Red Bavarian
22.09.2012 | 23:05 21

Gotteskind

Beim Sinnieren über Gott sind mir heute folgende Gedanken gekommen

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Red Bavarian

a) Was ist, wenn Gott noch ein Kind ist? 1

Ein Kind einer uns Menschen zwar schier unvorstellbaren Spezies, dennoch aber erst in der jungen Entwicklung befindlich. Vielleicht nun ins Alter der Pubertät kommend? Vielleicht aber umgerechnet erst ein paar Tage alt?

b) Was ist, wenn wir Menschen nur jeweils eine Gehirnzelle in Gottes Gehirn sind? 2

Wir finden unsere Gehirne zwar schier unvorstellbar komplex, dennoch aber sind wir im Vergleich zur Gottesspezies nur simple Zellen.

c) Es folgt daraus, dass das Universum quasi Gottes Körper ist, und die Erde quasi Gottes Gehirn ist. 2

Das Universum, die Erde, die Biosphäre, das Leben sind über die Jahrmilliarden komplexer geworden, so wie ein menschlicher Körper und ein menschliches Gehirn komplexer wird, wenn sich der Menschen nach der Zeugung weiterentwickelt.


Fußnoten:

1 Dieser Gedankengang ist inspiriert von dem Lebensalter-Kreis, den das Logion 4 des Thomas-Evangeliums zeichnet: "Jesus sprach: Der alte Mensch wird nicht zögern in seinem Alter, ein kleines Kind von sieben Tagen zu befragen über den Ort des Lebens, und er wird leben; denn viele Erste werden Letzte werden, und die Letzten Erste, und sie werden ein Einziger werden."

2 Diese Metalogik ist weitergeführt aus dem Gedankengang auf jener Metalogos-Webpage. Er beginnt: "The remarkable angel/image/symbol analysis woven thru the three Coptic Gospels proposes replacing [A] the ‘worldly’ frame of reference (paradigm, protocol, model, program, vocabulary) with [B] a ‘celestial’ frame of reference (paradigm, protocol, model, program, vocabulary). According to the former, we are electronic machines in a material universe; according to the latter, we are eternal spirits in the mind of God, reflecting his imagination in our five senses."

Auf Deutsch: "Die bemerkenswerte Engel/Bild/Symbol-Analyse, die durch die drei Koptischen Evangelien gewoben ist, schlägt vor [A] den 'weltlichen' Bezugsrahmen (Paradigma, Protokoll, Modell, Programm, Vokabular) durch [B] einen 'himmlischen' Bezugsrahmen (Paradigma, Protokoll, Modell, Programm, Vokabular) zu ersetzen. Gemäß dem Ersteren sind wir elektronische Maschinen in einem materiellen Universum; gemäß dem Letzteren sind wir ewige Geistseelen im Geistverstand Gottes, die sein Vorstellungsvermögen in unseren fünf Sinnen reflektieren."

Hinweis: Dies ist der erste Blog-Artikel meiner Reihe 'Metalogik'. Der zweite heißt 'Der erschaffen(d)e Gott'. Der dritte heißt 'IST - oder: 42'.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (21)

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Ehemaliger Nutzer 23.09.2012 | 05:24

Was ist, wenn Gott noch ein Kind ist?

Es gibt da ein Hörspiel "Ein Spaß für Engel" (A Sport of Angels) von Ken Whitmore. Dort stellt sich raus, daß ein Junge (Godfrey, den alle nur Goddy nennen) in einer Welt höherer Dimension sich in einer Schuhkiste eine Welt gebastelt hat und damit spielt, bis schließlich seinem Vater der Kragen platzt...

Wenn Gott tatsächlich ein zehnjähriger Junge ist, würde natürlich so manches plötzlich einen Sinn ergeben.

Ciao

Wolfram

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Ehemaliger Nutzer 23.09.2012 | 10:03

{„Gott noch ein Kind... Menschen nur jeweils eine Gehirnzelle in Gottes Gehirn... folgt daraus, dass das Universum quasi Gottes Körper ist, und die Erde quasi Gottes Gehirn ist.“}

Das Dilemma dualistischer Projektionen ist ihre Verdinglichung. Der Verstand hält den Fluss des Lebendigen an, um mit Blick auf die erinnerte Kopie zu definieren, was wahrgenommen wurde. Eine weitere Eigenart verdinglichenden Denkens ist die Fokussierung materialistischer Strukturen (Kind, Zelle, Körper, Gehirn).

Die wesentlichere Frage aber ist doch:

Wenn diese Kopie des lebendigen Gottes wahr wäre, was würde das für die menschliche Wahrnehmung bedeuten?

