Im Goldenen Zeitalter

Was läuft Matthias Dell über „Fargo“, „Show Me a Hero“ und „Master of None“ – und diese neue Kolumne
Matthias Dell | Ausgabe 50/2015
Im Goldenen Zeitalter
Die Kinofilmausdeutung „Fargo“ liefert in der zweiten Season ein Prequel

Foto: Daniel Barry/Getty Images

Dass es sich bei der Gegenwart um ein „Goldenes Zeitalter“ für das Fernsehen handelt, hat sich bis ins Fernsehen rumgesprochen. Brian (Kelvin Yu) äußert den Befund in Master of None (Netflix), und er tut das tatsächlich naiv begeistert wie ein Power-Point-Reisender durch die Vorstandsetagen von TV-Produktionszusammenhängen, was den lässig-müden Witz andeutet, der sich durch die Serie zieht. Man könnte sich natürlich kaum etwas Deprimierenderes vorstellen als ein Fernsehen, das sich im Fernsehen selbst gut findet; höchstens ein Fernsehen, das im Fernsehen über sich selber seufzt, weil die Phrase Erwartungen schürt, an denen man nur scheitern kann.

Das Goldene Zeitalter des Fernsehens beträgt in Zahlen: mehr als 300 aktuell laufende Serien allein aus dem angelsächsischen Raum. Bedeutet ferner, dass auch das deutsche Fernsehen davon berührt wird (2016 startet die fälschlicherweise als „deutsches Breaking Bad“ angekündigte ZDF-Miniserie Morgen hör ich auf). Heißt zudem zeitversetztes Schauen, das die Zuschauerkohorte, die früher Zielgruppe hieß, weiter diversifiziert: Das Publikum der fünften, mit deutschem Förderstolz in Berlin gedrehten Staffel von Homeland teilt sich etwa wie das Fahrerfeld einer strengen Tour-de-France-Etappe – in eine Spitzengruppe, die parallel zur laufenden Ausstrahlung in den USA guckt, und einen Pulk, der auf die Synchronisation wartet; dazwischen Kleingruppen von Nachholern.

Das macht das Reden und Schreiben über Serien nicht leichter, weil anders als beim deutschen Fernsehhochamt Tatort eben nicht mehr oder weniger alle gucken, sondern jeder etwas anderes. Daran wird diese Kolumne, eins mit dem Seufzen von Master of None, nichts ändern; ihr Versuch besteht nur darin, nicht allein den diversen Ausstrahlungsterminen hinterherzurennen, sondern vom Sichtungsstand der wechselnden Autorinnen auszugehen, um Anregungen zu geben. Der Gegenstand der Kolumne wäre, in Büchern gesprochen, der Stapel, der bald vom Nachttisch ins Regal geräumt werden kann.

Dort türmt sich die zweite Staffel der Kinofilmausdeutung Fargo (FX; deutsches Netflix), die laufend in wöchentlichen Folgen oder in zeitlicher Dichte um den 16. Dezember herum geguckt werden kann, wenn die zehnte und letzte Episode zur Verfügung steht. Variierte die erste Staffel den Film der Coen-Brüder von 1996 über den tragischen Fall eines Versicherungskaufmanns, den eine schwangere Polizistin (Allison Tolman) zu einem guten Ende ermittelte, und erfand sie dabei etwa die Figur eines amöbenhaften Berufskillers (Billy Bob Thornton), so führt die zweite Season nun mit aller inszenatorischen Perfektion zurück ins Jahr 1979, in dem der bereits eingeführte Polizistenvater (alt: Keith Carradine, jung nun: Patrick Wilson) Protagonist ist.

Das nachgereichte Prequel wäre eine Option, die eine zweite Staffel der abgeschlossenen sechsteiligen Mini-Serie Show Me a Hero (HBO; im Frühjahr auf Deutsch) motivieren könnte. Die ebenfalls tragische Erzählung (der Titel ist ein halbes F.-Scott-Fitzgerald-Zitat: „Zeig mir einen Helden, und ich schreib dir eine Tragödie“) von Nick Wasicsko, einem jungen Bürgermeister der Stadt Yonkers am Ende der 80er Jahre, ist ungebrochen; die Gemeinde wehrt sich gegen Sozialwohnungen für Arme – was bedeutet: Schwarze – in einer Weise, die an aktuelle politische Szenen denken lässt.

Show Me a Hero ist eine Sachbuchadaption (die Vorgänge gab es wirklich), in der sich das kommunalpolitische Interesse von Drehbuchautor David Simon (Homicide, The Wire) reibt an dem Zug ins Versöhnlich-Melodramatische von Regisseur Paul Haggis (L.A. Crash). Oscar Isaac fügt seinem Set an antriebsschwachen Untergehern die Figur des Nick Wasicsko hinzu, und auch wenn das Unmerkliche in seiner Gestalt zu feinem Ausdruck findet, gehört das Drama doch den (prominent besetzten) Weißen, während für gröbere Entwürfe und größere Gefühle die Schwarzen zuständig sind.

Um solche Zuordnungen kümmert sich aus der Perspektive der Zugeordneten im übrigen Master of None von Aziz Ansari und Alan Yang, in dem Comedian Ansari die Hauptrolle des indoamerikanischen Kleindarstellers Dev spielt („Dein IMDB-Eintrag ist eine Liste aus indischen Stereotypen“). Geguckt wird in Master of None übrigens die Serie Sherlock. Zu der Dev-Freund Brian meint: „Das ist meine neue Lieblingsserie.“ – „Das sagst du über jede Fernsehserie.“

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