Grausame Bräuche

Kult Stefan Kiesbye führt uns in „Messer, Gabel, Schere, Licht“ an einen belasteten Ort in der Nähe von Lübeck
Ausgabe 20/2014

Der 1966 in Eckernförde geborene Autor Stefan Kiesbye lebt in Portales, New Mexico, wo der studierte Amerikanist auch kreatives Schreiben lehrt. Kiesbye fiel bisher mit zwei Romanen auf. Sein Debüt Nebenan ein Mädchen wurde als schockierend, voller Ungeheuerlichkeiten beschrieben. Auch sein zweiter Roman Hemmersmoor spielt in Norddeutschland und handelt wieder vom Schauder des Alltäglichen. Sein jüngst erschienener dritter Roman Messer, Gabel, Schere, Licht ist ebenfalls in seiner alten Heimat angesiedelt. Diesmal in einem Ort namens Strathleven – und mit der typischen Mischung aus Krimi, Thriller und englischem Schauerroman bleibt sich Kiesbye treu.

Benno Diedrich, Westberliner Journalist in den 80er-Jahren, ist mit seiner Lebensgefährtin und deren krankem Sohn in die Provinz gezogen, um Ruhe für sich und die Seinen zu finden, um neu anzufangen. Tims Haut reagiert zwar auf kleinste Verletzungen mit schneller Heilung, die aber mit einer entstellenden Narbe einhergeht. Auch die Zustände seiner Frau belasten die familiäre Situation. Der Pfarrer des Orts ist ein unangenehmer, baptistischer Frömmler. Er und Benno Diedrich stehen zu Beginn gemeinsam vor einer Frauenleiche, die nicht aus dem Dorf zu stammen scheint und durch zahlreiche Stichverletzungen getötet wurde.

Unheimliche Nachbarn

Ein schlechtes Omen für das Leben in dem kleinen Ort, in dem auch andere geheimnisvolle Vorkommnisse den Alltag in surreales Licht tauchen. Am Anfang geht es noch freundlich und ländlich-gemütlich zu, doch mehr und mehr wendet sich alles ins Unerklärliche.

Der Ortspfarrer gewinnt Einfluss auf Bennos labile Lebensgefährtin, sie verweigert die Medizin und wird immer bizarrer in ihrer Hinwendung zu religiösen Aktivitäten, Anti-Abtreibungsdemos und ähnlichen Aktionen. Und immer scheint es, als habe der Gottesmann etwas zu verbergen, etwas das auch mit der Toten zu tun hat. Sonderbare Dinge geschehen auch dem Sohn, der erst von seinen Klassenkameraden fast gemobbt wird, dessen Erkrankung die Bürger des Ortes ansonsten aber fasziniert. Er erhält seltsame Geschenke, als wäre er einer, auf den man im Ort gewartet hätte. Auch die Nachbarn sind undurchschaubare, seltsame Menschen. Nachbar Heintz drechselt in seiner Werkstatt befremdliche Objekte. Sogar ein Hund agiert komisch. Man kommt gar nicht nach mit den verrückten Andeutungen und Vorkommnissen in dem norddeutschen Städtchen.

Benno hört nicht auf, über die fremde Ermordete nachzudenken und zu forschen. Als Redakteur einer kleinen Lokalzeitung recherchiert er, als Zeuge ist er nie befragt worden. Nach anfänglicher Betulichkeit dreht sich die Handlung nun immer schneller und schneller.

Tote Raben an der Eiche

Die Geschichte Strahlevens und seiner Einwohner wirkt düster durchzogen von alten heidnisch-germanischen Mythen und Bräuchen. Nichts folgt offenbar dem einfachen Lauf der Dinge, sondern alten und grausamen Regeln, denen zu entgehen kaum oder nur durch das Begehen neuer grausamer Taten möglich scheint.

Die Polizei – nicht interessiert an Bennos Aussagen – schickt ihm bei einer seiner Recherchetouren in ein verfallenes „Irrenhaus“, dem Ort, an dem ein ungeklärtes Familiendrama geschah, gewalttätige Kollegen auf den Hals. Er wird zusammengeschlagen, ein finsterer Verdacht kommt auf. Wer wirkt zusammen in diesem Ort? Wer hat Angst und Furcht, wer unterwirft sich den Sitten und wer nicht?

Ein Ortschronist weiht den Journalisten in ein paar, nicht in alle Hintergründe ein. Er erklärt, warum an einem zur Wundereiche mystifizierten Baum einmal eine Pferdeplazenta und später tote Raben hängen. Benno muss sich durch historische Quellen und Chroniken arbeiten, um zu verstehen, was in dem Ort der Brauch ist bis auf den heutigen Tag. Manchmal allerdings senken zu viele Verworrenheiten die Spannung.

Aber Benno Diedrich, der Allerweltstyp, wächst mit seiner Suche nach den Hintergründen des Mordes, gleichzeitig sieht er sich mit Zweifeln gegenüber dem eigenen Leben und seiner Partnerschaft konfrontiert. Letzeres ist die spannend-psychologische Seite dieses Romans. Eine Geliebte – Bibliothekarin mit reichlich Tattoos und allerlei Zauberkünsten – im nahen Lübeck ist auch noch im Spiel, bläht die Geschichte aber vielleicht unnötig auf. Am Ende reiht sich eine Enthüllung an die andere, es wird brutal und Bennos Einsatz lebensgefährlich. Man steuert fast hollywoodlike zum Höhepunkt. Schrecklich spannend bleibt es allemal. Und am Ende kommt die Frage: Was dann?

Messer, Gabel, Schere, Licht Stefan Kiesbye Tropen 2014, 336 S., 17,95 € Magdalene Geisler ist Autorin und Bloggerin

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