Kein Stein blieb

Treuhand Yana Milev sieht koloniale Gewalt bei der Abwicklung der DDR
Kein Stein blieb
Ein DDR-Jugendorchester auf der Leipziger Herbstmesse

Foto: Imago Images/United Archives

Es gilt auch fürderhin, dass nicht nur wichtig ist, was gesagt wird, sondern auch, wer es sagt. Der Soziologin, Ethnografin und Kulturphilosophin Yana Milev, die 1964 in Leipzig geboren wurde und in der DDR aufwuchs, ließe sich – und das wird geschehen – unterstellen, dass sie als „Ostdeutsche“ gar nicht in der Lage sei, die Ursachen sozialer Verwerfungen im Osten Deutschlands, wie sie seit 1990 da sind und fortleben, zu untersuchen. Zu eng geführt der Blick, weil selbst ja irgendwie betroffen.

Und tatsächlich pflegt Milev auch in ihrem neuen Buch Das Treuhand-Trauma eine klare und nicht allzu sehr um Ausgleich bemühte Sprache. Sie ist ganz und gar nicht nett. Dies aber auf dem Boden fundierter Analyse. Ein gar nicht so einfacher Spagat, der an manchen Stellen aus dem Gleichgewicht zu geraten droht, wenn die Wahl der Worte den doch an sich schon beeindruckend grausigen Fakten noch eine zusätzliche Fallhöhe verleihen will und von „Landnahme“, „Kolonisierung“, „Unterwerfungsvertrag“, „Kulturkatastrophe“ die Rede ist. Der nun schon drei Dekaden währende Status in Ostdeutschland könne, schreibt die Autorin, wie eine kollektive Strafe des Westens an den Ostdeutschen aufgefasst werden. Stigma auf der einen, Hybris auf der anderen Seite, wobei das eine sozusagen die Nährlösung für das andere darstellt.

Yana Milev zeigt kein Verständnis. Weil sie versteht. Kein Paradox, denn sie unterlegt, was sie postuliert, dass der „Anschluss“ der DDR an die BRD alle Elemente einer neoliberalen Annexion aufweise. Milev baut dabei auf die gewonnenen Erkenntnisse aus ihrem mehrteiligen publizistischen Projekt zum Thema Entkoppelte Gesellschaft. Liberalisierung und Widerstand in Ostdeutschland seit 1989/90.

Einigungsvertrag und Treuhand sind die Zentren, um die das Buch für die Beweisaufnahme kreist. Der Vertrag, eine Glanzleistung der Bürokratie, die in der DDR keinen Stein auf dem anderen ließ, alles, bis auf Uhrzeit und Datum, veränderte und eine systematische Demütigung zum Maßstab des Zusammenschlusses machte.

Die Treuhand – für wenige Wochen während der Zeit des Runden Tisches und der Modrow-Regierung eine kühne, nicht umsetzbare Idee zur „Wahrung der Anteilsrechte der Bürger mit DDR-Staatsbürgerschaft am ‚Volkseigentum der DDR‘ “ – war am Ende eine klug ausgedachte Liquidationsmaschine zur ökonomischen Belebung der Wirtschaft in den alten Bundesländern und zur Umsetzung einer Schockstrategie, die schon häufig erfolgreich gewesen ist: „Es verschwanden – neben den 8.300 volkseigenen Betrieben und Kombinaten – 1.700 Zeitungen und Zeitschriften, 217 Theater, zehn Staatliche Puppentheater, 87 Orchester, 955 Museen, 190 Musikschulen, 16.900 Bibliotheken, 1.500 Kultur- und Clubhäuser, 805 Kinos, 450 Galerien, 1.500 Jugendklubs …“

Yana Milev plädiert dafür, die Deutungshoheit über DDR-Geschichte und Biografien den Eignern zurückzugeben. Bis es so weit ist, wird noch viel Zeit vergehen. Aber fein wäre es.

Das Buch besteht aus drei Teilen, von denen sich der erste dem Anschluss und der zweite dem Umbau widmet. Im dritten Teil, der die Überschrift „Exil“ trägt, geht es um die Folgen der zuvor beschriebenen vereinigungsbedingten Kulturkatastrophe. Yana Milev stellt darauf ab, dass die Thematisierung kolonialer Gewalt in Bezug auf die Abwicklung der DDR bis zum heutigen Tag nicht erwünscht sei. Stattdessen herrsche ein normativer Populismus. Wer dessen überdrüssig ist, könnte mit dem „Treuhandbuch“ der Autorin weiterkommen.

Info

Das Treuhand-Trauma. Die Spätfolgen der Übernahme Yana Milev Verlag Das Neue Berlin 2020, 288 S., 18 €

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