen wie Rütli, dann kann Deutschland die Zahl seiner Risikoschüler ingesamt verringern. Und könnte ganz oben auf dem Treppchen neben Singapur, Finnland und Korea stehen. Nicht wegen des Spitzenplatzes ist das wichtig. Sondern weil dann für alle Schüler das gleiche Recht auf beste Förderung erfüllt ist.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 49/16.

Kommentare (7)

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Ehemaliger Nutzer 04.01.2017 | 17:25

Überdurchschnittlich zu sein ist nicht das Thema. Es zählen auch nicht die erzielten Punkte im Ranking. Der Vergleich zw. den Ländern ist das Entscheidende: Warum können deutsche Schüler die Matheaufgabe nicht lösen, die die finnischen Schüler ohne Probleme lösen können?

Vor Deutschland ist China mit all seinen Stadtstaaten und Regionen, die Skandinavier und vor allem Vietnam. Vientam und China sind Länder die so weniger in Bildung invenstieren als in Deutschland.

Erstens investeiren die deutschen Ämter viel zu wenig und wenn fällt es in die falschen Kanäle. Richtige, effektive Investitionen bleiben aus.

Das SH oder Bayern einen Erfolg errungen haben ist gut. Hier muss man nachfragen, warum das Einzelfälle sind. Die Antwort: Es sind alleingänge von Störenfriede, die etwas geamacht haben und neben bei die Windmühlen bekämpfteb. Das Rütli umgebaut wurde ist nur der Presse zu verdanken.

Echte Bemühen bleiben aus. Es ist Geld in Schubkarren da. Wir unterstützten Isreal letztes Jahr mit einem U-Boot der Dolphin-Klasse - als Geschenk - 400 000 Millionen Euro für die Kriegsführung eines anderen Staates. Geld ist da. Jede Beteuerung der schwarzen Null ist ein zynischer Schlag ins Gesicht der Steuerzahler.

Deshalb gilt es zu resümieren: Warum gibt es, nach so vielen Enttäuschungen in intern. Rankings (neben PISA noch TIMSS oder IGLU) keine echte Bildungsoffensive. Man könne easy auf freien Plätzen in der Vorstadt wahre Bildungspaläste bauen. Mit Restaurant, Kino, Sportplatz, Hobbywerkstätten für Zweiräde, Kosmetiksalon, Musik&Theaterraum - alles durch Schüler betrieben, errichten. Lehrer arbeiten hier mit 25 Stunden pro Woche am meisten aller OECD Lehrer. Die schweizer Lehrer arbeiten 19h pro Woche im Unterricht. Da hat man Zeit um sich um Schüler, Projekte und Exkursionen zu bemühen und nicht stur den Rhytmus Unterricht - Klausur - Korrektur - Unterricht - Klausur - Korrektur - Unterricht - Klausur usw. zu fahren.

Es ist so offensichtlich, so klar und so offenkundig, dass alles Gegenteileile anzunehmen, das dt. Schulsystem ein Selktions- und repressionswerkzeug ist, eine Neuroso ist, oder so.

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Ehemaliger Nutzer 04.01.2017 | 17:25

Überdurchschnittlich zu sein ist nicht das Thema. Es zählen auch nicht die erzielten Punkte im Ranking. Der Vergleich zw. den Ländern ist das Entscheidende: Warum können deutsche Schüler die Matheaufgabe nicht lösen, die die finnischen Schüler ohne Probleme lösen können?

Vor Deutschland ist China mit all seinen Stadtstaaten und Regionen, die Skandinavier und vor allem Vietnam. Vientam und China sind Länder die so weniger in Bildung invenstieren als in Deutschland.

Erstens investeiren die deutschen Ämter viel zu wenig und wenn fällt es in die falschen Kanäle. Richtige, effektive Investitionen bleiben aus.

Das SH oder Bayern einen Erfolg errungen haben ist gut. Hier muss man nachfragen, warum das Einzelfälle sind. Die Antwort: Es sind alleingänge von Störenfriede, die etwas geamacht haben und neben bei die Windmühlen bekämpfteb. Das Rütli umgebaut wurde ist nur der Presse zu verdanken.

