Attrappen

A–Z Sie lauern immer und überall. Im Elternhaus und im japanischen Restaurant, in der Pop-Musik oder in Möbelhäusern. Unser Attrappen-Lexikon
Redaktion | Ausgabe 10/2016

A

Apfel Rot, rund, glänzend: Einen so perfekten Apfel hatte die Welt oder zumindest dieses kleine Mädchen noch nie gesehen. Das Beste: Er wuchs nicht ganz oben im Baum, wo ihn nur Vögel oder Erwachsene mit einer Leiter erreichen konnten, sondern auf Augenhöhe. Ich muss das Wunderobst eine Weile mit offenem Mund angestarrt haben, so erzählten es meine Eltern später oft. Dann ging alles ganz schnell: Ich machte einen entschlossenen Schritt nach vorn, riss die Frucht vom Baum und biss hinein (➝ Speisen). Und fing sofort an zu schreien, denn das rote Ding war nicht essbar, sondern eine Weihnachtsbaumkugel. Meine Erinnerung setzt in dem Moment ein, in dem meine Mutter die glänzenden Splitter der Apfelattrappe aus meinem Mund zog. Und ich sehr empört über die allgemeine Schlechtigkeit der Welt war, woran sich bis heute eigentlich nicht viel geändert hat. Äpfel esse ich seither nur, wenn ich sie vorher probehalber angestupst habe. Elke Wittich

B

Bombe Für Möchtegernterroristen und andere Kriminelle erweist sich die Attrappe als ganz besonders nützlich, wenn sie in Gestalt der Bombe daherkommt. Diese vereint auf bemerkenswerte Weise die Eigenschaften Rationalität, Kosteneffizienz und Effektivität. Während schon der Bau einer einzigen echten Bombe (Vorsicht, keine Attrappe!) sehr viel Zeit, Ausdauer, Können und Wissen voraussetzt, lässt sich mit unechten Bomben in kurzer Zeit sehr viel einfacher Angst (➝ Türschloss) und Schrecken verbreiten. Wenig Angst hat der Mensch vor bereits explodierten Bomben, da herrscht Gewissheit. Verlassene Koffer sorgen indes für großräumig abgesperrte Bahnhöfe und Flughäfen. Hier ist Angst garantiert. Weiterer Vorteil: Im Gegensatz zur tatsächlichen Bombe ist bei der Attrappe bis dato kein einziger Fall von Fehlzündung dokumentiert. Timon Karl Kaleyta

D

Disneyland Walt Disney soll einst gesagt haben, sein Vergnügungspark sei nicht nur für Kinder konzipiert, sondern auch Erwachsene dürften hier wieder jung sein. Disneyland erscheint also als perfekte Scheinwelt, als weichgezeichnete Attrappe der Wirklichkeit. Genauer betrachtet ist diese Annahme allerdings irreführend: Es ist nicht einfach eine Plüschversion der Realität – es ist die Realität. Zumindest wenn man dem Philosophen (➝ Milli Vanilli) Jean Baudrillard folgt.

Dessen Konzept der Hyperrealität beschreibt eine Simulation, die uns nicht bloß die Fiktion einer Welt aus Zuckerwatte beschert, sondern gleichzeitig eine Trennlinie zwischen Wirklichkeit und Attrappe zieht. Doch eben das sei die Illusion: Disneyland vertuscht, dass unser Leben außerhalb des Parks längst eine Simulation ist, Abbilder „realer“ als die Realität sind. Wer weiß schon, ob die flachen Bäuche der Modemagazine echt sind? Aus diesem Grund war Dismaland, das letztjährige Großprojekt des Street-Art-Künstlers Banksy, so eine verstörende Dekonstruktion Disneylands. Sie illustrierte das wenig zuckrige Fundament unter Disneys Knusperhäuschen. Joseph Möller

E

EDV Auf den in Möbelhäusern ausgestellten Schreibtischen fand man früher häufig Computerattrappen. Sie bestanden aus gezogener Kunststofffolie und imitierten klobige Tastaturen und flache Monitore, aber ohne Verkabelung (➝ Bombe). Deshalb waren sie für die Einschätzung zur späteren Bestückung mit echter EDV wenig hilfreich. Gab es seinerzeit nur Röhrenmonitore mit enormer Bautiefe, bleibt zudem ungeklärt, ob Möbelhäuser die Entwicklung des Flachbildschirms initiierten. Bis heute prüfe ich in Videoclips noch reflexhaft, ob die gezeigte EDV-Ausstattung korrekt verkabelt ist. Ist sie es nicht, sieht man in aller Regel ein Pornoset oder das Büro eines wenig technikaffinen Politikers. Uwe Buckesfeld

