Die unbeachtete Odyssee

Kongo Im Osten des Landes sammeln sich seit Jahren hunderttausende Binnenvertriebene. Um zu überleben, ziehen sie ziellos herum
Stephan Hochleithner | Ausgabe 37/2015

Während in Österreich oder Deutschland derzeit pro Tag oft Tausende von Menschen um Asyl ersuchen und Teile der Politik sich schier überfordert fühlen, sind weltweit etwa 50 Millionen Menschen auf der Flucht vor lebensbedrohenden Umständen. Allein in der Demokratischen Republik Kongo suchen gegenwärtig etwa 2,9 Millionen Vertriebene eine Zuflucht. Ihr Alltag ist seit mehr als zwei Jahrzehnten von Gewalt geprägt, vom Tod geliebter Menschen, vom wiederholten Verlust allen Hab und Guts und der Angst vor einer ungewissen Zukunft. Die Zahl derjenigen, die – aus zentralafrikanischen Staaten kommend – einen Fluchtversuch in Richtung Europa wagen, ist dennoch verschwindend gering. Die meisten Flüchtlinge bleiben innerhalb der Grenzen des eigenen Landes.

Bis zu seinem 20. Geburtstag habe er gar nicht gewusst, wie so eine Waffe aussehe, erzählt der heute etwa 40-jährige Joseph. Doch dann, mit einem Mal, waren sie überall, die AK-47-Sturmgewehre und die Macheten. Über Nacht waren Kämpfer in seine Heimatstadt im Osten Kongos eingefallen. „Als ich mich wieder aus dem Haus traute“, sagt Joseph, „lagen links und rechts der Straße viele Leichen. Sie waren aufgestapelt wie Bauholz.“ Er erinnert sich noch genau an die Schüsse, die Schreie und vor allem an die Todesangst, die seither zu seinem Alltag gehört.

Jede Menge Dynamit

Joseph ist ein Binnenvertriebener, von denen es in seiner Heimat so viele gibt. Besonders den Osten des Kongo – ein Gebiet, das von der Fläche her etwa so groß ist wie Mitteleuropa – prägt stete Gewalt. Selbst Kinder und Säuglinge zählen zu den oft brutal Ermordeten. Als 1994 der Konflikt zwischen Hutu und Tutsi im benachbarten Ruanda eskalierte, schwappte die Gewalt teilweise auf den Kongo über, wo ebenfalls Angehörige der beiden Ethnien lebten.

„Es gab auch bei uns Zündstoff genug“, erzählt Joseph. Er steht in einer Runde von Männern und Frauen, die nacheinander an einem Versammlungshaus am Rande der 200.000-Einwohner-Stadt Oicha eintreffen. „Es war, als würde man ein Streichholz in einen Stapel Dynamit werfen.“ Joseph erntet zustimmendes Murmeln, auch die anderen hier sind Binnenvertriebene, Internally Displaced Persons, kurz IDPs, also Menschen, die innerhalb der Grenzen des eigenen Landes auf der Flucht sind. Weltweit ist die Zahl der Binnenvertriebenen wesentlich stärker gestiegen als die der Flüchtlinge. Für das Jahr 2014 lag die Schätzung des Monitoring-Centers für Binnenvertriebene (IDMC) bei etwa 38 Millionen Menschen. 2010 waren es zehn Millionen weniger.

Die Frauen und Männer, die nahe Oicha auf den lokalen Mukamah, einen traditionellen Schiedsrichter bei Streitigkeiten um die Verteilung von Land warten, sind Vertreter von Gebietsgruppen der IDPs. Deren Mitglieder flohen entweder gemeinsam aus der gleichen Region oder fanden sich hier in Oicha zusammen. Ihre gewählten Sprecher erhoffen sich vom Mukamah die Zuteilung von Boden. Anders als es einem oft erscheinen mag, leben Binnenvertriebene im Ostkongo kaum in Camps. Fast alle finden Unterkunft bei Privatpersonen, in deren Haushalten und auf deren Feldern sie arbeiten. In den vergangenen Jahren haben sich diese Arrangements zunehmend gewandelt. Was früher auf Basis von Gegenseitigkeit funktionierte, ist nun zunehmend der Kommerzialisierung ausgesetzt. Arbeit, Kost und Logis werden ins Verhältnis zur Zahl der Vertriebenen und zum Angebot an verfügbaren Unterkünften gesetzt. Die Zahl der schamlos ausgebeuteten Menschen steigt immer weiter an.

Die Gruppe wartet noch immer auf den Mukamah, als in einiger Entfernung Gefechtslärm anhebt. Alle blicken in die Richtung, aus der dröhnendes Artilleriefeuer zu hören ist. Doch sie erschrecken nicht. Der Beginn dieser Offensive war im Radio angekündigt worden. Valérie, die Sprecherin der IDPs aus einer etwa 25 Kilometer entfernten Gemeinde, ist bereits zum dritten Mal auf der Flucht. Auch sie musste wie Joseph alles zurücklassen, darunter eines ihrer Kinder. Es sei einfach nicht zu finden gewesen, als sie aufbrechen musste, erzählt sie.

Heimkehr der Wagemutigen

Hinter ihr liegt eine Odyssee: Erst nach Jahren des Herumirrens fanden sie und ihr erster Mann wieder einen Ort zum Leben, an dem sie auch Zugang zu einem kleinen Feld hatten, das sie – wie fast alle in dieser Region – mit bloßen Händen bestellten. Einige Zeit später wurden Valéries Mann und drei ihrer Kinder im eigenen Haus von Söldnern umgebracht. Sie zuckt mit den Schultern – danach habe sie noch einmal geheiratet und sich an dem Ort trauen lassen, von dem sie nun nach Oicha geflohen sei. Ihr zweiter Mann hat sich vor einigen Tagen auf den Weg gemacht, um nach dem heimischen Feld und Haus zu sehen. Er wollte wissen, was noch existiert, von anderen in Besitz genommen oder geplündert wurde. Gehört hat sie seit seinem Aufbruch noch nichts von ihm.

