Männer, die auf McFit-Plakate starren

Neoliberalismus Lexikon der Leistungsgesellschaft: Muskeln scheinen beim Überleben im autoritären Kapitalismus zu helfen
Männer, die auf McFit-Plakate starren
Archetypus der toxischen Männlichkeit: Rapper Kollegah

Foto: Star-Media/Imago

Andreas Gabalier ist ein Kraftprotz, ein Prachtexemplar von einem Mann. Gedanklich ist der selbst ernannte Volks-Rock-’n’-Roller aus der Steiermark irgendwo zwischen 1933 und 1968 hängen geblieben. Die österreichische Hymne singt er lieber in der alten Fassung: „Heimat bist du großer Söhne“; dass es mittlerweile offiziell „Heimat großer Töchter und Söhne“ heißt, hält der Mann mit den strammen Waden für „Gender-Wahnsinn“. Überhaupt jammert die Testosteronbombe wo es nur geht: Mal seufzt er, Jungs hätten es heute so schwer, wenn sie auf Frauen stehen würden; dann schimpft er über Leute, die sich trauen, zu einer Preisverleihung in zerrissenen Jeans zu kommen. Die Sehnsucht nach der Welt von vor 50 – ach, heute kann man es ja wieder sagen: vor 80 Jahren! – trieft aus vielen seiner Songs.

Ein ähnliches Mannsbild ist der Rapper Kollegah, der wie Gabalier im Laufe seiner Karriere immer muskelbeladener wird. Er setzt sich, rein künstlerisch versteht sich, intensiv mit „Bitches“, „Nutten“ und „Tunten“ auseinander, die er in seinen Songs vergewaltigt oder direkt ermordet. In seinem kürzlich erschienenen Ratgeber Das ist Alpha! Die 10-Boss-Gebote will er jeden noch so großen Lauch in einen richtigen Boss verwandeln. Damit der „Bosstransformation“ nichts entgegensteht, rät er seinen Lesern, Frauen nicht so wichtig zu nehmen. Denn das erzeuge „nichts als Unwohlsein bei der Frau, denn es ist nicht ihre natürliche Rolle“. Das kommt an, das Buch ist ein Bestseller.

Einer der keine Bosstransformation mehr nötig hat, ist Rainer Zitelmann – einst war er Historiker, dann Journalist bei der Welt, ein Publizist der Neuen Rechten. Dann verdiente er viel Geld mit Immobilienfonds. Maskulinität, Härte und ökonomischer Erfolg bilden auch bei Zitelmann eine Einheit. Er ist nicht nur wie Kollegah Ratgeber-Autor, sondern Bodybuilder, der sich unheimlich gerne oben ohne präsentiert.

Muskeln, Money und Männlichkeit: Riesige Herden wollen es ihren role models gleichtun, schwitzen auf den Laufbändern und quälen sich an den Brustpressen, während sie apathisch auf das McFit-Werbeplakat starren: „Dein stärkster Muskel ist dein Wille.“ Sie stählen ihre Körper und halten die Ergebnisse vor dem Spiegel in der Umkleide mit dem Smartphone fest.

Der harte Mann passt perfekt in eine Zeit, in der die Politik stets betont, dass jetzt alle schön den Gürtel enger schnallen sollen und das Diktat der Schwarzen Null herrscht. Literweise Eiweißshakes für den schlanken Staat, Arbeitslose sollen ihren Arsch hochkriegen und Leiharbeiterinnen verflixt noch mal die Zähne zusammenbeißen.

Der Ego-Muskelmann ersetzt zunehmend das Rollenbild des metrosexuellen Manns, der vor 15 Jahren noch in aller Munde war. Gabalier statt David Beckham, Kollegah statt David Bowie und auch Rainer Zitelmann gewinnt im Armdrücken gegen die verweichlichten Start-up-Chefs. Selbstredend scheißt der harte Mann auf den links-grün-verschwulten Genderkram. Er steht auf klare Regeln und eine eindeutige Ordnung, her mit einer Welt, in der es Männlein und Weiblein – und nur die! – gibt.

Ja nicht stehenbleiben – oder sich von Robotern, Frauen oder Fremden die Butter vom Brot nehmen lassen. Im autoritären Kapitalismus survivalt nicht nur der Fitteste, sondern auch der Härteste, ausgestattet mit ordentlich Egoismus, dicken Eiern und weit ausgefahrenen Ellbogen. Ficken oder gefickt werden.

Sebastian Friedrich ist Journalist und führt in dieser Kolumne sein 2016 als Buch erschienenes Lexikon der Leistungsgesellschaft fort, welches veranschaulicht, wie der Neoliberalismus unseren Alltag prägt

06:00 19.03.2019
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