Assoziationswelle mit viel Schaum

Rein Gold Elfriede Jelineks Beitrag zum Richard-Wagner-Jahr 2013 ist eine schier endlose antikapitalistische Tour de Force durch den Nibelungenring
Henni Kristin Wiedemann | Ausgabe 13/2013

Beinahe jede Neuinszenierung von Richard Wagners Ring des Nibelungen wartet mit einer Metamorphose des Rheingolds auf. So macht Frank Castorf für die diesjährigen Bayreuther Festspiele aus dem im Fluss versenkten Edelmetall kurzerhand das schwarze Gold und inszeniert seinen Ring vor der Kulisse des Erdölzeitalters. An der Deutschen Oper Berlin holt ein Jugendprojekt den Schatz in die nächste Generation und stellt den Eltern-Kind-Konflikt in den Vordergrund.

Auch Elfriede Jelinek hat einen Text für das Wagner-Jahr verfasst: Ein 220 Seiten dralles, eng gestricktes Gedankenbündel aus Bankenkrise, Naziterror und Kapitalismuskritik. Rein Gold ist eine Tour de Force quer durch das Wagner’sche Nibelungen-Universum. Und eine schier endlose Spirale antikapitalistischer Furore.

„Also. Papa hat sich diese Burg bauen lassen, und jetzt kann er den Kredit nicht zurückzahlen. Eine Situation wie in jeder zweiten Familie“, beklagt sich das aufmüpfige Töchterlein Brünnhilde. Wir sind im dritten Akt der Walküre. Zur Erinnerung: Wotans Lieblingstochter hat wider seine Anweisungen gehandelt und ihren göttlichen Vater erzürnt. Zur Strafe will dieser sie in einen tiefen Schlaf schicken und dem Erstbesten, der sie weckt, zur Frau überlassen. Brünnhilde kann immerhin durchsetzen, dass dies nur ein furchtloser Held sein dürfe (der dann Siegfried sein wird). In diesen Dialog steigt Rein Gold unvermittelt ein. Die einzige Information, die Jelinek vorab gibt: Das „B“ steht für Brünnhilde, „W“ für Wotan, den Wanderer. Und schon feuern B und W fleißig drauf los.

Das als „Bühnenessay“ betitelte Textkonvolut, entstanden auf Anregung der Bayerischen Staatsoper München, beginnt mit einer Aktualisierung des knapp 140 Jahre alten Stoffs: Aus dem Göttervater mit der auf Kredit erbauten Burg Walhall wird kurzum der Bundespräsident a. D. auf der großen Burg Wedel. An den Verhältnissen hat sich also nicht viel verändert – „Diebstahl am Anfang, Diebstahl am Ende, dazwischen Betrug“.

Brünnhilde bestellt bei Amazon

Diese Erkenntnis entfacht ein ganzes Feuerwerk Jelinek’scher Analogie-Wut, und es folgen bis zu 50 Seiten lange Monologe über politische Korruption, illegale Steuerparadiese und den Klassenkampf. Zentrales Thema ist natürlich das Gold, also Geld: „Da regt sich was und vermehrt sich! Wir könnens nicht sein, aber da bewegt sich noch was. Die Bewegung des Kapitals ist ja maßlos. Die hört nicht auf.“

Brünnhilde prangert ihren Vater für seine Habgier und Falschheit an und sinniert über die Ausbeutung der Arbeiterschaft. Außerdem schreibt sie fleißig, tippt „endlose Bits und Bytes“, bestellt ihre Bücher bei Amazon und hat natürlich ein Pferd. Wotan hingegen verlangt nach dem Erlöser, der sein Fehlverhalten ausbadet, beklagt sich über den ständigen Stillstand, in dem nur das Geld allein sich noch bewegt, und hat eigentlich schon aufgegeben.

Die Assoziationswelle, die sich mit viel Schaum über die Seiten wälzt, ist als Stilmittel der Jelinek-Prosa nichts Neues. Ähnlich steht es um Wortneuschöpfungen und Kalauer, die schon im Titel angedeutet werden („Du brauchst eine Riesensumme für die Riesen. Nach Adam Riese kannst du das nie abzahlen“). Einige unterhaltsame Passagen heben die Suada aus ihrer mitunter lähmenden Monotonie. Dennoch: Jelinek kennt den Wagner-Text bis ins Detail und webt ihn gekonnt in ihre Paraphrase ein.

Beim Lesen wird allerdings schnell klar, vor welchem Problem Intendant Nikolaus Bachler im vergangenen Juli bei den Opernfestspielen in München stand, als er den Text erstmals auf die Bühne bringen sollte. Ohne Probe, mit einer Handvoll Schauspielern und Assistenten, ließ er den Text lesen – über sechs Stunden lang. Die Zuschauer durften kommen und gehen, wann sie wollten, die Zahl der noch zu lesenden Seiten wurde an einem Flip Chart rückwärts laufend abgezählt. Auch zwischen zwei Buchdeckel gepresst erleichtert sich nicht der Zugang zum Text. Gerne möchte man zwischendurch aufstehen und den Lesesaal verlassen. Oder um es mit den Worten des Göttervaters zu sagen: „Genug Worte. Schon viel zu viele Worte. Dankeschön“.

Rein Gold: Ein Bühnenessay Elfriede Jelinek, Rowohlt 2013, 224 S., 19,95 €

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01:00 10.04.2013

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