Mit anderen Worten: Was ist gewonnen, „den 'weltlichen' Bezugsrahmen (Paradigma, Protokoll, Modell, Programm, Vokabular) durch ... einen 'himmlischen' Bezugsrahmen (...) zu ersetzen.“?

Was bedeutet es, wenn wir ‘weltlich‘ „elektronische Maschinen in einem materiellen Universum“ sind und „im Geistverstand Gottes“ „ewige Geistseelen“, „die sein Vorstellungsvermögen in unseren fünf Sinnen reflektieren."

„Hallo Großer, dein sechster Sinn scheint der infantilste von allen zu sein... :-)“

Red Bavarian 23.09.2012 | 14:44

Was gewonnen ist? Was es bedeutet? Vielleicht ein Zwischenschritt zur Erkenntnis. Wir bauen uns eine Brücke auf unserer Suche. Vom nahen Weltlichen (earth & humans), zum entfernteren Himmlischen (sky & universe), zum fernen Transzendenten (heaven & god).

Bei uns Menschen als 'Gottesneuronen' geht es verbunden gedacht mit Ihren Kommentaren andernthreads - jener und jener - auch um die Willensfreiheit.

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Ehemaliger Nutzer 24.09.2012 | 10:43

{„ein Zwischenschritt zur Erkenntnis. Wir bauen uns eine Brücke auf unserer Suche. Vom nahen Weltlichen (earth & humans), zum entfernteren Himmlischen (sky & universe), zum fernen Transzendenten (heaven & god)“}

Liebes Rot-Bayerisch, warum eine Brücke als Zwischenschritt?

Im Gewahrsein des ewigen „Jetzt“ braucht es weder Brücken noch Schritte. Die Reinheit der Selbstbewusstheit kennt weder Himmel noch Erde noch Transzendenz – sie „kennt“ nur sich selbst als „Geist“, der Alles und Nichts zugleich umfasst und durchdringt – in totaler Identität.

Außer der Erkenntnis des Erkanntwerdens des Selbst als Selbst ist jedes andere Erkennen der Traum, in dem sich das Ego als Hirngespinst verstrickt.

Für das Ego ist das Weltliche nah und das Himmlische fern, weil ein Spiegel ohne räumliche Distanz keinen Sinn macht.

Und nur als getrenntes Spiegelbild (Ebenbild) macht die Vorstellung einer Transzendenz überhaupt Sinn! In der Identität wird auch sie augenblicklich als witziges Gespinst abgelegt... :-)

Red Bavarian 25.09.2012 | 09:09

Wie sagen Gottesdienstbesucher in Bayern von jeher gern: "Schee hod er gredt, der Herr Pfarrer."

Ich frage: Wie kommt man zum Ziel? Also dahin, das konstatierte Ziel auch erleben und leben zu können.

Anders gefragt: Werden erbauliche Worte nicht irgendwann zu frustrierenden Worten? Also wie ein Paradies, das auf der drenteren Seite eines großen Flusses liegt, das man jeden Tag sieht, während man sich auf der herenteren Seite durchs Leben fretten muss. Und man kommt partout nicht hinüber.

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Ehemaliger Nutzer 25.09.2012 | 09:55

"Das konstatierte Ziel" ist ja bereits präsent - hier und jetzt. Deshalb geht es nicht darum, eine Brücke zu ersinnen!

Es geht vielmehr darum, alles genau zu beobachten, was zwischen diesem lebendigen Erleben steht. Mit anderen Worten: Achtsame Beobachtung führt zur Erkenntnis, die das Ziel präsenter werden lässt.

Die schönen Worte sind ja nur Spiegelbild der Erkenntnis, die zur Ermutigung dienen, nicht aufzugeben.

Wobei hinzugefügt werden muss, dass es gerade die Zielorientierung ist, die das Hindernis sein kann. Deshalb hat der indische Advaita-Lehrer Ramesh Balsekar wiederholt zum Ausdruck gebracht, dass die höchste Form der Hingabe die Akzeptanz sei, dass "Erleuchtung" nicht im eigenen body-mind-system stattfinden würde.

Red Bavarian 25.09.2012 | 18:27

Dass es nicht um das Wo und das Wann geht, das ist mir schon klar. Allerdings geht es um das Wie. Ich denke, das ist die Kernproblematik. Das Logion 113 des Thomas-Evangeliums sagt es ja ähnlich aus:

"Seine Jünger sagten zu ihm: Das Königreich, an welchem Tage wird es kommen? Jesus sprach: Es wird nicht kommen, indem man darauf wartet. Man wird nicht sagen: Seht, hier ist es, oder: Seht, dort ist es. Sondern das Königreich des Vaters ist ausgebreitet über die Erde, und die Menschen sehen es nicht."

