Das Ergebnis "zivilisierter Verachtung"

Überlegenheitsgefühle Sollen sich Linke und Linksliberale, angesichts ihrer Erfolglosigkeit, tatsächlich in "zivilisierter Verachtung" und "giftiger Toleranz", frei nach Carlo Strenger, üben?
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Was taugen „zivilisierte Verachtung“ und „giftige Toleranz“?

(Eine Ergänzung zum lesenswerten Rezensionsartikel Katharina Schmitz, „Giftige Toleranz“, die sich mit Carlo Strengers Essay, „Zivilisierte Verachtung“, auseinandersetzt)

Wo führt „giftige Toleranz“ hin, folgt man Carlo Strenger ins gelobte Land? Was passiert, wenn man „Zorn oder sogar Ressentiments“ auslebt, die die Urteilskraft und Moral unter uns Normalsterblichen und selbst bei jenen, die psycho- und daseinsanalytisch unterwegs sind, immer beeinträchtigen?

„Zivilisierte Verachtung“ ist, sowohl als Diskursmodell, wie auch als Vorlage für den gesellschaftlichen und politischen Umgang, schlicht katastrophal und trotzdem leider nicht unmöglich, sogar zur Zeit erfolgreich.

Leicht entdeckt man in diesem, zweifellos sehr kreativen und gerade derzeit populären Vorschlag Strengers, das Dilemma der Linken und Linksliberalen in Israel. Dort schaffen die es weder mit, noch ohne Carlo Strenger, den anderen logischen Zug auf dem Gleis der „zivilisierten Verachtung“, in dem eher konservative, orthodoxe und an die eigene Überlegenheit glaubenden BürgerInnen des Landes zu reisen pflegen, zu stoppen.

So können viele Israeli - nicht nur religiöse- in dem Glauben verharren, sie seien, mit ihrer Überlegenheit und Macht, fast schon natürlich biologisch und selbstverständlich kulturell völlig widerspruchsfrei, im Besitz aller Anrechte so zu verfahren, wie sie es, mit immer mehr Hilfe seitens ihres Staates, tun.

Die Landnahme und der weitere Siedlungsbau, die Verweigerung eines palästinensischen Staates, als eigentlich brüderlichen Nachbarn, ja sogar die Verweigerung der Gespräche dazu; die Ablehnung der israelischen Palästinenser und der Beduinen, als gleichberechtigte Bürger, speisen sich nämlich nicht nur aus der 3000-jährigen theologischen Orthodoxie und jenem Siegelringfund mit dem Namen Netanjahus, sondern auch aus dem Zivilisationskriterium, sich konsequent und durchaus mit guten materiellen Gründen, überlegen zu fühlen. - So sehen die neuen Siedlungen in Judäa und Samaria aus, ebenso die Aneignungen auf dem Golan.

Genau damit aber, trotz unterschwelliger Unterlegenheitsgefühle der Rechten, bezüglich ihrer mangelnden Intellektualität und ihres beschränkten Wissens, bezüglich ihres reduzierten Unrechtsempfindens, gewinnen die Populisten und Anhänger einer handfesten Verachtung, im bestgerüsteten, bestorganisierten, demokratischen und trotzdem sozial kranken, von Korruption geschüttelten Israel. - Carlo Strenger könnte es wissen, denn in Israel gehört er zu der Gruppe der Regierungskritiker und Kritiker der Öffentlichkeit, zu jener uneinigen Gruppe der Linksliberalen, die zunehmend abgelehnt werden und immer weniger Wirkung auf breitere Bevölkerungsschichten oder die israelische Öffentlichkeit haben, einmal ganz abgesehen von ihrem fehlenden politischen Einfluss.

In Peter Kosminskys ausgezeichneter TV- Miniserie „The Promise“ (2012), reist Claire Foy alias Erin Matthews, sowohl der Geschichte ihres Großvaters hinterher, der als britischer Soldat einst in Palästina Dienst tat, als auch mit ihrer jüdischen Klassenkameradin, die sich entschieden hat, dort ihren Militärdienst abzuleisten und sie spontan in ihre Familie einlädt. Das situierte Elternhaus ist so freundlich, so offen und so liberal, dass über alles geredet und gestritten werden kann, nein muss.

Der auch in Deutschland gut bekannte Itay Tiran, spielt den Sohn des Hauses, der sich, nach seinem Militärdienst und den damit verbundenen Erlebnissen, ganz entschieden den Palästinensern zuwendet und seinem Vater zur Antwort gibt, dass alles schöne, liberale und verständige Reden, die Ansage niemandem Unrecht zu tun und alle zu respektieren, nur aufgesetzt sei, denn nichts habe sich geändert, am Status derer, die zwar da sind, aber nicht wirklich zählen, die einzig und allein als unterlegene Feinde gelten und dem ewigen Anspruch aus heiligen Schriften entgegenstehen.