Echte Bemühen bleiben aus. Es ist Geld in Schubkarren da. Wir unterstützten Isreal letztes Jahr mit einem U-Boot der Dolphin-Klasse - als Geschenk - 400 000 Millionen Euro für die Kriegsführung eines anderen Staates. Geld ist da. Jede Beteuerung der schwarzen Null ist ein zynischer Schlag ins Gesicht der Steuerzahler.

Deshalb gilt es zu resümieren: Warum gibt es, nach so vielen Enttäuschungen in intern. Rankings (neben PISA noch TIMSS oder IGLU) keine echte Bildungsoffensive. Man könne easy auf freien Plätzen in der Vorstadt wahre Bildungspaläste bauen. Mit Restaurant, Kino, Sportplatz, Hobbywerkstätten für Zweiräde, Kosmetiksalon, Musik&Theaterraum - alles durch Schüler betrieben, errichten. Lehrer arbeiten hier mit 25 Stunden pro Woche am meisten aller OECD Lehrer. Die schweizer Lehrer arbeiten 19h pro Woche im Unterricht. Da hat man Zeit um sich um Schüler, Projekte und Exkursionen zu bemühen und nicht stur den Rhytmus Unterricht - Klausur - Korrektur - Unterricht - Klausur - Korrektur - Unterricht - Klausur usw. zu fahren.

Es ist so offensichtlich, so klar und so offenkundig, dass alles Gegenteileile anzunehmen, das dt. Schulsystem ein Selktions- und repressionswerkzeug ist, eine Neuroso ist, oder so.

Columbus 05.01.2017 | 12:11

Sehr wohl. Wer Bildungsgerechtigkeit will, der kann sie politisch und institutionell erreichen. Die Reformmühen, z.B. an der Rütli- Schule, zeigen wie Erfolge aussehen können und sich für die Schüler dieser Schule auszahlen. So geht es.

Sehr wohl, ist es sinnvoll Messungen der Schulleistungen und Vergleiche der Länder und Systeme, national und international vorzunehmen und dafür auch, vereinfacht im Schlagwort zusammengefasst, "Pisa- oder TIMSS- Methoden" einzusetzen.

Singapur, mit ca. 5 Mio. EW, setzt ca. 20% seines Stadtstaatsbudgets für Bildung ein, was sicher auch mit den Sonderbedingungen, als Enklave und asiatischer Standort für die Steuerung der Weltwirtschaft im Großraum, zusammenhängt.

Finnland hat gerade eine weitere Reform durchgeführt, die den Fachunterricht, zugunsten eines integralen, themen- und problembezogenen Unterrichts, auflöst.

Was diese neuerliche Reform bringt, ob sie nur ein Experiment mit den lebenden Objekten bleibt oder weiteren Erfolg für Lernleistung und breite Bildungschancen schafft, kann man nur durch Untersuchungen und Überprüfungen herausfinden.

Ihre plakativen Vegleiche, warum Pisa notwendig wie Technik oder Röntgen sei, könnten allerdings auch auf den Gedanken bringen, sich einmal zu überlegen, wie das Übermaß der Maße und der Erfassungen zu Fehlurteilen und Fehlentwicklungen führt.

Wer z.B. überall und zu allen Gelegenheiten röntgt und überall CTs und NMRs betreibt, sie auslasten muss, dafür sogar besser bezahlt wird, als für zielführendere, praktische und Zeit kostende Untersuchungsmaßnahmen und Therapievorschläge, der leidet irgendwann auch an dem normativen Zwang des Faktischen. Der produziert, um beim Röntgen zu bleiben, teuren Überschuss an Material und Ergebnissen. Der erschafft auch viele, schlecht korrelierte Ergebnisse. Der erzeugt Überbehandlung, weil er Korrelation mit Kausalität verwechselt und operiert nach Befund zu viel und zu schnell. Der erzeugt auch einen Haufen "Befunde", die letzlich keine praktischen Konsequenzen haben, weil man nichts tun kann, sogar schadet, oft einfach nur die Schausucht und den Wunsch irgendetwas in den Händen zu haben befriedigt.