Der heutige (westlich-materialistische) Mensch scheint etwas - eine Technik oder eine Fähigkeit - verloren zu haben, ähnlich wie es der Essay 'The Gospel of Thomas and the Hermeneutics of Vision' feststellt:

"In its opening words the Gospel of Thomas offers a stunning hermeneutic challenge: "whoever finds the interpretation of these sayings will not experience death." Unfortunately, modern reader comes to this incipit devoid of a technique of interpretive reading -- an hermeneutics -- that grants entry into the mysterious meaning vouchsafed by such words."

"Secular discussions of Thomas usually become mired in moral, literal and allegorical techniques of interpretation, accompanied by their sociological congeners. The hermeneus who will meet the challenge of the Gospel of Thomas’ incipit needs enlist another type of hermeneutic technique – a technique hidden and obvious, ancient and modern, simple and complex. Unfortunately our human record documents well that this technique avails only those who have ears attuned to hear it. Without the grace of that gift, the hermeneutics of vision is an obscure and meaningless concept."

Okay, Techniken kann man von da, wo sie erhalten geblieben sind (beispielsweise im Fernen Osten), nachlernen. Übungen zur Achtsamkeit (mindfulness) haben ja schon Eingang in die mehr alternative Psychologie bei uns gefunden. Weiters gibt es offenbar von jeher Menschen, die eine entsprechende Gabe von sich aus haben, aber scheints relativ wenige.

Die Brücke ist somit eine metaphorische der Methodik für die Vielen.

h.yuren 26.09.2012 | 11:02

liebe red bavarian,

was es mit dem begriff und wort ewig auf sich hat, verrät ein seitenblick ins holländische. da heißt eeuw das jahrhundert oder zeitalter. ein jahrhundert ist die zeitspanne, die ein mensch leben kann. was darüber hinausgeht, ist jenseits. auch so ein schönes wort, dessen ursprung nicht schwer zu erraten ist.

kurz: ewigkeit ist ein ausrutscher auf der zeitschiene.

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Ehemaliger Nutzer 26.09.2012 | 12:12

“the grace of that gift“, liebe(r) Red Bavarian, ist leider nichts, für das irgendjemand irgendetwas tun könnte. Insofern ist die „Brücke“ als eine „metaphorische der Methodik für die Vielen“ ein Bild, das etwas verspricht, was es so nicht gibt.

Ich bin an diesem Punkt so (dogmatisch) hartnäckig, weil ich vielen Menschen begegne, die durch ihren spirituellen Eifer permanent scheitern, indem sie diese Brückentechnologie durch spirituelle Rituale und eigene Projektionen ausagieren – und dabei immer nur in die Falle der unbewussten Programme ihres Egos tappen. Der Esoterik-Markt ist überladen von dieser Art von Angeboten, Brücken für das Ego zu bauen, um es in das Paradies mitnehmen zu können.

Dabei gibt es im Thomas-Evangelium einen klaren Hinweis: „Wenn ihr euch erkennen werdet, dann werdet ihr erkannt, und ihr werdet wissen, dass ihr die Söhne des lebendigen Vaters seid. Aber wenn ihr euch nicht erkennt, dann werdet ihr in der Armut sein, und ihr seid die Armut.“

Selbsterkenntnis findet allerdings erst dann statt, wenn alles, was es nicht ist, erkannt und losgelassen wurde. (Weil man nur das, was man kennt, aufgeben kann.) Erst danach kann der Mensch den Traum von der Wirklichkeit unterscheiden - und erkennen, dass jede Distanz eine Illusion war, die durch Projektionen vorgegaukelt wird.

Red Bavarian 29.09.2012 | 10:22

Wie ich es sehe: Es geht doch darum zu suchen, um sich selber zu finden; kurz: um Selbsterkenntnis. Viele Menschen haben sich von sich selber entfremdet, sind quasi außer sich. Eine Projektion wie von Ihnen beschrieben ist etwas dabei ein anderes Ziel, praktisch die umgekehrte Richtung. Aber relativ gesehen ist so und so ein Weg zurückzulegen.

Ich gehe davon aus, dass jeder Mensch qua Existenz eine Verbindung zu seinem Wahren Selbst hat, die bewusstseinsmäßig nur so oft verschütt geht.

Ein Loslassen von allem, also die negative Methodik, wie ich sie aus Ihren Worten entnehme, ist angesichts der Vielzahl der Einflüsse und Bindungen der real existierenden Welt doch kaum leistbar. Deswegen besteht die starke Nachfrage nach metaphorischen Navis doch.

Der von mir zitierte Essay geht davon aus, dass es “the hermeneutics of vision“, also eine positive Methodik, gegeben hat. Die Frage ist nun, ob das wirklich nur “the grace of that gift“ ist, oder ob sie prinzipiell jedem Menschen qua Existenz offensteht, da jeder Mensch qua Existenz ein Wahres Selbst hat.