F

Fotografie Thomas Demand macht aus Attrappen Kunst: Er baut Abbildungen realer Orte nach, etwa das Stern-Cover, das 1987 den toten Uwe Barschel in der Badewanne zeigte. Die lebensgroßen Modelle bestehen komplett aus Papier und landen nach dem Abfotografieren im Müll. Was bleibt, ist ein menschenleeres und durch die papierne Verfremdung irritierendes Foto eines vertrauten Bilds. Nur einer dieser an Bühnenräume erinnernden Aufbauten blieb erhalten: 2006 diente Demand ein Postkartenmotiv (➝ Disneyland) als Vorbild für eine mallorquinische Grotte. Auf Besuch freuen sich die 30 Tonnen grauer Karton heute in der Fondazione Prada in Mailand. Sarah Alberti

H

Historismus Der Historismus war eine Ära des Als-ob. Gemäß dem Zeitgeist dieser circa von 1850 bis zum Ersten Weltkrieg reichenden Epoche musste alles auf alt getrimmt werden. Mit dem nostalgischen Blick in die Geschichte versicherte man sich der eigenen Größe, die es in der Gegenwart zu bewahren galt. Und dafür griff man zur Attrappe. Bemaltes Holz ersetzte massiven Marmor, strahlend anmutender Alabaster bestand eigentlich aus Gips (➝ Fotografie).

Für Fabriken wurden Burgengehäuse errichtet, antike Säulen wieder populär. Neues musste alt erscheinen. Ein ähnlicher Historisierungswahn ist seit rund 20 Jahren in Deutschland wieder zu beobachten. Beispiele sind der „Wiederaufbau“ der Dresdner Frauenkirche, des Berliner Stadtschlosses und die Diskussionen um die Potsdamer Garnisonkirche. Als attrappenhafte Geschichtsbilder sollen sie dem Rechnung tragen, was Friedrich Nietzsche einst „Altgier“ nannte. Tobias Prüwer

M

Militär „Ich bin nichts, ich kann nichts: Gebt mir eine Uniform!“: Mancher hält das Militärische für eine Charakterfassade. Tatsächlich spielt Kulissenschieberei in der Kriegsführung eine wichtige Rolle (➝ Zuverdienst). Bekanntestes Beispiel ist das Trojanische Pferd. Ebenfalls aus Holz waren die sogenannten Quaker Guns: Baumstämme, die Artilleriegeschütze simulierten. Mittels dieser wurde so manches Gefecht im Amerikanischen Unabhängigkeits- und später auch im Bürgerkrieg entschieden.

Für einen ähnlichen Effekt sattelten die Mongolen ihre Reservepferde einst mit Strohpuppen. Im Zweiten Weltkrieg kamen wiederum Scheinanlagen zum Einsatz. Um die alliierten Bomberverbände zu falschen Zielen zu locken, wurde etwa der Stuttgarter Hauptbahnhof bei Lauffen am Neckar nachgebaut. Serbien sorgte im Kosovo-Krieg mit improvisierten Panzermodellen aus Tetra-Pak-Material für Verwirrung bei den NATO-Truppen. Und heute sollen aufblasbare Panzer der Renner in Bundeswehr-Kitas sein. Tobias Prüwer

Milli Vanilli Es reichte ein Sprung auf der Playback-CD, um die Megastars Milli Vanilli als das zu entlarven, was sie in Wirklichkeit waren: zwei willenlose Posterboys, die von einem skrupellosen Produzenten wegen ihres Aussehens eingekauft wurden, um mit einem vorproduzierten Studioalbum (von Studiomusikern!) einen Grammy zu gewinnen. Als der Betrug aufflog, waren die Attrappen Rob und Fab über Nacht ruiniert.

