Bonn

A-Z In Deutschland hat die gute, alte Zeit eine Adresse: Vor 70 Jahren wurde Bonn BRD-Regierungssitz. Gedacht als Provisorium, blieb das Jahrzehnte so. Unser Wochenlexikon
Bonn

Foto: Christian Werner aus „Bonn. Atlantis der BRD“ (Atlantis)

A

Atlantis Es gab eine Zeit, als Leute meines Alters ständig davon sprachen, sich an keinen Kanzler außer Kohl erinnern zu können. Joachim Bessings erster Bonn-Besuch, zum Gartenfest von Hartz IV--Kanzler Schröder, muss kurz danach gewesen sein. Die Bonner Republik war da eigentlich schon passé. Bonn. Atlantis der BRD (Matthes & Seitz), das Buch, das Bessing nun gemeinsam mit Christian Werner veröffentlicht hat, beschwört sie, ein bisschen Proust, ein bisschen Herbert Wehner, noch einmal herauf.

Bonn ist weit weg, als der Erzähler im Badesee eine Kriegsgranate findet, doch Bonn ist auch die Macht, die bewirkt, dass Kinder kerzengerade auf der Autorückbank sitzen, sobald die Staatsgrenze naht. Werners Fotographien (zum Beispiel aus dem „Kanzlerhotel“ Bad Godesberg, unser Bild) können das nicht festhalten. Aber sie halten viel davon fest, was Bonn nicht festhalten konnte. Mladen Gladić

B

Bundesdorf Ein krasserer Kontrast zu Hitlers gigantomanischem Hauptstadtprojekt Germania war kaum vorstellbar: Vier Jahre nach Ende des Nationalsozialismus wurde aus dem kleinen Residenzstädtchen Bonn die Hauptstadt der BRD. Die Staatsgäste aus aller Welt hielten an einem zweigleisigen Bahnhof, ein Flughafen musste erst noch errichtet werden. Die Bürotürme rund um das Regierungsviertel strahlten die Tristesse von Finanzämtern aus (Kleinbürgerlich), und erst nach einer umfangreichen Eingemeindung 1969 wurde die 100.000-Einwohner-Marke geknackt. Bonn sollte nur ein Provisorium sein, daraus wurden vier Jahrzehnte. Als die Mauer fiel, warnten die Anhänger der Bonner Republik vor dem preußischen Moloch. Doch am Ende bekam Bonn die Telekom und diverse UN-Einrichtungen als Ausgleich, und Friedel Drautzburg, die Gallionsfigur der Umzugsgegner, eröffnete in Berlin die Ständige Vertretung der Bonner Republik, noch bevor die ersten Regierungsbeamten die Spree erreichten. Udo Bünnagel

C

Clown Heinrich Bölls Ansichten eines Clowns ist ein heute etwas in Vergessenheit geratenes Werk. In seiner Entstehungszeit aber, im Frühjahr 1963, war es literarischer Sprengstoff. Hans Schnier, Industriellensohn, ist der gefallene Clown, der die Wahrheit sagt und der bürgerlichen, katholischen Gesellschaft den Spiegel vorhält. Der Roman spielt in Bonn, beginnt mit dem Satz „Es war schon dunkel, als ich in Bonn ankam“ und ist zugleich die Geschichte einer gescheiterten Liebe und die Geschichte eines sozialen Abstiegs. Im Visier Bölls steht die Bonner Republik: Wirtschaft, Politik und vor allem die katholische Kirche (Treibhaus). Das falsche Leben anzuprangern ist das Privileg des liebenden, ungläubigen Clowns, dessen Liebe zu der jungen Katholikin Marie Derkum scheitern muss: an den Konventionen, an der Unbarmherzigkeit der Gesellschaft. Sich dem Buch noch einmal zu widmen, jener „militanten Politik des deutschen Nachkriegs-Katholizismus“ (Böll), macht auch heute Sinn, vielleicht vor allem in Form des vom Autor 1982 so eigentümlich selbst gelesenen Hörbuchs. Das Buch endet dort, wo es anfängt, auf dem Bonner Bahnhof, zur Karnevalszeit, wo Schnier auf einer Treppe Gitarre spielt und für einen Bettler gehalten wird. Marc Peschke

H

Hofgarten Die Parkanlage in Bonn war im Oktober 1981 Schauplatz einer der größten Friedensdemonstrationen der Bundesrepublik. 500.000 Friedensaktivisten aus allen Teilen des Landes und aus sehr unterschiedlichen Bündnissen fanden sich zusammen, um gegen den NATO-Doppelbeschluss zu demonstrieren. Vonseiten der DDR wurde die Demo damals heftig mit Beifall bedacht.