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Ehemaliger Nutzer 29.09.2012 | 13:47

{„Wie ich es sehe: Es geht doch darum zu suchen, um sich selber zu finden; kurz: um Selbsterkenntnis. Viele Menschen haben sich von sich selber entfremdet, sind quasi außer sich. Eine Projektion wie von Ihnen beschrieben ist etwas dabei ein anderes Ziel, praktisch die umgekehrte Richtung. Aber relativ gesehen ist so und so ein Weg zurückzulegen.“}

Die umgekehrte Perspektive ist im Grunde keine Perspektive, weil Perspektiven Bilder benötigen. Bilder entstehen aber immer durch das erinnernde Bewusstsein, das Fragmente mit gespeicherten Mustern vervollständigt. Mit anderen Worten: das wahre Selbst kann erst dann identifiziert werden und identifiziert sich selbst, wenn jede fokussierende Verdichtung von Bewusstsein (Perspektive) abwesend ist. Ohne Verdichtung existiert nicht mal ein Raum, in dem Bilder (Projektionen) jeglicher Art existieren könnten.

Entsprechend existiert dort auch keine Projektion von einem getrennten Wesen namens Baum, Wolke oder Mensch.

{„Ich gehe davon aus, dass jeder Mensch qua Existenz eine Verbindung zu seinem Wahren Selbst hat, die bewusstseinsmäßig nur so oft verschütt geht.“}

Der Ausdruck „Verbindung“ ist einer dinglich fragmentarischen Weltanschauung entsprungen. In Wirklichkeit gibt es nur Überlagerungen, die als Nebel neuronaler Hirngespinste die Identität verdecken.

{„Ein Loslassen von allem, also die negative Methodik, wie ich sie aus Ihren Worten entnehme, ist angesichts der Vielzahl der Einflüsse und Bindungen der real existierenden Welt doch kaum leistbar. Deswegen besteht die starke Nachfrage nach metaphorischen Navis doch.“}

Die „Vielzahl der Einflüsse und Bindungen der real existierenden Welt“ entsteht ja nur durch den Glauben an ihre singuläre Bedeutung. Und dieser Glaube wird genährt durch ein „Bewußtsein, das in angeborener Weise die Phänomene mißversteht und falsch auffaßt, nämlich so, als existierten sie aus eigener Kraft und nicht abhängig.

Dieses Bewußtsein bezieht sich auf verschiedene Arten von Objekten. Daher unterteilt man die Unwissenheit in eine Form, die bei der Wahrnehmung von Personen fälschlich eine inhärente Existenz erfaßt, und in eine andere, die die inhärente Existenz bei der Wahrnehmung anderer Phänomene erfaßt. Entsprechend bezeichnet man die erste Form der Unwissenheit als Bewußtsein, das ein Selbst der Person auffaßt, und die zweite als Bewußtsein, das ein Selbst der Phänomene auffaßt.

Die Vorstellung vom Selbst der Person ist wiederum zweifach: In einem Fall nimmt man eine andere Person wahr und betrachtet sie als inhärent existent. Im anderen Fall nimmt man die eigene Person wahr und betrachtet sich selbst als inhärent existentes „Ich“.“ (Der Dalai Lama, Was ist Unwissenheit?) http://www.tibet.de/tib/tibu/1997/tibu40/40unwissen.html

Die „Nachfrage nach metaphorischen Navis“ kannalso nicht substanziell befriedigt werden, wenn die wegweisende Orientierung über die „Vielzahl der Einflüsse und Bindungen“ hinausweist, sondern wenn die Art und Weise thematisiert wird, wie die subjektiven Wahrnehmungsmuster funktionieren = „real existierende Welten“ erschaffen.

{„Der von mir zitierte Essay geht davon aus, dass es “the hermeneutics of vision“, also eine positive Methodik, gegeben hat. Die Frage ist nun, ob das wirklich nur “the grace of that gift“ ist, oder ob sie prinzipiell jedem Menschen qua Existenz offensteht, da jeder Mensch qua Existenz ein Wahres Selbst hat.“}

Ja, seit Jahrhunderten gab es das „neti neti“ („nicht dies, nicht das“) und das tantrische Prinzip „und dies, und das“. Alles oder nichts auszuschließen, sind allerdings nur zwei Seiten derselben Medaille, die sich gegenseitig bedingen.

Im Widerspruch dazu befinden sich aber alle Visionen, die „jeden Menschen“ als singuläre Projektion aus dem Ganzen herausfiltern. Die Gnade ist, dass „nur“ das eine Selbst existiert, das zusätzlich darauf verzichtet, sich hermeneutisch zu bebildern, weil nur so unendliche Freiheit als Herzensqualität erfahrbar ist.