Mit ernster Fantasie

Romantiker Franz Fühmann, der große Unbekannte der DDR-Literatur, wäre dieser Tage hundert geworden. Veraltet ist sein Werk noch lange nicht

An einem bestimmten Punkt in seinem Leben hat Franz Fühmann keine Lust mehr, den äußeren Schein zu wahren. Was man gemeinhin Erfolg nennt, ist ihm egal. Er will jetzt nur noch schreiben, was er schreiben muss. 1982, zwei Jahre vor seinem Tod, wird er sagen, wäre er etwa 1968 gestorben, „wäre ich in die Grube gefahren als der, der ich ja noch heute in der Literaturgeschichtsschreibung meines Landes fortlebe: als der Vergangenheitsbewältiger mit der schönen Sprache und den lieben Kinderbüchern und den treffenden Nachdichtungen“.

Mit der Erschütterung vom August 1968 aber, der Niederschlagung des Prager Frühlings, hat sich für ihn etwas grundlegend verändert, jetzt wolle er „sehen, was ist“. Da habe das „Eigentliche“ seiner Autorenexistenz erst angefangen, mit Mitte vierzig. Jetzt geht er endlich in eine Rostocker Klinik und macht eine Alkohol-Entziehungskur (bleibt bis ans Lebensende abstinent), eine Hungerkur folgt. Bis dahin schrieb er schnell und leicht, auch gute Sachen wie Kameraden über den falschen Treuebegriff der Wehrmachtssoldaten oder die Abrechnung mit seiner Verblendung als Nazijunge in Das Judenauto, auch die sich expressiv steigernde Werftreportage Kabelkran und Blauer Peter.

Klingt unpolitisch, ist explosiv

Aber an dem Dichter seines Lebens Georg Trakl gemessen, dessen Vers Der Wahrheit nachsinnen – Viel Schmerz ihn lebenslang begleitet, ist das zu wenig. Mit Ernst Barlach (über den er mit Barlach in Güstrow eine wichtige Erzählung schreibt, die zur Barlach-Renaissance in der DDR führt) stößt er anders auf das Thema Künstler und Gesellschaft. Der von einer geistlosen Macht bedrohte Künstler erleidet ein Martyrium.

Ab jetzt streitet er offensiv mit jenen Gespenstern, die ihn umgeben. Er macht es konsequent, indem er sie zu seinem bevorzugten Thema erklärt. Ist das noch sozialistischer Realismus? Ilja Ehrenburg sagt, sozialistischer Realismus sei eine „schwarze Orchidee“ – Fühmann nimmt ihn beim befreienden Wort, verschwindet von der Bildfläche politischer Tageskämpfe und folgt E.T.A. Hoffmann in Das Bergwerk von Falun. Klingt unpolitisch, aber ist explosiv. Denn der neue Begriff von Romantik, den Fühmann in einer Rede vor der Akademie der Künste im Januar 1976 fordert (mit der in der DDR totgeschwiegenen Prager „Kafka-Konferenz“ von 1963 im Hinterkopf), hat Auswirkungen weit über die Kunst hinaus. Auch das Verhältnis des Einzelnen zur Gesellschaft verändert sich so. Auf einmal sind sie da: die Dämonen, die Furien, die Trolle, die Ungeheuer, Hexen und Gnome, das ganze groteske Personal der Nachtseite unserer Existenz, das die Romantik kultiviert. Für Fühmann spiegelt sich in dieser Unterwelt (die auch das Unterbewusstsein meint) die wachsende Absurdität unserer Existenz.

Er hat Verbündete bei seinem Plädoyer für die Romantik, wie Christa und Gerhard Wolf, Stephan Hermlin, Heiner Müller und Günter de Bruyn. Sein Briefwechsel mit Christa Wolf, der keinesfalls zufällig 1968 beginnt und den der Aufbau-Verlag gerade in erweiterter Fassung neu herausgegeben hat (Monsieur – wir finden uns wieder. Briefe 1968 – 1984) zeigt, wie nahe sie sich im Geiste kommen. Christa Wolf aber sieht auch Fühmanns Extremismus, der rücksichtslos bis ins scheinbar Hermetische geht, mit wachsender Sorge. Man muss doch dem Leser verständlich bleiben? Doch Fühmann ist auf einem anderen Weg: Anfangs ging bei ihm alles zu leicht, nun geht es eben schwer. Das ist doch ausgleichende Gerechtigkeit?

