Gestreamtes Gedächtnis

Theater Die Häuser sind geschlossen, die Festivals abgesagt. Da bleibt nur der Umweg über die Kamera. Das kann sich lohnen

Die Theaterwelt hat einen neuen Kalender. Einen, der nach Festivalabsagen zählt. Mit der Aussetzung der Bayreuther Festspiele, wie es offiziell heißt, wurde nun der 25. Juli erreicht. Vor knapp vier Wochen fing es mit der Absage des Berliner Theatertreffens an, dann folgten die Mülheimer Theatertage, beide im Mai. Mitte März konnte sich kaum jemand vorstellen, dass Theatertermine in solch mittlerer Nahzukunft abgesagt werden müssen. Dann fielen die Ruhrfestspiele (Anfang Mai bis Mitte Juni), Theater der Welt in Düsseldorf (zweite Mai-Hälfte), die nur alle zehn Jahre stattfindenden Oberammergauer Passionsspiele (Start 21. Mai) aus dem Kalender. Diese drei sollen nachgeholt werden – im Herbst, im nächsten Jahr, in zwei Jahren. Alles unvorstellbar, mal ganz abgesehen davon, dass der Spielbetrieb der regulären Theater überall ruht und wir wahrscheinlich, ohne es zu wissen, mit dem beschleunigten Kalender das Spielzeitende schon hinter uns haben.

Jetzt schwärmen alle vom Streaming. Aber das ist natürlich kein Ersatz. Allenfalls Überbrückung, ein bisschen Trost. Zu meinen Arbeiten gehörte über 20 Jahre lang, Theater ins Fernsehen zu bringen, als es dafür noch Extra-Formate wie den Theaterkanal und zuletzt den 3sat-Kulturpalast gab. Da lernte man schnell, was überhaupt für den Bildschirm geeignet ist, sofern es sich nicht um die technisch aufwendigen Aufzeichnungen zum Theatertreffen handelt, die inzwischen mit bis zu zwölf Kameras (auch von oben) in manchmal drei Durchläufen so etwas wie ein enträumlichtes Theatererlebnis erzeugen können. Ansonsten gilt der einfache Wechsel von Nahaufnahme (wer gerade spricht) und Totale (damit man sich orientieren kann). Einen Castorf (wo oft Gruppendynamik herrscht) oder die monumentalen Marschmaschinen von Ulrich Rasche kriegt man so natürlich nicht zu fassen. Die hauseigenen Aufzeichnungen (einst fürs Archiv und als Hilfe bei Umbesetzungen gedacht) fallen oft noch simpler aus. Zumal heutige Schau-Erlebnisansprüche sich nicht mehr mit denen von vor vierzig Jahren vergleichen lassen, als das Solo-Publikum gebannt vor dem Schwarz-Weiß-Fernseher mit der „aktuellen Inszenierung“ im Mitternachtsprogramm des ZDF saß.

Und doch sollte man für die Angebote dankbar sein. Lohnend ist zum Beispiel, was das Portal nachtkritik.de inzwischen an mehreren Abenden der Woche bietet. Hier sind auch Produktionen kleinerer Theater und aus der freien Szene zu entdecken. Am 16. März, also am Tag der Theatertreffen-Absage, startete bereits das kostenlose Streamingangebot mit Ersan Mondtags Kasseler Inszenierung Tyrannis, die auch beim Theatertreffen 2016 gezeigt wurde und mit ihrem kinematografischen Stil fast einen Idealfall fürs Bildschirmtheater darstellt. Vorbildlich ist der Online-Spielplan der Berliner Schaubühne, die neben neueren Arbeiten ihrer Regie-Stars Thomas Ostermeier und Falk Richter tief ins Archiv der eigenen Geschichte geht. Ja, sogar bis zurück zu Peter Steins Inszenierung Die Mutter aus dem Jahr 1970, seinem legendären Peer Gynt und einer mit Blick auf die Alt-Bundesrepublik chronistisch angelegten Botho-Strauß-Trilogie. In dieser Zusammenstellung zeigt sich hier ein Theater mit Gedächtnis, wie es sonst im geschäftigen Theaterbetrieb der Jetztzeit kaum vorkommt. Und das eben als Theater (wie man hört, in Kurzarbeit) die Möglichkeit der Stunde, dieses wundersame Streamen für ein Solo-Publikum, aufs Schönste nutzt. Das ist mehr als ein bisschen Trost.

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06:00 16.04.2020

Ausgabe 38/2020

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