Die vorher erfolgte Stationierung der SS-20 Raketen auf dem Territorium der UdSSR wurde weniger thematisiert. Der NATO-Doppelbeschluss mit der Stationierung von Pershing II und Tomahawk-Raketen in Westeuropa verstand sich als Antwort darauf. Der Doppelbeschluss wurde im Jahr 1983 vom Bundestag gebilligt. Der INF-Vertrag von 1987 beendete diese Konfrontation, die aber mit der Aufkündigung durch die USA gegenwärtig wieder aufflammt. Magda Geisler

K

Kleinbürgerlich ist eine auf Bonn gut anwendbare Zuschreibung, wenn man die abwertende Konnotation ignoriert. Für mich meinte sie eine beruhigende Gelassenheit und Jovialität. Sie wollten gar nicht „groß“ sein, die Bonner, sondern am Rhein spazieren gehen. Man sah vielen an, dass ihre Arbeit sicher war (Ministerien). Die Bonner Regierungsmaschine ernährte sie – noch. Auf der Straße wandelte eine Ministerin unbeachtet. Konnte von dort etwas bedrohliches kommen? Kleinbürgerlich – besser als Großmachtträume. MG

M

Ministerien Als die Ministerien nach Berlin zogen, sollte der Verlust mit Stellen in Bundesbehörden kompensiert werden. Rund 18.000 Menschen arbeiten heute in Bonn in diesen Institutionen. Über 20 neue Behördeneinrichtungen sind damals entstanden, um umzugsunwilligen Beamten einen Bürostuhl am Rhein zu sichern (Bundesdorf). Das führte zu einer Übervorteilung nicht nur Bonns gegenüber dem Rest der Republik. Auch das West-Ost-Gefälle in der Verteilung der Bundeseinrichtungen wurde zementiert. Von insgesamt 217 liegt der Hauptstandort von 194 im Westen, von 23 im Osten. Das sind nur knapp elf Prozent für den Osten. Dabei legte die Förderalismuskomission 1992 einen Ausgleich fest – der nie stattfand. Tobias Prüwer

N

Nachrichtenstadt „Bonn, ...“ Wenn dieser kompakte Städtename eine Nachricht im Radio einleitete, wusste man, es folgt politische Relevanz. Im Fernsehen löste das Bild der Bronzeskulptur Two Large Forms von Henry Moore dieses Gefühl aus. Das Kunstwerk fand seinen Platz vor dem Kanzleramt auf Bestreben Helmut Schmidts. Mitnichten kannten die meisten Bürger*innen die Stadt, und doch war sie mit Gefühlen und Meinungen behaftet. Dieses Kleinod am Rhein, das sich den Flughafen(-namen) mit Köln teilt.

Als es mich Jahre später in eine Kleinstadt zwischen Köln und Bonn verschlug, war die Bundeshauptstadt schon nicht mehr am Rhein, sondern längst an der Spree. Aber da war noch etwas: Es beschlich mich das Gefühl, eine entleerte Bedeutungshülle zu besuchen (Zwischennutzung). Vieles war mit dem Etikett des Vergangenen versehen, die Größe gedehnt, aber nicht mehr vonnöten. Immer wenn ich die ehemalige Hauptstadt verließ, wurde mir nachhaltig bewusst, dass Bedeutung immer eines innewohnt: Vergänglichkeit. Jan C. Behmann

S

Schranke „Entweder es regnet oder die Schranke ist unten“ – so heißt ein altes Bonner Sprichwort. Die „Schranke“ ist dabei eine von mehreren Eisenbahnüberquerungen, die mitten in der Innenstadt aufgereiht sind wie Perlen auf der Schnur. Nur dass die Schnur eine ausgewachsene Eisenbahntrasse ist, auf der tagsüber ICEs (so denn welche fahren), nachts aber unendliche lange Güterzüge entlangdonnern und so dem Spätheimkehrenden ungeahnte Momente der inneren Einkehr ermöglichen – bisweilen philosophiert er auch im strömenden Regen, denn Sprichwörter sind unzuverlässig.