Und der Gesang wurde zu dem, was der Philosoph Slavoj Žižek das „autonome Teilobjekt“ nennt: ein Organ ohne Körper, eine albtraumhafte Melodie, die die beiden Posterboys zu überdauern drohte. Žižeks Lösung, selbst zum Teilobjekt zu werden, um es zu vernichten (➝ Militär), erwies sich da als keine große Hilfe. Denn als Milli Vanilli letzten Endes doch zu singen begannen, beschleunigte es den Absturz nur. Der Versuch, die Stimme loszuwerden, indem sie selbst die Stimme wurden, ging schief. Simon Schaffhöfer

S

Speisen Geht man durch die Straßen Tokios, wird man an Restaurants vorbeikommen, in deren Schaufenstern die leckersten Gerichte stehen. Sushi neben Burger und Bratwurst: frisch, appetitlich, perfekt. Ein halbes Jahr später wird man all das genauso wieder dort sehen. Appetitlich, perfekt – aber offensichtlich nicht frisch. Es sind täuschend echte Plastikattrappen, die in Japan als kulinarische Offerte eine lange Tradition (Historismus) besitzen. Zudem bilden sie ein einträgliches Geschäft: Der größte Hersteller hat einen Jahresumsatz von knapp 40 Millionen Euro. Aber auch in Deutschland ist Fake Food gefragt, etwa um Filmsets auszustaffieren. Will man da aber noch Schauspieler sein, wenn man vor dem perfekten Braten sitzt, der immer unerreichbar bleibt? Benjamin Knödler

T

Türschloss Bei uns im Kiez wird neuerdings öfter eingebrochen. Freunde wohnen leider ideal im ersten Stock, die Flügeltür links. Die Einbrecher mussten sich praktisch nur mit Druck dagegen lehnen. So einfach ist das? Wir wohnen im dritten Stock. Allerdings haben wir auch eine Witztür. So ein Einbruch, das ist schon eine gemeine Vorstellung. Eine angelehnte Tür wie im Tatort, dahinter durchwühltes Terrain, Laptop (➝ EDV) weg. Sollten wir aufrüsten? Ein richtiges Schloss kostet viel Geld, sagen meine Freunde, die neuen Experten. Sie haben nach dem Einbruch sofort gehandelt. Der Sicherheitsdienst hatte noch einen Tipp: bewährt hätten sich Attrappen vom 1.000-Euro-Schloss. Aber psst! Katharina Schmitz

U

U-Bahn Blutverschmierte Menschen stapeln sich schreiend übereinander. Klingt apokalyptisch, war aber genau so geplant. Anfang März fand in der Nähe Londons nämlich die größte Katastrophenübung der europäischen Geschichte statt. Bei der viertägigen Simulation, für die in einem stillgelegten Kraftwerk eigens eine U-Bahn-Station nachgebaut wurde, wirkten über 200 Einsatzkräfte und 2.000 Statisten aus mehreren Ländern mit. Das Szenario bestand nämlich darin, dass ein Hochhaus auf die Tube gestürzt ist, sodass über 1.000 Verletzte (➝ Apfel) gleichzeitig versorgt werden müssen.

Eine Attrappe anderer Art existiert bereits seit 1886 in London. Wurde damals die U-Bahn-Strecke zwischen Paddington und Gloucester Road eröffnet, riss man dazwischen, Leinster Gardens 23–24, ein Haus ab, denn die Loks brauchten seinerzeit noch Tunnelöffnungen zum Dampfablassen. Um das Straßenbild nicht zu verschandeln, zog man dafür eine Mauer hoch und malte eine Hausfassade drauf. Sie steht bis heute. Nils Markwardt

Z

Zuversicht Das Szenario ist bedrückend: Die verfeindeten Staaten Ariana und Atropia befinden sich im Krieg, es gibt Separatistenaufstände, die Menschen fliehen aus ihren Dörfern. Doch die Region, die eigentlich an der Grenze zwischen Asien und Europa liegen sollte, befindet sich im fränkischen Hohenfels. Die umkämpften Krankenhäuser, Kirchen und Regierungsgebäude sind Attrappen, um NATO-Einsätze zu trainieren. Und auch die Bewohner sind Statisten, ein bunter Haufen aus Studenten, Rentnern, Arbeitslosen. Für sie ist der Fake-Krieg eine Möglichkeit zum Zuverdienst. Während der dreiwöchigen Übung erhalten sie Tagessätze, als Dorfbürgermeister zum Beispiel 85 Euro am Tag. Bald wird es für die „Zivilisten“ neue Einsatzorte geben: In Sachsen-Anhalt entsteht gerade die größte militärische Trainingsstadt Europas, inklusive ➝ U-Bahn-Station. Benjamin Knödler

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06:00 23.03.2016

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