Der Mann muss heiraten

Literatur In „Weiße Rentierflechte“ erzählt Anna Nerkagi vom Eheglück bei den Nenzen in Nordrussland
Der Mann muss heiraten
Man ist als Leser dabei, wenn die Frauen das Feuer bewahren und in totaler Unterordnung das Leben der Männer bedienen. Deren täglicher Kampf mit der Natur und für die Rentierherde steht auf der anderen Seite des Romans

Foto: Tatyana Makeyeva/AFP/Getty Images

Zum ersten Mal ist in deutscher Sprache der Roman einer Schriftstellerin der Nenzen erschienen. Die Nenzen, eine zum Teil noch nomadisierende Minderheit von kaum mehr als 40.000 Menschen, leben hoch im Norden Russlands am Arktischen Ozean. Die Haupttätigkeit der Nenzen war seit Jahrhunderten die Rentierzucht.

Anna Nerkagi erzählt in Weiße Rentierflechte über den Konflikt von individuellem Glück und unerfüllter Liebe. Der Roman beginnt mit den Vorbereitungen auf eine Hochzeit. Zum Ungewöhnlichen dabei gehört, dass der Bräutigam alles andere als froh über das Bevorstehende ist. Die Metapher, die schon im ersten Absatz das Unglück des jungen Mannes wiederzugeben versucht, klingt wie aus einer anderen Welt: „Auch der allerschlimmste Kummer darf den Lauf des Lebens nicht aufhalten, genauso wie ein großer Stein, der in einen Fluss geworfen wird, den Flusslauf nicht umkehrt. Das Wasser umfließt den Stein und nimmt seinen Lauf wieder in die vorbestimmte Richtung.“

Die Handlung des Romans spielt in einer uns nicht vertrauten Gegenwart. Dort, wo Eltern nach alter Sitte die Braut auswählen und eine Liebesheirat nur im seltensten Fall geschieht. Aljoschka rührt die Frau, die man für ihn ausgesucht hat, Wochen und Monate nach der Hochzeit nicht an. Er verletzt damit zutiefst seine Mutter, aber vor allem das angetraute junge Mädchen. Einmal in seinem Leben hat Aljoschka ein Gefühl der Liebe erlebt. Aber diese Frau ist bereits sieben Jahre aus der Region der Nenzen verschwunden und lebt – wie so viele junge Leute – irgendwo in Russland, hat vielleicht studiert und eine Familie gegründet und sich von ihrer alten Heimat abgewandt.

Anna Nerkagi, Jahrgang 1952, ist selbst eine Angehörige der Nenzen. 1977 debütierte sie als Schriftstellerin mit einer autobiografischen Erzählung. Ihr Roman Weiße Rentierflechte, der im Verlag Faber & Faber in Leipzig erschienen ist, entstand 1996. Darin führt die Autorin nicht einfach den Konflikt einer alten mit einer neuen Kultur vor, sondern sie steht als Betroffene dieses Konflikts der Seite ihrer Vorfahren nahe. Der Leser wird mitgenommen in den Tschum – so heißt das kegelförmige Wohnzelt – von Aljoschka, seiner Mutter und jetzt auch seiner jungen Frau.

Im Konflikt mit der Tradition

Man ist als Leser dabei, wenn die Frauen das Feuer bewahren und in totaler Unterordnung das Leben der Männer bedienen. Deren täglicher Kampf mit der Natur und für die Rentierherde steht auf der anderen Seite des Romans. Darin eingebettet ist der Konflikt des jungen Mannes, der sich den nenzischen Traditionen verweigert, weil er natürlich weiß, wie in der Welt außerhalb ihres Kulturbezirks gelebt und geliebt wird. Ein Konflikt, den wir beim Zusammenstoß von Lebensvorstellungen verschiedener Generationen auch bei uns kennen, aber selten in so archaischer Form. Außerdem endet er in unserer Welt zumeist mit der Kapitulation der alten Regeln vor den Lebenswünschen der Jungen.

Die Mutter greift ihren Sohn, der sich der alten Sitte nicht unterwerfen will, nicht an. Dafür beschämt sie ihn, indem sie der Schwiegertochter eine liebevolle Beschützerin und Freundin wird. Die junge Frau blüht auf, so dass auf den letzten Seiten auch im Sohn allmählich ein Gefühl der Liebe wächst. In dieser Dreierbeziehung der beiden Frauen mit dem Sohn liegt die literarische Leistung, die den Roman auszeichnet. Weil hier eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Leben der Altvorderen stattfindet, bei der beide Seiten eine echte Chance haben. An anderer Stelle hätte man sich mehr Zwischentöne beim Zusammenprall von Altem und Neuem gewünscht. Es kann nicht immer nur der Teufel Alkohol sein, der auf jene wartet, die dem Nomadenleben den Rücken kehren. Im Roman sagen sich die erwachsenen Kinder, die das Land der Nenzen verlassen haben, von ihren Pflichten gegenüber den Eltern los, besuchen sie nicht mehr oder kommen nur auf einen Sprung vorbei, um sich ihr Erbe vorfristig auszahlen zu lassen.

Am Ende des Romans wird deutlich, dass die Autorin schon im ersten Absatz die Richtung entschieden hat: „Das Wasser umfließt den Stein und nimmt seinen Lauf wieder in die vorbestimmte Richtung“ – ein edler Traum, den dieser empfehlenswerte Roman uns träumen lässt.

Weiße Rentierflechte Anna Nerkagi Rolf Junghanns (Übers.), mit Fotos von Sebastião Salgado und einem kleinen ABC des nenzischen Lebens, Faber & Faber 2021, 192 S.,22 €

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06:00 02.06.2021

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