Der treue Visconti

Literatur Ivica Prtenjača schickt seinen Helden zur Läuterung auf einen Karstfelsen
Der treue Visconti
Im Roman wird ein Nutztier mit dem Namen Visconti zum Gesprächspartner

Foto: Pixsell/IMAGO

Die Angst ist ein ständiger Begleiter. Sich das einzugestehen, ist kein leichtes Unterfangen, denn damit wird das Selbst infrage gestellt. Bereits das tägliche Miteinander der Egos kann dazu führen, an sich zu zweifeln oder gar Abscheu und Ekel gegenüber den Mitmenschen zu entwickeln. Das ist nicht nur auf einzelne Bereiche der Lebens- und Arbeitswelt beschränkt, das Gegeneinander gehört zur Ausstattung der modernen Welt. Ein Rückzug auf eine Insel in der Adria kann da als reinigende Erfahrung wirken. So eine Katharsis auf einem Karstfelsen durchlebt der Ich-Erzähler im Roman Der Berg des kroatischen Autors Ivica Prtenjača.

Dem aus Zagreb Angekommenen kann es in Javorna nicht schnell genug gehen, auf seinen Posten zu gelangen. Neben einem Mobilfunkgerät und jeder Menge Lebensmittel wird ihm ein alter Esel an die Seite gestellt, der den Namen Visconti erhält und zum Gesprächspartner wird, aber vor allem auch zum Objekt der Sorge und Pflege. Wenn es schon nicht möglich ist, mit anderen Menschen eine Beziehung einzugehen, so kann das Tier doch nicht enttäuschen. Drei Sommermonate wird der namenlose Erzähler nun seinen Blick über die Insel streifen lassen, die Menschen durch sein Fernrohr beobachten, die karge Berglandschaft erkunden. Immer auf der Hut, nicht irgendwo ein Feuer zu entdecken. Die Karaule, ein auf 700 Metern Höhe gelegener betonwandiger Verschlag mit Terrasse, ist spartanisch wie die Kontakte zur menschlichen Umwelt. Von dieser hat der ehemalige Öffentlichkeitsarbeiter eines Museums auch gerade genug. Seine Anstellung war gepflastert von gekränkten Eitelkeiten und Belanglosigkeiten; seine Ehe ist gescheitert. Zurückgeblieben ist die Angst, nicht nur vor den sich in den Rissen der Behausung versteckenden Panzerschleichen, sondern vor dem eigenen Dasein.

Reduziert auf das Leben und die Pflicht, Brände zu verhindern, öffnet sich der Raum zur Selbstbefragung. Dabei entspannt Prtenjača keine wortreichen Dialoge, er legt stattdessen die Antworten in den abgeschiedenen Alltag seines Protagonisten. Doch das neue Leben muss erarbeitet werden – durch die Entdeckung der Umgebung und die Bestimmung der eigenen Position darin. „Meine Absicht ist es, gut zu sein und dabei nichts Böses zu tun.“ Die Verachtung schrumpft, die der Erzähler gegenüber den Menschen hegt, ohne indes ganz zu verschwinden.

Doch die Welt ist auch Geschichte, die plötzlich aus der Vergangenheit ins Heute hineinplatzen kann. Auch in so einen beschaulichen Ort wie Javorna, der touristisch erschlossen und somit der Zerstörung preisgegeben ist. Zwar blieb die Insel vom Krieg der 90er-Jahre verschont, doch die Menschen leiden. Da ist Tomo, er kam nie wirklich ins Leben zurück. Er zog sich zurück an den Rand des Städtchens. Als sein geliebter Neffe den gewalttätigen Vater mit einer Waffe Tomos im Streit erschießt, richtet sich der Veteran selbst.

Die Tragik des Todes gehört zum Leben, und so schafft es auch der treue Esel Visconti nicht mehr, am Ende des Sommers den Berg hinunterzusteigen. Übrig bleiben der Erzähler und Tomos Hund Ciba, der nun seinem neuen Herrchen folgt. Dieses stellt am Ende seines Aufenthalts auf der Insel fest, dass hinter ihm die wichtigsten, traurigsten und glücklichsten Monate seines Lebens liegen.

Ivica Prtenjača stellt in Der Berg die Frage, was das Leben in einer entfremdeten Welt ausmacht. Sein 2014 auf Kroatisch erschienener Roman ist nicht nur sprachlich gradlinig und formal stringent arrangiert, er passt zugleich in die heutige Zeit der Pandemie, in der Wesentliches zum Vorschein tritt. Der Berg als Ort, an dem Innehalten, Selbstbefragung und die Auseinandersetzung mit den eigenen Ängsten möglich sind – wenn man sich darauf einlässt.

Info

Der Berg Ivica Prtenjača Detlef Olof (Übers.), Folio Verlag 2021, 164 S., 22 €

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06:00 16.05.2021

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