Doch lässt sich auch eine erzwungene Entschleunigung durchaus wertschätzen, schließlich dauert der durchschnittliche Weg von A nach B hier selten länger alszehn Minuten (Bundesdorf). Was den neidvollen Ausruf aus der Nachbarstadt erklären mag: „Das Beste an Bonn ist der Zug nach Köln.“ Aber das ist ein anderes Sprichwort. Daniel Braunschweig

T

Treibhaus „Der Abgeordnete war gänzlich unnütz, er war sich selbst eine Last, und ein Sprung von dieser Brücke machte ihn frei.“ So endet der SPD-Abgeordnete Keetenheuve in Wolfgang Koeppens Das Treibhaus. Der Roman, nach den Bundestagswahlen am 6. September 1953 erschienen, wurde als Schlüsselroman skandalisiert. Wer wollte, konnte Adenauer, Schumacher, Heuss oder Gehlen wiedererkennen, allerdings phantasmatische Zerrbilder mehr denn politische Karikaturen. Keetenheuve, Oralhedonist mit Schuldgefühlen, träumerischer Entscheidungsvermeider, hat vor, des Kanzlers Aufrüstungspolitik zu enthüllen. Das wird konterkariert. Er ist umgeben von alten Nazis, Technokraten, katholischen Opportunisten, Machtmenschen. Treibhaus, das sind Bonner Kessel wie Parlament. Doch auch die arg schwülen Sexualphantasmen sind Treibhausprodukte, getaucht ins „Neonbad“.

Die Kritik attackierte den Roman als Zerstörung der „Staatssubstanz“ aus „bodenlosem Haß“, als Anhäufung von „Abartigkeiten“. Bundespräsident Heuß hielt den Roman für „minderwertig“, aus „geschäftlichen Gründen“ gemacht, doch gegen die „lauter unklaren Angaben“ sei juristisch nicht zu gewinnen und es zu versuchen, beschere dem Autor nur Reklame. Für Kritiker, die vom Bonner „Sumpf“ sprachen, hatte Heuss generell wenig übrig. Solch Geschimpfe ginge meist von Leuten aus, die beim „Neuaufbau eines Staates“ nicht „in die Aktion gestellt“ worden waren. Erhard Schütz

W

Wehner „Politik ist die Kunst, das Notwendige möglich zu machen.“ sagte Herbert Wehner. Ein Mann, geprägt von den Verwerfungen des 20. Jahrhunderts. 34 Jahre im Bonner Bundestag, 14 Jahre davon Fraktionschef der SPD. Mit 77 Ordnungsrufen einsamer Rekordhalter in dieser Disziplin. Vom „Strolch!“ bis zur „Dreckschleuder!“ haben sie es sogar zu einer publizierten Antalogie gebracht. Damit baute Wehner, wenigstens in punkto parlamentarischer Kultur, eine Brücke der Kontinuität aus der Weimarer Republik, wo er als kommunistischer Abgeordneter im Sächsischen Landtag saß, in die oft etwas biedere Bonner Republik. Aus heutiger Sicht wirken Wehner und seine Kämpen Brandt („badet gerne lau“) oder Schmidt wie Dinosaurier aus einer Zeit, als es in der Politik noch um etwas ging. Vielleicht sollten wir die Korsagen der wohlfeilen Korrektheit lockern. Dann wird der Blick frei darauf, dass es heute angesichts der autoritär-völkischen Internationalen durchaus wieder um etwas geht. Marc Ottiker

Z

Zwischennutzung Bonns nobelster Stadtteil, das Villenviertel Bad Godesberg, hat sich verändert. Früher stand wegen der 175 Botschaften, die es hier gab, an fast jeder Ecke ein Polizist. Das ist vorbei. Die Regierungsbeamten und Botschaftsmitarbeiter sind in Berlin, die leerstehenden Wohnungen und Villen werden häufig an arabische Medizintouristen vermietet. Die können hohe Preise zahlen, bleiben lange und kommen oft mit der ganzen Familie. Die Frauen sind oftmals vollverschleiert. Auch eine hohe Zahl von Migranten lebt nun dort. Statt Edelboutiquen gibt es in Bad Godesberg nun Shisha Bars, Bordelle und Spielcasinos. Die alte Bundesrepublik gibt es nicht mehr. Was kommt als Nächstes? Ruth Herzberg

06:00 09.05.2019

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