Aussuchen, jeden Tag

Millennials Sie sind verwöhnt, wollen ein besseres Leben und nicht zu viel arbeiten. So das Klischee zur Generation Y. Aber das alles ist komplizierter – erzählen zwei von ihnen

Morgen? Was ist das

Alles ändert sich rasant. Da kann man nichts planen

von Johanna Warda

Ich bin ein wandelndes Klischee. Ich komme aus einem Kaff in Westdeutschland und habe mit 19 angefangen, Berlin-Neukölln zu gentrifizieren. Ich habe eine Geisteswissenschaft studiert und weiß heute, mit 27, immer noch nicht wirklich, was ich „mal werde“. Jedenfalls kann ich nicht auf ewig zwischen Master und unzähligen Texterjobs herumdümpeln. Ich kritisiere den Kapitalismus, habe aber MacBook und iPhone. Ich konsumiere so nachhaltig wie möglich, fahre aber auch einen Camper-Van – mit Dieselmotor – und mache Backpacking-Trips. Kurz: Ich bin alles, was an meiner Generation nervt. Es nervt deswegen, weil es so inkonsequent erscheint. Aber: Es handelt sich um den Versuch, ein gutes Leben zu führen.

Aber was versteht die Generation Y – sofern man sie überhaupt über den zu Recht verhassten Kamm scheren kann – überhaupt unter einem guten Leben? Ziemlich sicher nicht mehr das, was unsere Eltern gemeint haben – immer der Devise Safety first folgend. Unsere Eltern haben uns Regeln mit auf den Weg gegeben, die nicht mehr auf unsere Lebensrealität anwendbar sind. Uns ist Freiheit wichtiger als Sicherheit. Doch was uns häufig vorgeworfen wird – nämlich, dass wir uns dafür freiwillig entschieden hätten und fröhlich in den Tag hinein lebten –, ist ein Mythos.

Wir, diese YOLO-Generation, der man nachsagt, das Leben besonders intensiv auszukosten, haben Lücken im Lebenslauf und wollen nicht, dass die Arbeit das ganze Leben bestimmt. Zeit ist wichtiger als Geld. Wir reden nicht über Altersvorsorge, sondern über Grundeinkommen. Wir schmieren uns Avocado aufs Brot und wohnen auch mit Anfang dreißig noch in unseren spärlich eingerichteten Altbauwohnungen. All das hat zu dem Vorurteil geführt, wir wären faul und hielten uns alle für etwas Besonderes. Aber: dass wir unsere Freiheit so vehement verteidigen, liegt nicht daran, dass wir stets in der Lage wären, so zu tun, als gäbe es kein Morgen. Im Gegenteil: Dieses „Morgen“ schwebt ständig über unseren Köpfen – in Form eines riesigen Fragezeichens. Egal, ob privat oder weltpolitisch: Nichts ist mehr sicher.

Die Welt, in die wir geboren wurden, hat sich von Tag eins an rasant verändert. Wir sind mit dem Internet zusammen erwachsen geworden, sind an digitale Reizüberflutung gewöhnt, aber auch an unbezahlte Praktika, Jobwechsel im Jahrestakt, Börsencrashs, halbgare Beziehungsmodelle, Mietpreiserhöhungen und Eigenbedarfskündigungen – und seit Neuestem auch an eine Politik, die jeden Moment in die Katastrophe münden kann. Spaß macht uns das alles meistens nicht. Wir sind nicht so sprunghaft, weil wir wollen, sondern weil wir müssen. Gentrifizierung, Globalisierung, die Veränderungen in der Erwerbsgesellschaft und die Digitalisierung verlangen diese Flexibilität von uns.

Wenn wir also versuchen, uns ein gutes Leben aufzubauen, dann bauen wir lieber gar nicht. Ein gutes Leben kann für uns nur noch in der Gegenwart stattfinden, weil morgen schon alles anders sein kann. Das klingt wie ein schmieriges Wandtattoo, ist aber unsere Lebensrealität. Statt in Visionen vom Eigenheim – irgendwann mal – investieren wir lieber in Reisen – jetzt sofort. Wir versuchen, das Beste aus den Ressourcen zu machen, die wir haben – und heben nichts für später auf. Auch das nicht immer freiwillig, denn meist bleibt sowieso nichts übrig, was man sparen könnte.

Es gibt kein richtiges Leben im falschen – schon klar. Aber gibt es ein gutes Leben im falschen? Was die Generation Y von ihren Vorgängern unterscheidet, ist vielleicht die Erkenntnis, dass wir nicht länger mithilfe, sondern trotz des Systems zu einem guten Leben zu gelangen versuchen. Auf das Morgen vertrauen würde bedeuten, dem System zu trauen. Das haben wir uns abgewöhnt.

Stattdessen schauen wir dem Turbokapitalismus beim Wüten und Regierungen beim Rechtsruck zu, picken Plastik aus dem Meer und versuchen, mit Hashtags ein bisschen was zum Guten zu verändern. So werden wir auch Teil des Ganzen, denn wirklich am System zu rütteln wirkt so unmöglich, dass wir stattdessen ständige Schadensbegrenzung betreiben und hin und wieder unsere Überzeugungen über Bord schmeißen müssen – des guten Lebens wegen. Und dann fliegen wir eben doch nach Goa und kaufen uns iPhones. Ein gutes Leben im falschen geht nur, wenn man Widersprüche aushält – und dabei gezwungenermaßen zum wandelnden Klischee wird.

