Deutschland auf zwei Rädern

Städte-Vergleich Zwischen Fahrrad-Highway und Fußgängerzone: Jede Stadt hat in puncto Fahrrad fahren ihre Gesetzmäßigkeiten. Vier Beispiele
Deutschland auf zwei Rädern
Von den paradiesischen Bedingungen in Kopenhagen kann man in Deutschland nur träumen

Foto: Odd Andersen/AFP/Getty Images

Freiburg Null Toleranz in der Innenstadt

Wer Freiburg kennt, weiß, wie jung die sogenannte Schwarzwaldmetropole ist. Viele Studierende und Auszubildende prägen das Innenstadtbild. Und junge Leute nutzen, zumal in einer relativ überschaubaren Stadt, meist das Fahrrad. Den grünen Oberbürgermeister Dieter Salomon müsste das eigentlich freuen, immerhin wirbt die Stadt mit ihrem radfahrerfreundlichen Image. Doch seit 2007 ist das Abstellen von Fahrrädern in der Fußgängerzone verboten. Grund: „Wildes Fahrradparken“ beeinträchtige den Verkehr auf den Straßenbahntrassen und gefährde Behinderte. Für denjenigen, der sein Fahrrad rund um den Bertoldsbrunnen abstellt, kann das richtig teuer werden. Ein geknacktes ABUS-Schloss, Entfernungs-, Transport- und Unterbringungskosten sowie ein sattes Bußgeld: Mich hat das in Unwissenheit und meinem naiven Glauben an die „Green City“ mal rund 200 Euro gekostet. Die Stadt musste für das Fahrradparkverbot ziemlich viel rechtlichen Aufwand treiben, denn nach der Straßenverkehrsordnung ist das Abstellen von Fahrrädern in Fußgängerzonen grundsätzlich erlaubt. Also brachte sie den „Gemeingebrauch“ der Fußgängerzone in Anschlag. Im Anschluss gab es viel Ätzendes im Netz: „Freie Sicht auf den Konsum“, wurde dort das Abstellverbot kritisiert. Ulrike Baureithel

Berlin Auf einem anderen Planeten

Ich bin Betroffener in dieser Sache. Ich wurde von einem Mädchen auf Hollandrad und mit Ohrhörer (MäHoO) angefahren. Nein, umgefahren. Sie fuhr auf dem stark befahrenen Radweg Schönhauser Allee in Gegenrichtung und riss mich an einer unübersichtlichen Stelle zu Boden. Sie fuhr weiter. In dieser absurd aufrechten Haltung, die das exakte Gegenstück zur Liegehaltung auf diesen Rädern ist, deren Name ich mir nicht merken kann. Die, die oft von jungen Männern mit Dreadlocks gefahren werden. Sie fuhr weiter und dachte, sie sei ein Schmetterling. Oder eine Elfe. Oder ein It-Girl. Ich quälte mich hoch, fuhr ihr nach, brachte sie zum Stehen und zeigte ihr meine Wunde. Sie blickte mich an, als wäre sie ein Schmetterling. Oder eine Elfe. Oder ein It-Girl. Ich zeigte auf die Ohrhörer: Nimm die verdammten Dinger weg! Sie verstand nicht. Vielleicht war sie eine Erasmus-Studentin und konnte kein Deutsch. Vielleicht war sie auf einem anderen Planeten. Egal. Ich schrie: „Mach das nie wieder! Hast du verstanden?!“ Dann fuhr ich davon. Michael Angele

Köln Kampf ums Tempolimit

Es ist kein spezifisches Kölner Problem: Traditionell kocht das Blut der Autofahrer, wenn auf ihre Kosten Radfahrern mehr Rechte eingeräumt werden sollen. Doch nachdem im vergangenen Jahr ein 26-jähriger Radfahrer in der Kölner Innenstadt von einem ins Schleudern geratenen Auto erfasst und getötet worden war, hat sich die Stimmung in Köln verändert – zugunsten von Forderungen für mehr Verkehrssicherheit für Radfahrer und Fußgänger. Mitte Juni kündigte Oberbürgermeisterin Henriette Reker ein Tempolimit von 30 Stundenkilometern auf den Kölner Ringen an und erntete viel Lob. Zwar forderten erboste Autofahrer „Tempo 30 dann auch für Radfahrer“, denn die seien oft schneller und rücksichtsloser auf den Ringen mit ihren schmalen Radwegen unterwegs. Doch mit der Akzeptanz einer fahrradfreundlicheren Innenstadt scheint es insgesamt nicht schlecht zu stehen: Neben der Tempo-30-Zone will Reker Autoparkplätze zugunsten von Fahrradwegen reduzieren und Ampelschaltungen anpassen. Außerdem ist zwischen der Kleinstadt Frechen und der Kölner Innenstadt ein acht Kilometer langer Radschnellweg geplant. Doch bei dessen Umsetzung hapert es noch: Laut NRW-Grünen kommen die Mittel dafür bisher nicht im Landtagshaushalt für 2017 vor. Helke Ellersiek

Essen Auf dem Fahrrad-Highway

Rebellische Radfahrer inspirierten den Regionalverbund Ruhr (RVR) 2010 zu einer innovativen Idee. Als Essen vor sechs Jahren Kulturhauptstadt Europas wurde und die Hauptverkehrsader A40 gesperrt wurde, rollten Radfahrer ungestört über die leere Autobahn. Wie genial wäre es, die Vorteile der Autobahn auf die Fahrradwege zu übertragen, dachte sich die regionale Verkehrsgesellschaft und startete das erste Pilotprojekt eines Fahrrad-Highways. Heute führt das erste Stück der RS1 auf fünf Kilometern glattem Asphalt von Essen nach Mülheim. Bis 2020 soll die rund sechs Meter breite Schnellstraße die Städte Duisburg, Essen, Bochum, Dortmund und Hamm verbinden. 100 Kilometer freie Fahrt, ohne Stau, Kreuzungen und Abgase – das ist die Vision. Die Idee stammt aus den Niederlanden, dort werden schon seit längerem „Fietssnellwegen“ gebaut. Neben einer Reduzierung der CO-Emissionen könnte so vor allem der Alltagsverkehr in Ballungsgebieten entlastet werden. „Sie können in dreißig Minuten von der Universität Essen bis zum Mülheimer Hauptbahnhof durchradeln“, prophezeit Martin Tönnies, Planungsdezernent des RVR. „Das schafft kein Auto.“ Ann Esswein

06:00 03.08.2016
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