Das US-Kino dominiert Venedig

Film In Italien fand das erste große Filmfestival seit der Krise wieder „physisch“ statt. Überraschungen blieben aus
Das US-Kino dominiert Venedig
Chloé Zhao, Autorin und Regisseurin von „Nomadland“

Foto: Amy Sussman/Getty Images

Filmfestivals – vorerst gerettet. So ungefähr lautet das Resümee zur diesjährigen „Mostra Internazionale di arte cinematografica“ in Venedig, dem ersten großen Filmfestival, das wieder physisch, wie man so sagt, stattfand. Um das möglich zu machen, bedurfte es einer Reihe von Maßnahmen: Das traditionelle Über-den-roten-Teppich-Laufen geschah unter Ausschluss des Publikums hinter einer Mauer, alle Kinos waren maximal zur Hälfte besetzt und auf dem gesamten Festivalgelände, drinnen wie draußen, herrschte Maskenpflicht. Man hatte im Vorfeld eine in jeder Hinsicht reduzierte Ausgabe erwartet, mit weniger Stars, weniger Filmen, weniger Partys, weniger Tamtam. Aber dann kam es doch wieder anders. Sieht man von der Allgegenwart der Masken ab, war alles in erstaunlicher Weise wie immer – bis hin zum schlussendlichen Triumph eines amerikanischen Films, der prompt die Oscar-Saison einläutet. Nun ist zwar Chloé Zhaos Nomadland, der Preisträger des Goldenen Löwen dieser 77. Mostra, ein viel „kleinerer“ Film als etwa der letztjährige Gewinner, Todd Philipps’ Joker, außerdem von einer Frau, dazu einer Chinesin, gemacht, mit einer Frau, gespielt von Frances McDormand, im Zentrum. Mithin entsprach die Preisvergabe ganz den Wünschen nach mehr Diversität und Gleichberechtigung. Zumal Zhao erst die fünfte Regisseurin ist, die die Haupttrophäe des ältesten Filmfestivals der Welt mit nach Hause nehmen durfte. Auch der Film selbst steht für ein progressives Anliegen, wendet er sein Augenmerk doch auf ein Milieu der neuen Armut: meist ältere „Nomaden“, die, in Vans lebend, von Job zu Job durch die USA ziehen. Und doch enttäuschte die Vergabe des Goldenen Löwen an Nomadland auch eine der großen Hoffnungen dieser Festivalausgabe unter Covid-19-Bedingungen – und zwar, dass die kulturelle Hegemonie des amerikanischen Kinos wenigstens für dieses Mal aufgebrochen werden würde.

Vielleicht stellt es sich ja als bloße Illusion heraus, die Erwartung, dass die Coronakrise nicht vergeudet werden würde, dass sich mit ihr etwas Neues ergäbe, andere Dinge sichtbar würden. Konkret auf das Kino bezogen, bedeutete das: dass in Abwesenheit der großen Studioproduktionen aus den USA sich die Aufmerksamkeit dem zu Unrecht Marginalisierten zuwenden könnte. Dem indischen Independent-Kino zum Beispiel, dem russischen Arthouse, der japanischen Faschismusaufarbeitung, also all den Filmen, die zwar auch Preise bekommen, manchmal auch die wichtigsten, sich aber dann doch damit begnügen müssen, im Fahrwasser des Glamours aus Hollywood mitzutreiben, der selbst da noch strahlt, wo er, wie in Nomadland, vermieden wird: Niemand kann so gut „unglamourös“ darstellen wie Oscar-Preisträgerin McDormand, und auch wenn Zhao in ihrem von großartigen Landschaften und einer großartigen einsamen Heldin geprägten Film die klassischen „Americana“-Motive kritisch wendet, so ist doch eben der „Westen“ umso zentraler.

Nein, so schnell wird es nicht gehen mit dem Untergang des amerikanischen Kulturimperiums. Wie groß die Anziehungskraft des amerikanischen Kinos selbst in heruntergedimmter Form ist, zeigte sich in Venedig nicht zuletzt beim Run, den es auf Mainstream, den neuen Film von Gia Coppola gab, ihres Zeichens Enkelin des großen Francis Ford und als Regisseurin noch ein recht unbeschriebenes Blatt. Kein Film war schneller ausgebucht – so groß war der Hunger allein auf einen großen Namen.

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