Ich hab da was im Auge

Video Die Elektronik wird weiter miniaturisiert. Bald gibt es Kontaktlinsen mit integrierten Kameras
Franziska Knupper | Ausgabe 19/2016 1
Ich hab  da was  im Auge
Für manche ein Traum - für andere ein Albtraum
Bild: Baron/Getty Images

Die dritte Folge der britischen Science-Fiction-Serie Black Mirror ist eine reine Dystopie. Hier lassen sich Menschen zum Beispiel freiwillig einen Chip ins Auge setzen, um damit ihre Umwelt zu filmen. Natürlich nimmt das ein tragisches Ende. Statt wunderschöne Erinnerungen festzuhalten, entwickelt jeder langsam, aber sicher Kontrollzwänge und Paranoia. Die Folge The Entire History of You wird nun nicht nur von Warner Bros. zum Hollywood-Blockbuster gemacht, sondern von Sony auch in die Realität übersetzt.

Vor zwei Wochen hat das japanische Unternehmen ein Patent für eine Kontaktlinsenkamera angemeldet, die Videos und Bilder speichern und direkt vor dem Auge oder auf einem Bildschirm abspielen soll. Mittels Blinzeln manövriert sich der Benutzer durch das Menü und die verschiedenen Anwendungen, nimmt auf, hält an, spielt ab. „Die Linse besitzt ein Element für Bildaufnahme, eine Hauptsteuerung, Speichermodul, Antenne und einen piezoelektrischen Sensor“, heißt es in der offiziellen Produktbeschreibung des US-amerikanischen Patentbüros.

Der sogenannte piezoelektrische Sensor soll verhindern, dass bald alle fluchend und hektisch blinzelnd durch die Stadt rasen. Er kann die Länge eines Lidschlags registrieren und somit bestimmen, ob es sich um einen reinen Reflex oder einen bewussten Befehl handelt. Der Strom fließt kabellos via elektromagnetische Wellen oder Radiowellen mitten ins Auge, gespeist aus dem Smartphone, dem Tablet oder dem Computer in der Nähe.

Für manche klingt das nach einem Traum, für andere wiederum nach Albtraum. Mit einem einfachen Schließen der Augen wird man Momente des eigenen Lebens wieder abspielen und noch einmal ansehen können. Der Tag der Hochzeit, die letzte Party, der erste Gang durch die neue Wohnung – vielleicht aber auch der jüngste Beziehungsstreit, die plötzliche Kündigung oder der Überfall in der U-Bahn.

Der unsichtbare Begleiter im eigenen Auge ist der perfekte Zeuge und ein ständiger Spion. Der Blick eines Menschen verliert seine Flüchtigkeit und damit Bedeutung. Doch zu spät scheint jedes Zaudern – seit Jahren schon befinden sich die großen Technikkonzerne im Wettrüsten um die „smarten“ Kontaktlinsen. Samsung setzt dabei vor allem auf Virtual Reality. Die südkoreanische Firma arbeitet derzeit an einem Display, das direkt ins eigene Auge projiziert werden kann. Ein Beispiel: Durch einen einfachen Blick zum Restaurant auf der gegenüberliegenden Straßenseite erscheinen auf Blinzelwunsch Menü und Preise.

Das Google-X-Team – eine Sondereinheit des Internetgiganten, die bereits Google Glass und das selbstfahrende Auto verantwortete – arbeitet zurzeit an sogenannten bionischen Kontaktlinsen. Gemeinsam mit dem Schweizer Pharmaunternehmen Norvatis entwickeln die Kalifornier Linsen, die etwa den Glukosewert des Trägers via Tränenflüssigkeit testen. In einer achtminütigen Operation wird dem User die Linse implantiert, die außerdem – ebenfalls nach einem Blinzeln – Objekte bis auf die dreifache Größe heranzoomen kann. In rund vier Jahren soll das Produkt an den Markt gehen. Google-Mitgründer Sergey Brin hält die Miniaturisierung der Elektronik übrigens für die nächste Wunderwaffe der Medizin: „Sie wird das Leben der Menschen verbesserne“, diktierte er dem Magazin Forbes. Sind Sie sich da sicher, Herr Brin? Sagen Sie das noch mal – aber ohne zu blinzeln!

06:00 16.05.2016

Kommentare 1