Erin Matthews, lernt die Bedeutung der Haustürschlüssel aus dem Tagebuch ihres Großvaters kennen, die in Palästina traditionell ein Heimatrecht begründen und bringt jenen Schlüssel zu den Nachfahren zurück, der einst, unter unglücklichen Umständen, bei dem britischen Soldaten bleiben musste. - Das ist eine andere, wichtige Geschichte, in der es um die Würde geht, ohne die es keine Gleichberechtigung und keinen Frieden gibt.

Freudianer und Existenzialanalytiker wissen doch, mit ihren Urvätern Freud und Sartre, wohin der Verzicht auf Akzeptanz und ein starker Wille, gepflegt zu verachten, letztlich hinführen. Dass Ressentiments, Zorn, Wut und dauerhaft verfestigte Haltungen der Anlass sind, für jene denen sie gelten, es ebenso zu halten, liegt zudem sozial- und individualpsychologisch auf der Hand.

Allerdings reagiert der Schwächere oder sich selbst so einschätzende Nicht- Partner auf die Verachtung, mag man sie ihm auch wohlmeinend „zivilisiert“ entgegen bringen, meist nicht ebenso „diskursiv“, denn er wird ja nicht anerkannt, mit seinen Interessen. Er kann sich in seiner Schwäche nur verlieren. Das Risiko, er antworte in dieser Verzweiflung besonders unzivilisiert, wächst und verewigt sich. Es wird Erbe der zukünftigen Gesellschaften und Generationen. Es sei denn, man beseitigt ihn, den Feind, wie es die alte Bibel in allen Sprachen festhält. - Nicht umsonst, hat Sartre sein berühmtes Vorwort zu den „Verdammten dieser Erde“ geschrieben.

Was bleibt der Macht? Sie landet im Unrecht schaffenden, täglichen Sachzwang, weil man zivilisiert ist und für alles eine Begründung gefunden hat, nun nicht nur Aug´ um Aug´ zu handeln, sondern dem eigenen Willen dauerhaft Taten folgen zu lassen.

Damit aber, entsteht Schuld, kollektiv und individuell, die nicht einfach aufzulösen ist, sondern mit immer mehr harten Entscheidungen gegen die „Barbaren“, auf eine endgültige Lösung im Sinne des Rechtes des Stärkeren hinausläuft, um endlich die schwachen, aber heillos aggressiven Kläger loszuwerden, in Judäa und Samaria, in der Wüste, auf dem Golan.

Nur so, funktioniert auch die materielle Aneignung, die zum Beispiel der ILF (Israel Land Fund), ganz offiziell vorantreibt:

>>Dear friends,

Shalom! I am happy to update you that The Israel Land Fund was able, in a short time, to secure agreements for purchasing 7 different properties, all in the Shimon Hatzadik neighborhood.

In all of the properties there are Arab Muslims that are living inside, as illegal squatters or as protected tenants (Turn Key rights). We have a chance to quickly change the reality in this strategic neighborhood that is known also by its Arabic name - 'Sheich Jarrach'. The properties sizes are between 40 Sq. Meter to 930 Sq. Meter. In general the prices are for all of these properties are between $2,200-$3,200 per Sq. Meter. (…) Yours from Yerushalayim, Arieh King Founder of The Israel Land Fund Jerusalem City Council Member>>

(Liebe Freunde, Frieden! Ich bin glücklich, euch die Neuigkeit zu verkünden, dass der Israel Land Fund in kurzer Zeit in der Lage war, Abmachungen für den Kauf von 7 verschiedenen Eigentümern, alle in der Shimon Hatazik Nachbarschaft, zu sichern. In allen diesen Liegenschaften finden sich arabische Muslime, die dort leben, als illegale Besetzer oder als geschützte Mieter (Haustür- Schlüsselrecht). Wir haben eine Chance, um die Realität schnell zu ändern, in dieser strategischen Nachbarschaft, die auch unter ihrem Arabischen Namen -‚Sheich Jarrach‘- bekannt ist. (…) Aus Jerusalem, euer Arieh King, Gründer des Israel Land Fund, Jerusalemer Stadtrat)

Die Antwort fällt also, betrachtet es ein therapeutisch und psychologisch geschulter Geist, immer negativ aus, geht es um die Wertschätzung der „zivilisierten Verachtung“. Noch schwerer aber, wiegt das unsichtbare Kainsmal, einer ganz weltlichen und verewigten Unmoral, in der selbst das Wort Frieden korrumpiert ist.

Christoph Leusch

21:59 20.01.2017
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Geschrieben von

Columbus

Profil nicht mehr nötig. Alles Gute, der dFC und dem dF.
Columbus

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