Der Besitz von Land ist im Osten des Kongo von großer Bedeutung, nicht nur für die Ernährung der Bevölkerung, auch aus existenziellen Gründen. Für die Binnenvertriebenen ist der Zugang zu Grund und Boden eine Frage des Überlebens. Es gibt keine internationalen Hilfsorganisationen, die hier Nahrungsmittel verteilen würden. Auch sonstiger Beistand ist rar. Nationalen Nichtregierungsorganisationen fehlt das Geld, vom kongolesischen Staat ganz zu schweigen. Die Gastfamilien können die Flüchtlinge ebenfalls nicht ernähren. Auch sie leben inmitten eines chaotischen Krieges, auch ihnen geht es selten gut genug, um es sich leisten zu können, eine weitere Familie zu versorgen. So nehmen IDPs immer wieder immense Risiken auf sich, um in die Regionen zurückzukehren, aus denen sie vertrieben wurden. Sie wollen zumindest einen Teil der Ernte oder des persönlichen Besitzes retten – oft bezahlen sie dafür mit dem Leben.

Werden IDPs an ihrem Zufluchtsort nicht mit Land versorgt, haben sie zwei Möglichkeiten: Entweder ziehen sie weiter in der Hoffnung, anderswo fündig zu werden; oder sie verdingen sich als Tagelöhner. Sie arbeiten auf den Feldern der Alteingesessenen, transportieren die Ernte zu den umliegenden Märkten. Sie schleppen Wasser oder schuften in einer der vielen Manufakturen, die Palmöl produzieren. Alles in Handarbeit, versteht sich, denn Strom gibt es in diesen gewaltigen Landräumen des Kongo oft nur aus Generatoren, wenn überhaupt. Im Gegenzug erhalten sie dafür entweder Hungerlöhne oder etwas Verpflegung.

Dieses Prinzip gilt genauso für eine Großstadt wie Butembo, der Handelsmetropole der Provinz Nord-Kivu, die nachts in eine lähmende Dunkelheit getaucht ist. Trotz der schwelenden Konflikte überall verlassen täglich riesige Mengen an Rohstoffen dieses Gebiet. Außer Palmöl sind das Holzkohle, Tropenhölzer, Kaffee, seltene Erden oder Metalle. IDPs werden überall als enorm günstige Arbeitskräfte eingesetzt.

Ohne ein eigenes Feld sei es für einen jungen Kongolesen extrem schwierig, eine Familie zu gründen, erzählen die Geschwister Constant und Juliennie. Sie wollen deshalb in Oicha bleiben. In dieser Stadt bestehe zumindest die vage Hoffnung auf einen Job. Constant wäre am liebsten Verkäufer in einem Gemischtwarenladen, denn mit Handel – so habe er gehört – ließe sich gut verdienen. Juliennie spart für eine Nähmaschine, um als Schneiderin Geld zu verdienen. Doch sei das mit dem Sparen so eine Sache. Vielleicht müsse man schon bald weiterziehen. Auch Oicha sei nicht uneinnehmbar und sicher schon gar nicht.

Wie um das zu bestätigen, schlägt wenig später einige hundert Meter entfernt im Wald eine fehlgeleitete Mörsergranate ein. Von der Explosion ist nicht mehr als ein lautes Platzen zu hören. Die Gruppe beschließt daraufhin nach Stunden des Wartens, das Treffen mit dem Mukamah zu vertagen. Wer könne schon wissen, ob er an diesem Tag überhaupt noch auftauchen werde.

Die Offensive nahe Oicha gehört zu den Operationen der Nationalarmee FARDC gegen einige größere lokale Milizen. Es soll im Osten des Kongo etwa 25 bewaffnete Formationen verschiedenster Größe geben, von denen sich einige die Kriegskasse durch den Handel mit sogenannten Blutmineralien wie Coltan, Wolfram, Zinn und Gold füllen. Doch finden sich dafür auch andere Methoden wie die Besteuerung besetzter Gebiete oder das Kassieren von Wegezoll. Die Dynamik der Konflikte ergibt sich bis heute häufig aus dem Erbe der belgischen Kolonialverwaltung – aus dem Streit um Land oder Ressourcen und den sich daraus ergebenden wirtschaftlichen Folgen. Wenn Entwicklungsprojekte des Westens diese Konfliktursachen ignorieren, verschlimmern sie die Situation.

An einer Hütte auf der anderen Seite von Oicha wartet bereits eine Menschentraube auf Josephs Rückkehr. Es sind „seine“ IDPs, wie er sagt. Er seufzt, als er sie von weitem sieht. Er wird heute nicht sagen können, wie sie durchhalten oder besser – als Flüchtlinge überleben können. Für Joseph ist Oicha bereits die fünfte Station in den 20 Jahren eines Lebens auf der Flucht im eigenen Land. Auf die Frage, ob er schon einmal darüber nachgedacht habe, den Kongo zu verlassen, antwortet er mit einem Lachen. „Wohin sollte ich gehen? Jenseits der Grenze, in Uganda, ist es auch nicht besser.“ Und Europa? Dazu sei er zu alt, sagt Joseph, eine solche Reise würde er nicht mehr überstehen, seine Frau und die jüngeren Kinder erst recht nicht. „Nach Europa? Dahin gehen nur all jene, die wirklich überhaupt nichts mehr zu verlieren haben“.

Stephan Hochleithner ist Sozialanthropologe und reiste zu Forschungszwecken mehrfach durch die Republik Kongo

06:00 23.09.2015

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