Die Laune des Wetters

Literatur Fridays for Future im Roman: Nataša Krambergers „Verfluchte Misteln“ dokumentiert eindrücklich, wie eine starke Frau beginnt, die Zeichen der grünen Welt zu deuten
Die Laune des Wetters
Nichts für urbane Schreibtischmenschen: Apfelernte auf dem Bauernhof

Foto: begsteiger/imagebroker/IMAGO

Sie ist fertig, die Nerven liegen blank, die Verdauung spielt verrückt. Dabei hätte alles anders werden sollen, als die Ich-Erzählerin in Nataša Krambergers Verfluchte Misteln den Bauernhof von ihrer Mutter übernahm. Nachdem sie sich anfangs ohne Einsatz von Pestiziden oder moderner Technik um eine ökologische Bepflanzung der Felder und Hänge bemüht, muss sie sich ihr Scheitern eingestehen. Die Reben erfrieren, und die Obstbäume sind von Parasiten befallen. Aber statt zu resignieren, steht die Junglandwirtin immer wieder auf, trotz Kopfschütteln der Dorfbewohner, trotz der Geister der Vorbesitzer des Grundes, die sie heimsuchen.

Denn sie ist Schriftstellerin, mit einem Bein in Berlin, mit einem nun auf dem weiten Acker. Als solche mag sie zwar den Landeiern wie eine Frau mit zwei linken Armen erscheinen. Ihr Bonus besteht allerdings in der Fähigkeit zum kreativen Andersdenken. Die eigensinnige Natur begegnet ihr nicht als zu bekämpfende Gegnerin, sondern als ein Gegenüber, dessen „Erzählung“ man eben erst einmal lesen lernen muss. Dann verrät einem die Anzahl der Regenwürmer etwas über den Gesundheitszustand der Erde oder erweisen sich Brennnesseln als heilsame Boten.

Was sich hinter diesen Sichtweisen verbirgt, sind uralte, aber nicht minder hilfreiche Volksweisheiten, berichtet von den Ahnen der Protagonistin. Indem sie diese forttradiert, gibt sie sich gewissermaßen als Archäologin zu erkennen. Sie legt die Geschichten der Gegend und ihrer Menschen wie einen Schatz frei. Zum Vorschein kommen neben Kenntnissen der bäuerlichen Vorfahren und allerlei vergessenen Wörtern wie „Schnitter“, „Garbenband“, „Dieme“ auch so manche Legenden: „Denn wahrhaftig, wahrhaftig sage ich euch, jede Nixe ist eine Quelle. Zwischen Träne und Stein filtert sie das Universum, dass es sich in unruhigen Gumpen auf Lichtungen verflüssigt.“

Gewiss zeigt sich die 1983 geborene Autorin, die in ihrem Roman autobiografisch ihr Doppelleben zwischen Schriftstellerei und Ökolandwirtschaft in der slowenischen Provinz verarbeitet, mit derlei Neben- und Seitengeschichten als famose Fabuliererin. Aber ihre Ambition geht darüber hinaus. Auf die aktuellen Diskussionen abhebend – etwa die um den Glyphosat-Einsatz, das Bienensterben oder Monokulturen – legt ihr Text dar, dass Natur keiner banalen, von uns angewandten Mechanik folgt. Vielmehr muss sie in ihrem historischen Gewordensein verstanden werden. Mit der Bewahrung eines archaischen Geschichtenrepertoires weist die Hauptfigur des Romans auf die Entwicklung der Landschaft hin. Ihr Ursprung liegt in einer vorindustriellen Zeit ohne Maschinenkraft und Pflanzenschutzmittel.

Ist das konservativ oder gar romantisierend? Wohl kaum, denn allzu deutlich präsentieren sich Flora und Fauna in Verfluchte Misteln ebenso als ungebändigte Kräfte. Sie bilden die eigentlichen Handlungstreiber der Story. Für die Protagonistin gilt daher demütig: „Das Leben wogt im Gewebe wie Ebbe und Flut.“ Der umsichtige Mensch kann angesichts der Launenhaftigkeit des Wetters nur staunen und sich in Respekt üben, so die Botschaft.

Laut Verlag wurde der Roman in Slowenien auch von der Fridays-for-Future-Bewegung breit aufgenommen, „die Autorin nahm aktiv an Klimastreiks teil und las im Rahmen dieser Auszüge aus ihrem Buch“. Sieht man von manchen schiefen Bildern oder Phrasen à la „Der Trick der Dämmerung ist es, sich bei Licht wegzuducken“ ab, lässt sich dieses Werk als erfrischendes Momentum in der Klimabelletristik bezeichnen. Weder gleitet es in den apokalyptischen Ökothriller ab, noch ergeht es sich in unzeitgemäßem Naturkitsch. Es erzählt einfach nur und dokumentiert eindrücklich, wie eine starke Frau beginnt, die Zeichen der grünen Welt zu deuten.

Info

Verfluchte Misteln Nataša Kramberger Liza Linde (Übers.), Verbrecher Verlag 2021, 272 S., 22 €

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06:00 15.10.2021

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