Warum sollten sich da Bildungsparameter, von Parametern in der Technik und/oder der Medizin, kategorial unterscheiden?

Beste Grüße

Christoph Leusch

Richard Zietz 08.01.2017 | 10:32

Wie jeder Statistik sollte man auch den diversen Pisa-Studien nicht alles abnehmen, was in ihnen schwarz auf weiß steht. Zum einen kann man hinterfragen, ob es sinnvoll ist, weltweit einheitliche Lernziele aufzustellen, die für Finnland ebenso gelten wie für Peru oder Kirgisistan – um das Ganze dann auf ähnliche Weise zu ranken wie den Medaillenspiegel bei einer Olympiade. Noch mehr hinterfragen darf man allerdings, ob a) Pisa ursächlich ist für Verbesserungen, b) brauchbare Aussagen trifft, in welche Richtung Verbesserungen sinnvollerweise gehen sollten.

Die Rütli-Schule ist sicher ein Paradebeispiel dafür, dass viel Kümmern viel hilft. Deutschlandbezogen haben wir hier sicherlich einen Fall von schlimmem Anfang und richtig gutem Ende. Die angeführten Schritte hin in Richtung Auflösung bildungsferner Risikoklassen (zugunsten von Gesamtschulen) sind sicher ebenfalls vernünftig. Fall eins (Rütli) war schulsystemtechnisch allerdings ein schlichter Sechser im Lotto (Renommierprojekt; »wir tun was – und zwar punktuell an einer Stelle, damit wir aus den Schlagzeilen rauskommen«). Die gutgemeinten Gegentrimm-Versuche an anderen Orten werden vermutlich leider verpuffen – unter anderen, weil Bildungspolitik nach wie vor Domäne der förderativen Instanzen ist und b) keine Instanz wirklich entscheiden möchte, in welche Richtung die Chose gehen soll.

Bis dato wird eben weiter Hü in die eine und Hott in die andere Richtung gezogen. Bestes Beispiel: das Turbo-Abi, im unvergleichlichen Selbstbelobigungs-Jargon der Bildungsbürokraten mit dem Titel »G8« etikettiert. Man schmeißt auf die Kinder und Jugendlichen also Leistung um Leistung drauf nach dem Motto »Friss oder stirb«. Die »Erfolgreichen« in diesem Hamsterrad dürfen sich im Anschluss für ihr Studium kräftig verschulden – sofern Mutti und Pappi nicht den Zaster haben, um da einzuspringen. Lukrativ – im Hinblick auf einen späteren Job – sind eh nur noch BWL, Jura und Verwaltung. Ein paar schaffen es nach oben; der Rest landet in der Prekär-Endlosschleife und hat zusätzlich noch Schulden in fünfstelliger Höhe am Hals.

Was bleibt? In der Kneipe, bei Ikea oder bei McBlöd rackern, den Batzen horizontal beschaffen oder mit 30 in die Privatinsolvenz gehen.

Da hilft denn auch kein Pisa-System. Dass eh nur dazu beiträgt, die Leistungslatte höher und höher zu hängen.

Anelim Aksnesej 09.01.2017 | 00:06

Die Rütli-Schule in Berlin konnte auch erfolgreich umgebaut werden,weil das Personal dort-das weiß ich sicher-sich der eklatanten Mängelverwaltung in allen Bereichen im Mikrokosmos einer Schule-verweigerten.Sie probten nicht nur den Aufstand,sondern sie verweigerten sich dem damaligen System.Der Senat etc.mußte reagieren-Öffentlichkeit,die solche Mißstände erfährt in einer Hauptstadt-kam nicht gut rüber.Mich hat es damals sehr gefreut.Langsam gelingen Veränderungen und da Wahljahr ist,habe ich verhaltenen Optimismus,daß diesbezüglich noch lauter reagiert wird.Gut so!