Camus: Delikatessen der Popularphilosophie

Würdigung 100 Jahre alt wäre der französische Philosoph am 7. November geworden. Aber nicht als Denker bleibt er, sondern als Literat
Sabine Kebir | Ausgabe 45/2013 4
Camus: Delikatessen der Popularphilosophie
Madeleine Renaud gratulierte Albert Camus 1957 zum Literaturnobelpreis
Foto: STF/ AFP/ Getty Images

Zum 100. Geburtstag von Albert Camus wird vor allem seine Philosophie gelobt. Von seinen existentialistischen Zeitgenossen wurde er einst dafür verhöhnt, doch dem verunsicherten Mitteleuropäer von heute scheint sie sich angesichts der aufstrebenden Völker Asiens, Südamerikas und der arabischen Welt als geistige Fluchtburg anzubieten.

Wie Camus pochen wir auf die Menschenrechte, obwohl auch wir sie weltweit immer wieder verletzen und sie keineswegs unser exklusives Erbe vom alten Griechenland darstellen – was die französische Kolonialschule Albert, dem Kind aus der europäischen Unterschicht Algeriens, aber eingetrichtert hatte. Dabei weiß heute jeder, dass lange davor auch Buddhisten nach „menschlichem Maß“ in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung und der unvermeidbaren Ausbeutung der Natur suchten.

Nur mit Gewalt

Ein gewisses Recht auf gewalttätige „Revolte“ sprach Camus allenfalls Einzeltätern zu, die bereit sind, mit dem eigenen Leben zu sühnen. Organisierter Widerstand sollte sich auf anarchosyndikalistische Gewerkschaften beschränken. Dieses überaus hübsche Denken bettete Camus in eine banalisierte Form der damals in die Welt gesetzten Totalitarismusdoktrin, womit er die im stalinschen Gulag begangenen Verbrechen auf illusorisch-hegelianischen Fortschrittsglauben zurückführen konnte. Statt diesem zu huldigen solle sich der Mensch als „Sisyphos“ begreifen, der zwar nach Weltverbesserung streben, sie aber nie erreichen kann. Im Gegensatz zum alten Sisyphos dürfe der moderne Mensch neben seiner „Revolte“ nicht zögern, die Freuden des Lebens zu genießen – freilich nur die elementaren wie Licht, Wind, Meer, Wüste und Eros, die „mittelmeerischen“ eben.

Schade, dass auch Iris Radischs neue Camus-Biografie mit dem Untertitel Das Ideal der Einfachheit vor allem sein „mittelmeerisches Denken“ als Delikatesse in die Popularphilosophie einzubringen sucht. Es zerfiel bereits 1954 zu Staub angesichts des ausbrechenden Unabhängigkeitskrieges der muslimischen Mehrheiten Algeriens, die ausprobieren wollten, ob sie nicht doch etwas mehr als die Sisyphosrolle erringen könnten. Nach jahrzehntelangen vergeblichen Versuchen, dem demokratischen Kolonisator das Recht auf eigene politische Parteien abzutrotzen, ging das nur mit Gewalt.

An Radischs Camus-Bild stimmt, dass er zerrissen war von Widersprüchen. Groß war er nicht als Philosoph – als Literat aber war er durchaus größer als Sartre, wenn er sich auch da gelegentlich vergriff, wie mit dem allzu simplen Symbol der Pest für den Faschismus und mit seiner von neokolonialer Kitschwehmut getragenen Huldigung an die römischen Ruinen von Tipaza. Die meisten in Algerien spielenden Erzählungen offenbaren aber sensibelste Wirklichkeitswahrnehmung der in Apartheid-Manier gespaltenen Gesellschaft: auf der einen Seite die unbeschwerten Europäer, auf der anderen die starren und gesichtslosen Gestalten der Autochthonen, die als Fremdkörper in der Landschaft schweben und nur die Rolle von Störenfrieden spielen können.

Edward Said irrte ebenso wie die ersten Literaturwissenschaftler des unabhängigen Algerien, als sie auch Camus’ Erzählungen kolonialen Hochmut zuschrieben, weil er Berbern und Arabern keine Individualität zuzugestehen schien. Nein – dieser leicht surreal überhöhte, harsche Realismus entblößte das gesellschaftliche Skandalon gnadenlos. In Algerien hat man das längst erkannt.

Sabine Kebir ist Algerien-kundige Literaturwissenschaftlerin

 

06:00 07.11.2013

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