Immer im falschen Film

Berlinale Der neue „Berlin Alexanderplatz“ war in seiner Intensität fast unerträglich. Auch sonst herrschte Düsterkeit

Das Schlangestehen und quer durch die Stadt von einem Kino zum anderen Hetzen ist nichts gegen den eigentlichen Stress der Berlinale: Der kommt von dem permanenten Gefühl, im falschen Film zu sein. Niemand kann alle 342 Filme sehen, man muss sich entscheiden. Was man verpasst, liest und hört man dann aus zweiter Hand. Vieles, was man sieht, wäre verzichtbar, dann wieder ist man wirklich dankbar. Was die Festival-Erfahrung gutmacht, ist der Dialog, der dann, über die Zeit, zwischen den Filmen entsteht.

Die Neuverfilmung von Berlin Alexanderplatz war sicherlich der Film der Stunde auf einem Festival, an dessen Eröffnungstag neun Menschen aus rassistischen Motiven ermordet wurden. Er erzählt die Geschichte von Francis, der aus Guinea-Bissau in Berlin strandet. Ohne Pass kein Job, kein Geld, keine Wohnung. Francis, ein großer, schöner schwarzer Mann, zieht die Blicke auf sich, wird aber selten als Mensch gesehen. Bei jeder Gelegenheit wird er als Affe beschimpft oder respektlos getätschelt. Burhan Qurbani wollte einen Film über Rassismus machen, aber gelungen ist ihm viel mehr: Er erzählt etwas über die Gegenwart, ohne im Realismus verhaftet zu bleiben. Darin sind Berlin und die Figuren, die es bevölkern, bekannt und fremd zugleich. Öfters wünschte ich, das dreistündige Epos möge zu Ende gehen, weil seine Intensität fast unerträglich ist. Aber zugleich, dass es weitergeht – denn es hat mich gepackt. Natürlich handelt ein Film über Rassismus auch immer von Ausbeutung: Im Zentrum steht die Beziehung zwischen Francis, der sich geschworen hat, gut zu sein, und dem Drogendealer Reinhold, der als Francis’ Teufel diesen immer mehr ins Verderben treibt. Reinhold, gespielt von Albrecht Schuch, ist ein „Geisteskranker“, dem alles zuzutrauen ist. Er ist eine dieser Figuren, die man nicht mögen muss, um von ihnen fasziniert zu sein. Allein die Gier nach Geld, also Macht, erklärt sein Handeln nicht ausreichend. Genauso wenig ist es die reine Geldnot, die Francis an ihn fesselt. „Das Leben hat es nicht gewollt“, zitiert der Film lakonisch seine Vorlage.

Ein Euphemismus, der auch auf die Freunde in Kelly Reichardts Wettbewerbsbeitrag First Cow passen würde. Darin begegnet der Chinese King Lu, als er wortwörtlich um sein nacktes Leben rennt, Cookie. Der reist als Koch mit einer Truppe Felljäger durch Oregon. Auch dieser Film handelt von dem Versuch, ein neues Leben aufzubauen. Doch Cookies weicher Charakter und King Lus Kultiviertheit lassen beide für das raue Umfeld im Wilden Westen ungeeignet erscheinen. Während Cookie häuslich ist, macht sich King Lu unentwegt Gedanken, wie sie das große Geld machen können. In diesem vom Kapitalismus noch kaum berührten Gebiet wittert er Chancen, die es anderswo nicht mehr gibt.

Wie immer interessiert sich Kelly Reichardt sehr für die sinnliche Beziehung der Menschen zur Umwelt. Wir beobachten Cookie in Detailaufnahmen beim Pilzesammeln, Fegen, Nähen, Backen – und dem Melken der (noch) einzigen Kuh in Oregon. Währenddessen wird auf der Dialogebene die Logik der Wertschöpfung diskutiert: Angebot und Nachfrage, die Abhängigkeit des Marktes von der Mode in Paris, die Knappheit der Rohstoffe als Chance.

Wildwestkapitalismus

Bei Tee und Cookies Milchgebäck diskutieren die Herren, die im Fort das Sagen haben, ob es produktiver ist, die Belegschaft für Meuterei mit dem Tod zu bestrafen, oder sich mit einer milden Strafe zu begnügen, um die Arbeitskraft zu erhalten. Schade, dass die Business-Träume der Freunde früh enden – ihre Weiterentwicklung hätte uns noch viel Interessantes über die Erschließung neuer Märkte erzählen können.

Auch der hybride Dokumentarfilm Days of Cannibalism bezieht sich auf das Western-Genre, um den Einzug (einer neuen Form) des Kapitalismus zu beschreiben. In Lesotho, das an Südafrika grenzt, lebt die Bevölkerung traditionell von der Rinderzucht. Seit der Ankunft chinesischer Händler gibt es eine neue ökonomische Ungleichheit, deren Grenzen zwischen den beiden Ethnien verlaufen. Teboho Edkins’ Film enthält fast alle Elemente eines Western: Es gibt Rinderherden und Cowboys auf Pferden in einer weitläufigen Berglandschaft. Es gibt Alteingesessene und Eindringlinge, es kommt zu Angriffen und Diebstählen. Der Sheriff wird aktiv, eine Gerichtsverhandlung findet statt. Was in diesem Western fehlt, ist der Held und die moralische Stellungnahme. Stattdessen beobachten wir die Räuber, die ein chinesisches Geschäft ausrauben, durch die Überwachungskamera. Ob es ein Racheakt oder eine Tat aus materieller Not war, bleibt ungewiss. Auch wissen wir in Days of Cannibalism nicht, was dokumentarisch gefilmt und was re-inszeniert ist – eine Tatsache, die uns das, was wir sehen, doppelt in Frage stellen und vorsichtig bewerten lässt.

Die doppelte Infrage-Stellung – das könnte auch gut als Motto der Berlinale nun unter neuer Leitung von Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian funktionieren. Tatsächlich haben sie die traditionelle Ausrichtung auf politische Themen, für die das Berliner Festival genauso oft gelobt wie beschimpft wird, nicht ganz abgeschafft, aber sie scheinen sie doch anders zu deuten. Ein ums andere Mal bekam der Zuschauer mehr als angekündigt: In der italienische Vorstadt-Groteske Favolacce (die den Drehbuchpreis bekam) etwa wird die Vulgarität des Dargestellten durch einen ausgesprochen intellektuell verfremdeten Erzählstil gebrochen; in Christian Petzolds Undine (für den Paula Beer als beste Schauspielerin geehrt wurde) wird das Märchen von der Meerjungfrau nicht nur auf moderne Zeiten übertragen, sondern auch mit einem Diskurs über Berliner Stadtgeschichte und Stadtplanung verschränkt. Einmal mehr dominierten deprimierende Themen wie heimliche Abtreibungen (Eliza Hittmans Indie-Drama Never Rarely Sometimes Always, Silberner Bär), Überforderung in einer digitalen Welt (die französisch-belgische Satire Effacer L’historique, mit einem Sonderpreis geehrt), Mitläufertum und Folter (der hoch umstrittene und für seine Kameraarbeit ausgezeichnete, russische DAU: Natascha) und gar die Todesstrafe (der Goldene Bär für den absolut ergreifenden iranischen There is no Evil von Mohammad Rasoulof). Aber die Filme dazu waren oft so eigensinnig, dass sich doppeltes Hinschauen lohnt.

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06:00 07.03.2020

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