Anfrage an Erich Kästner

Kolumne Finden Sie es nicht auch großartig, dass Berlin wieder eine ungeteilte Stadt ist? Wirkt diese historische Tatsache nicht ungeheuer inspirierend auf die Dichter?
Redaktion | Ausgabe 45/2015

Es gibt Dichter, die weniger aus innerer Nötigung heraus, als weil es ihnen zeitgemäß erscheint die „Großstadt“ besingen. Sie bauen lange, kurze und einander parallele Verszeilen, als wären's Straßen; dann fassen sie solche rhythmischen Reihen zu verschiedenen strophischen Stadtvierteln zusammen und beleben ihre papiernen Städte mit dem Geschrei und Geklingel rücksichtsloser Reime. Und zum Schluss werfen sie, diese lyrischen Stadtbauräte, sich selber in den Trubel ihrer poetischen Stadtschaften, wandern auf ungleichen Versfüßen und mit wirrem Haar darin herum und behaupten etwa:

Zehntausend Frauen streifen mein Gesicht -
Der Schlund du Stadt verschluckt sie ungestüm!
Die Nacht ist blau und grenzenlos und voller Licht
Ich aber steh im Dunkel, fremd und anonym...

Diese Herrschaften übertreiben maßlos! Sie suchen es sich zu erklären, dass sie so bedauernswert klein und niedlich sind, und schieben es auf die Größe der Großstädte. Sie wollen den Eindruck wecken, eine Großstadt sei ein „ganzheitlicher“ Komplex und irren sich, mindestens. Eine Stadt wie Berlin besteht aus einer Zahl von Städten, deren jede nicht mehr als drei-, vierhunderttausend Einwohner hat: Bayrisches Viertel, Zentrum, Schlesisches Viertel, Wilmersdorf usw. Innerhalb dieser Bezirke kennt man einander genauso wie in Chemnitz oder Brünn; in diesen Bezirken ist man genauso einheimisch wie anderswo; sie sind lediglich in den Namen „Berlin“ eingemeindet, diese Bezirke. „Berlin“ existiert überspitzt formuliert zwar auf Steuererklärungen und anderem Papier, nicht aber in der Gefühlssphäre der Einwohnerschaft. Der Wilmersdorfer, der ins Zentrum fährt, überschreitet eine imaginäre Grenze: Er unternimmt eine Reise, welcher nichts als die Ausdehnung fehlt.

Nur so ist es erklärlich, dass die Berliner auch wenn sie niemals fort waren einen weitgereisten Eindruck machen und sich trotzdem und im übrigen von anderen Menschen, Bürgern und Beamten nicht unterscheiden. Nur so erklärt es sich auch, dass in Berlin Dinge geschehen, die jeder Kleinstadt zur Ehre gereichten. Auch hier gibt, beispielsweise, spaßhafte Gründlichkeit oft genug saftigen Anlass zu gründlichem Spaß. So wurden dieser Tage einer ahnungslosen, biederen Frau auf dem Einwohner-Meldeamt Bombenvorwürfe gemacht, weil sie sich nicht umgemeldet habe. „Ich bin ja aber gar nicht umgezogen“‚ wandte sie ein. Der Beamte schaltete den dritten Gang ein und schnauzte, nichtsdestoweniger habe sich ihre Adresse verändert! „Das stimmt“, gab sie zu, „trotzdem wohne ich noch im selben Hause. Es ist ein Eckhaus, Herr Sekretär, und da hat man den bisherigen Haupteingang vermauert und nun müssen wir eben von der andern Straße her ins Haus“ Der Beamte sagte, das wisse er alles. „Ja, aber“, rief die Frau aus, „es ist doch noch dasselbe Haus, und es ist noch dieselbe Wohnung wie immer!“ Dennoch habe sie die Ummeldung versäumt und sich spürbaren Strafen ausgesetzt. Von Glück könne sie reden, solch einen nachsichtigen Beamten getroffen zu haben.

Sollte diese kleine Begebenheit eine Moral haben, so nur die: daß es in Schilda und in Berlin gefährlich ist, Eckhäuser zu bewohnen. Denn hier kann einem nachgewiesen werden, man sei aus- und wieder eingezogen, obwohl man sich nicht aus dem Hause rührte.

29 Juli 1927

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