Jüngstes Gericht und Soljanka

„Schecks Antikanon“ Der TV-Kritiker inszeniert sich als strafender Gott, der über schlechte Literatur urteilt. Dazu zählt seiner Meinung nach auch die feministische Literatur der DDR
„Nichts zu lachen“? Die DDR-Schriftstellerin Christa Wolf († 2011)
„Nichts zu lachen“? Die DDR-Schriftstellerin Christa Wolf († 2011)

Foto: Allstar/IMAGO

Schecks Antikanon heißt das neue (Online-)Format des TV-Starkritikers Denis Scheck, in dem er die, seiner Meinung nach, „schlechtesten Bücher der Weltliteratur“ bespricht. Christa Wolfs Kassandra war eines der ersten Opfer auf seinem Altar auf swr.de, das sodann dem Feuer übergeben wurde. Und wäre die computeranimierte Buchverbrennung nicht für manche schon empörend genug, inszeniert sich Scheck vor weißer Kulisse, als wäre er Gott im Himmel und der Tag des letzten Gerichts gekommen.

Scheck spricht das Todesurteil für die feministische Literatur der DDR aus. Man habe bei Wolf „nichts zu lachen“. Wolfs Prosa schmecke nach Soljanka, Kassandra lese sich wie eine „Sättigungsbeilage“. Aber hat Scheck das Buch vor seinem Urteil ganz verdaut?

In Kassandra analysiert Wolf die Rolle einer Frau im antiken Patriarchat. Kassandra erzählt von der Ohnmacht im Handeln, „nichts, was ich hätte tun oder lassen, wollen oder denken können, hätte mich an ein andres Ziel geführt“. Sie will gehört werden, wie die Männer im trojanischen Rat gehört werden. Kassandra, mehrfach vergewaltigt, sagt über ihren Vater Priamos, wie Scheck zitiert, „die Vertraulichkeit zwischen uns beruhe, wie so oft zwischen Männern und Frauen darauf, dass ich ihn kannte und er mich nicht“. Apollon verliebt sich in die als schön geltende mythologische Figur, schenkt ihr die Gabe, Unheil vorauszusehen. Als sich Kassandra seiner Liebe verweigert, ist Apollons Strafe, dass niemand ihren Weissagungen glaubt.

Kassandra sieht den Untergang Trojas voraus. Nicht auszuhalten sei dabei, laut Scheck, „der Ton der Besserwisserei und der moralischen Überlegenheit“. Wolfs Kassandra ist aber vielmehr fundamental verunsichert. Sie ist eifersüchtig, sie zweifelt, sie ist getrieben von Selbstanklage.

Wolf mache es sich zu leicht, so Scheck, indem sie schreibt: „Alle Männer sind ichbezogene Kinder.“ Scheck fragt gestellt naiv: „Trifft es auf alle Männer zu? (...) Auf alle Männer, die wir kennen?“ Kassandra meint nicht alle. Sie meint die Unterdrücker und Vergewaltiger. Tatsächlich ist schon der Satz danach eine Reflexion auf diesen Satz. Ihr Geliebter Aineias ist eben kein solcher „Mann“, sondern ein „Mensch“.

Das „Kindliche“ am Mann kommt mehrmals zur Sprache. So zum Beispiel auch, als Hekabe im Krieg der Zugang zum trojanischen Rat verwehrt wird: „Was jetzt, im Krieg, in unserm Rat zur Sprache kommen muss, ist keine Frauensache mehr. Freilich, sagte Anchises: Das wird nun Kindersache.“ Das Kind im Mann funktioniert als abgrenzende Misogynie: Wo Frauen als erwachsene Personen nicht zugelassen sind, werden die Männer zu Kindern. „Kein Wunder“, so Scheck, „dass die Autorin eine so ambivalente Figur wie Odysseus“ ausblende. Gerade der zentrale Vorwurf Schecks, dass die Männerfiguren des Trojanischen Krieges nicht im Mittelpunkt der Erzählung stehen, verwundert. Auf Biegen und Brechen versucht Scheck durch seine „Kritik“ eine Lanze für die Männlichkeit zu brechen, bei einer Erzählung, von der es Abertausende männliche Versionen gibt. Und so ist die weibliche Perspektive wiederholt als Außenseiterin in die Literaturkritik eingegangen: „Unmöglich war es doch, dass Menschen auf die Dauer einer, die ihr Recht beweist, nicht Glauben schenken sollten.“ Leider, liebe Christa Wolf, ist es doch immer noch so.

Charlotte Szász schrieb zuletzt im Merkur-Blog über Frauenbilder bei Rainald Goetz

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