Aussuchen, jeden Tag

Freieres Arbeiten bleibt meist ein schöner Traum

von Milan Ziebula

Als Jugendliche habe ich mich laut über meine Elterngeneration beschwert, die neben einer 40-Stunden-Woche kaum Zeit für sich, Familie und Freunde hatte. Später war ich mir mit meinen Kommilitonen einig: Leistungsgesellschaft sucks! Und vor allem wollten wir alle niemals einen Vollzeitjob machen.

Während ich heute als 28-jähriger Medienmensch zu flexiblen Arbeitszeiten in einem Coworking Space Artikel über die vermeintliche Generation Y schreibe, sitzt die 32-jährige Schneiderin Julia ein paar Straßen weiter schon morgens an der Nähmaschine und kümmert sich am Nachmittag um ihre Tochter. Julia und ich gehören zu einer Generation, haben ähnliche Elternhäuser und sind zusammen in Thüringen aufgewachsen. Trotzdem könnten unsere Vorstellungen von einem guten Leben nicht unterschiedlicher sein.

„Hier muss ich noch den Saum machen“, sagt Julia und streicht über das blaue Kleid. Sie kneift angestrengt die Augen zusammen. Eigentlich hat sie schon Schluss, das Stück muss sie aber heute noch fertigstellen. Ein bis zwei Stunden arbeitet sie an dem Kleid und bekommt dafür zehn Euro. Frage ich Julia, was für sie das gute Leben ist, fallen ihr sehr konkrete Dinge ein: zwei Mal im Jahr in den Urlaub fahren und mehr als einmal im Monat ins Kino gehen.

Für mich bedeutet das gute Leben vor allem, in keiner Mühle zu stecken, sondern mir jeden Tag aussuchen zu können ob, wann und wie viel ich arbeiten möchte. Und in den Urlaub zu fahren, wenn mir danach ist.

Julia dagegen hat nicht die Lebenswelt und den sozialen Hintergrund, um sich solche Fragen überhaupt zu stellen. Ihr Arbeitsplatz erfordert, dass sie zu bestimmten Zeiten in der Werkstatt präsent ist. Falls es so etwas wie eine Generation Y geben sollte, wäre Julia kein Teil davon. Ich bezweifele allerdings ohnehin, dass sich eine Generation unter einem einzigen Label vereinen lässt. Der Marburger Soziologie-Professor Martin Schröder hat in seiner dieses Jahr erschienenen Studie Der Generationenmythos belegt, dass sich die Lebenseinstellungen in der vermeintlichen Generation Y von denen der Babyboomer, der 68er oder der Generation X kaum unterscheiden. In den letzten 10 bis 15 Jahren sieht er hingegen bei allen einen Wertewandel im Verhältnis zur Arbeit. So wächst bei Mitgliedern in Gewerkschaften der Wunsch nach flexibleren Arbeitszeiten.

Freieres Arbeiten ist aber immer noch nicht die Lebensrealität der Masse. Viele Menschen sind in starren Verhältnissen tätig. Auch solche, die nicht im urbanen Raum mit einer schnellen Internetverbindung aufwachsen oder die sich in der digitalen Welt nicht so sicher bewegen können, sind von der Debatte über neue Formen der Arbeit oft ausgeschlossen. Andere, wie Migranten, sind auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt. Laut einer kürzlich erschienenen Studie der OECD werden in Deutschland 40 Prozent der Jobs für gering Qualifizierte von Menschen mit Migrationshintergrund übernommen.

Vor allem Alleinerziehende und Menschen mit Behinderung sind armutsgefährdet und können sich meist gar nicht erlauben, zu fragen, wie viel sie wann und wo arbeiten möchten. Wer sehr wenig verdient, kann nicht einfach sagen: Ich arbeite nur noch 20 Stunden in der Woche, weil mir das guttut.

Das Privileg, nach dem „guten Leben“ zu suchen, haben allerdings nicht nur die, die finanziell gut aufgestellt sind. Jene, die zur Generation Y gehören sollen, sind nicht unbedingt reicher. Aber sie haben das Wissen, dass sie es potenziell sein können. Und damit auch den entsprechenden Habitus, der sie von den anderen unterscheidet, von Menschen wie Julia.

„Ich beschäftige mich gerade damit, dass es eine Schicht in unserer Gesellschaft gibt, die hinterfragt, wie sie arbeiten möchte, wo und wie viel, was denkst du darüber?“, frage ich sie. „Finde ich gut, ich denke darüber auch manchmal nach, kann es aber praktisch nicht umsetzen. Ich hätte gerne mehr Freizeit.“ Julia findet es ungerecht, dass manche Menschen sich locker aussuchen können, wie lange sie arbeiten möchten. „Aber Putzfrauen und Krankenschwestern zum Beispiel müssen sehen, wie sie über die Runden kommen. Viele Berufe werden einfach nicht genug wertgeschätzt.“ Sich auf die intensive Suche nach dem „guten Leben“ zu machen ist ein Privileg – genauso, wie darüber zu schreiben. Hoffentlich bleibt es das nicht ewig.

06:00 31.01.2019

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