Ein einziges Wesen fehlt dir

Kino „Mein Leben mit Amanda“ erzählt vom Weiterleben nach dem Anschlag
Ein einziges Wesen fehlt dir
Das Leben nach dem Anschlag könnte ganz dramatisch aussehen. Aber der Film lebt von dem, was nicht gesagt wird

Foto: Nord-Ouest Films

Es kann dauern, bis die Tränen kommen. Und wenn sie dann fließen, ist der Auslöser womöglich ein scheinbar ganz unbedeutender. Doch bis dahin hat sich viel angesammelt im Inneren, das man zu unterdrücken versucht hat. Weil man dachte, den Gefühlen freien Lauf zu lassen, würde alles nur noch schlimmer machen.

Auch im französischen Filmdrama Mein Leben mit Amanda (schöner der Originaltitel: Amanda) von Mikhaël Hers dauert es lange, bis es so weit ist. David (Vincent Lacoste) und seine siebenjährige Nichte Amanda (Isaure Multrier) versuchen, einen möglichst normalen Tag in Paris zu verbringen. Doch die Stadt ist im Ausnahmezustand, was sich daran zeigt, dass die Straßen menschenleer sind. Auf der Seine fahren ein paar Boote mit Touristen. Heute sei kein guter Tag, um durch Paris zu laufen, erklärt ihnen einer der schwer bewaffneten Polizisten, die vor den Museen und Parks Wache bezogen haben. David und Amanda sollten besser wieder nach Hause gehen. Doch genau das ist das Problem, von dem dieser Film auf sehr zurückhaltende Weise erzählt: Wo soll dieses Zuhause sein, wenn sich auch dort alles verändert hat? „Un seul être vous manque – et tout est dépeuplé“, hat einst der französische Schriftsteller Alphonse de Lamartine geschrieben. „Ein einziges Wesen fehlt dir – und alles ist entvölkert.“

Ein Terroranschlag hinterlässt nicht nur Tote und Verletzte, sondern auch jene, die zurückbleiben. Psychische Kollateralschäden. In Amanda zeigen sie sich darin, das Geschehene nicht akzeptieren zu können. Warum sollte man auch? Denn sie klingen so einfach und hilfreich, die Stehsätze über die Trauer und das Abschließen, über die Zeit, die angeblich alle Wunden heilt. In Amanda gibt es statt solcher Stehsätze eine Redewendung, die als wiederkehrendes Motiv auftaucht. Elvis has left the building, lautet der Titel eines Buches, das Amandas Mutter zu Beginn des Films liest – und dann nicht mehr zu Ende lesen wird. Amanda ist die Erklärung sofort verständlich: Da kommt keine Zugabe mehr. Gib auf, warten ist sinnlos. Geh nach Hause.

Offene Enden

Die größte Qualität dieses Films ist sein Tonfall, seine Achtsamkeit für Zwischentöne. Ganz dramatisch könnte das aussehen, als riesiges Drama daherkommen. Doch Amanda interessiert sich für das, was eben nicht gesagt wird. Nicht gesagt werden kann. Als Mittzwanziger fühlt sich David nicht erwachsen genug, die Verantwortung für Amanda zu übernehmen. Amanda und David sind zu zweit allein, müssen sich gegenseitig helfen, obwohl die Rollenverteilung eine andere Aufteilung vorsieht. Davids kleine Jobs, mit denen er sich über Wasser hält – Touristen für den Vermieter abholen, Bäume in Parkanlagen stutzen –, sind nicht eben ein Zukunftsmodell. Doch andererseits: Weiß überhaupt jemand, was die Zukunft bringen wird?

Selbst die paar Menschen, die rund um David und Amanda auftauchen – da eine in der Not hilfreiche Tante mit Kaninchen, dort eine neue Liebschaft, die selbst verwundet Zeit zum Nachdenken braucht –, bleiben wie Satelliten, die immer nur für wenige Stunden zur Verfügung stehen. Es ist wie ein rasches Vorüberziehen, so wie auch jede Szene in sich geschlossen und offen zugleich wirkt: eine Begegnung mit einer Bekannten, die sich nach dem Befinden der Schwester erkundigt; ein abgebrochenes Interview mit einer Journalistin, die die Opfer des Anschlags porträtieren will; oder der Brief des neuen, unbekannten Freundes der Schwester, von dem man nicht erfährt, ob David ihn beantworten wird. Auch das Leben kennt ein offenes Ende.

Amanda ist Mikhaël Hers’ dritter Langspielfilm, mit dem er konsequent das Thema seines vorangegangen Films, Ce sentiment de l’été aus dem Jahr 2015, weiterverfolgt: die Trauer, der nicht unbedingt die Wut folgen muss, und was sie mit dem Menschen anrichtet. In Amanda macht er überzeugend deutlich, dass jeder bestimmt, ob und wann es für einen weitergeht. Ob man wartender Zuschauer bleibt, obwohl Elvis das Gebäude längst verlassen hat, oder ob man nach Hause geht. Vor allem aber, wann man zum Aufbruch bereit ist.

Info

Mein Leben mit Amanda Mikhaël Hers Frankreich 2018, 107 Minuten

06:00 15.09.2019
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