Eine Krücke namens Poesie

Dunkles Schöpfertum In einem großartigen Essay raubt der australische Lyriker Les Murray seiner Depression einen Teil ihres Schattens

Als Les Murray in diesem Mai gemeinsam mit seiner Übersetzerin Margitt Lehbert hierzulande sein Buch Der Schwarze Hund vorstellte, lobte er die Übersetzung des Originaltitels Killing the Black Dog. Nach Erscheinen des Originals im Jahr 1996 habe er nämlich bitter erfahren müssen, dass man „diesen Hund“ niemals töten könne (als „black dog“ hatte Winston Churchill seine Depression umschrieben). Auch Murray litt unter Depressionen, was man sich kaum vorstellen kann, wenn man den gestandenen älteren Herren erlebt, der immer wieder als Nobelpreiskandidat gehandelt wird und dessen Verse in Australien jedes Schulkind kennt.

Der Essay und die 24 Gedichte in Der Schwarze Hund sprechen aber eine andere Sprache. Als der Autor Ende der achtziger Jahre von Sidney in seinen ländlichen Geburtsort Bunyah zurückgekehrt war, schien zunächst alles gut. Doch nach einer Lyriklesung in der Umgebung sprach ihn eine alte Klassenkameradin mit seinem Spitznamen aus Schulzeiten an. Dieser Name legte in Murray einen Schalter um: „Innerhalb von zwei Tagen begann ich zu zerfallen.“ Angststörung, diagnostizierten die Ärzte dürr. Es folgten Jahre der Hilf- und Antriebslosigkeit, begleitet von Angstanfällen und durchwachten morgendlichen Dämmerstunden in der „Dunkelheit vor Tagesanbruch, in der man aufwacht und schlaflos auf den Sonnenaufgang wartet, während Sorgen und Ängste sich mit Begeisterung über einen hermachen“, wie Murray im Essay schreibt. Dass es ihm gelang, in der Depression weiterhin zu dichten, ist erstaunlich, doch die Poesie ist die Krücke, die ihn immer wieder aus der Dunkelheit führt. Poesie verlange nicht nur Disziplin, sie sei eine, sperre sich gegen Ungleichgewicht und Geschwollenheit. Er schildert das Fortleben seiner Kreativität, den Beginn seiner Arbeit am Versroman Fredy Neptune, schildert aber auch die dunklen Seiten, die Rhythmen der Erkrankung, die Kindheit als einziger Sohn einer Mutter, die nach seiner Geburt nur noch Fehlgeburten erlitt, wofür er sich die Schuld gab. Er schildert die Hänseleien, denen er als dicklicher Schüler ausgesetzt war, die Prügel, die er als Familienvater an seine beiden älteren Kinder weitergab.

Schockierende Vergleiche

Murray ist schonungslos (aber das Wort tippt sich so leicht): Durch die Erkrankung hatte er begriffen, „dass Selbstbetrachtung nur dann funktioniert, wenn man die ganze Wahrheit sagt, nichts unterdrückt.“ Indem Affekte wie Schuld und Wut, die Scham über seine bäuerliche Herkunft, seine komplexbeladene jugendliche Sexualität als Ursachen der Depression zur Sprache kommen, offenbart sich auch deren gesellschaftliche Bedingtheit. Sie gründet auf der Enge und Prüderie des ländlichen Australien der vierziger und fünfziger Jahre, auf jeglicher Form von Gruppendruck. Die Spuren der Depression lassen sich auch in dem Gedicht Ein ganz gewöhnlicher Regenbogen ahnen: „Der Mann, den wir umringen, dem keiner sich nähert, / weint einfach und verbirgt es nicht“. Er gleicht dem Einsamen auf Dürers Kupferstich Melencolia I, doch anders als dieser ist er umgeben vom Schweigen einer Menge, das ihn als Außenseiter stigmatisiert.

Beim Lesen wird man schockierende Szenarien und Vergleiche entdecken. Das dem Bauplan des Sonetts folgende Rockmusik beginnt provokant: „Sex ist ein Nazi. Wo du zur Schule gehst / wissen alle“, und beschreibt die Ausschlussmechanismen durch genormte Körperbilder, die Überheblichkeit der Schönheit gegen die Abweichung, den Schmerz des abgewiesenen Abweichenden. Das Gedicht Brennendes Verlangen spricht sogar vom „Erozid“ als einer „Zerstörung allen Geschlechtsgeistes“.

Wut und Empörung durchziehen diese Gedichte. Nicht von ungefähr wählte J. M. Coetzee die Überschrift The Angry Genius of Les Murray, als er 2011 die Bände Taller When Prone und Killing the Black Dog rezensierte. Coetzees Feststellung, dass Leute, die Murrays Lyrik aufgrund seiner konservativen politischen Überzeugungen verschmähten, das Nachsehen hätten, muss an dieser Stelle ergänzt werden. Dieses Buch sollten auch diejenigen lesen, die annehmen, man könne mit medizinischem Vokabular am besten beschreiben, was eine Depression bedingen und bedeuten kann.

Der Schwarze Hund. Eine Denkschrift über die Depression Les Murray u. Margitt Lehbert Edition Rugerup 2012, 96 S., 17,90 €

Beate Tröger verteidigte im Freitag zuletzt die neue deutsche Lyrik

10:45 14.08.2012

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