1979 mahnt die befreundete „Mit-Hexe“ Christa Wolf: „Glaubst Du eigentlich, dass man Deine Essays anderswo genauso verstehen, dass man ihnen in ihre Voraussetzungen, Assoziationen, ihre Betroffenheiten, Grimmigkeiten, ihre Polemik, ihre Inständigkeiten, ihre beinah flehentlichen Beschwörungen und ihre schmerzlichen Schlüsse genauso folgen kann?“ Mit „anderswo“ ist der Westen gemeint. Tatsächlich wechselt er dort die Verlage, seine Bücher erscheinen bei Suhrkamp, Hoffmann und Campe, Luchterhand oder dtv – der Durchbruch aber gelingt nicht.

Das fängt beim Unverständnis der Verlage selbst an. Ein Beispiel: Nach langen Kämpfen erschien bei Hinstorff in Rostock 1982 endlich Vor Feuerschlünden. Erfahrung mit Georg Trakls Gedicht, ein geradezu intimer Essay darüber, wie der Dichter Trakl zu verschiedenen Zeiten in sein Leben eingriff, falsche Doktrinen überwinden half. Der Deutsche Taschenbuch Verlag brachte 1985 den Band als Lizenz unter dem Titel Der Sturz des Engels. Erfahrungen mit Dichtung heraus. Beliebiger ging es kaum – aber Trakl im Titel galt wohl als nicht verkaufsförderlich. Da war Fühmann zum Glück gerade gestorben, denn kein Wutanfall hätte ihn aus seiner Verzweiflung über diesen jede Zensur im Osten weit übersteigenden Eingriff im Titel erlösen können.

Sein Werk erwies sich für den Buchmarkt des Westens als nicht griffig genug, es geht in die Tiefe, legt Bedeutungslabyrinthe an. In denen verbirgt sich der am 15. Januar 1922 in Rochlitz im Riesengebirge geborene Fühmann. Man müsste ihn lesen wie Beckett, aber auf einen Beckett aus Märkisch-Buchholz war man nicht gefasst, presste ihn in gängige Muster, was nicht funktionierte. Im Osten dagegen gab es ein Sensorium für artistische Wendungen, die nicht an die Oberfläche traten, einen geschärften Sinn für jene Unter- und Zwischentöne, ohne die keine Dichtung zu einer „eigentlichen“ wird. Die Ostleser hatten Lust auf Überforderung, die Westleser nicht.

Seine Gegner im Osten verstanden ihn dagegen auf Anhieb. Peter Hacks, der Romantikfeind in Klassikerpose, sah in Fühmanns Vortrag 1976 über E.T.A. Hoffmann den Beginn des „Staatsstreichs“ der „Fronde“ der Romantiker – was einigermaßen absurd ist. Denn kaum jemandem waren Machtkalküle so fern wie Fühmann. Am 3. Juli 1979 vertraut er Christa Wolf an, was ihn beim Lesen von Friedrich Nietzsche, dem in der DDR als dekadent und irrational verbotenen Philosophen, durch den Kopf gehe: „N. hat bei irgendeiner Neuerscheinung von ihm einmal gesagt, Hauptsache, das Buch kommt zu den 20 Leuten, auf die es ankommt, alles andere ist nebensächlich, und es ist wirklich so.“

Christa Wolf sieht das anders – aber Fühmann spielt die Spiele anderer nicht mehr mit. Er wird schwierig im Umgang, so schwierig, dass – auch wegen der von ihm für ein Buchprojekt gesuchten Nähe zu Menschen mit geistiger Behinderung in den Samariteranstalten in Fürstenwalde – der Staatssekretär im Kulturministerium Kurt Löffler laut darüber nachdenkt, ob Fühmann wegen solch abnormer Verhaltensweisen nicht selbst in die Psychiatrie gehöre. Tatsächlich ist er auf eine für Außenstehende mysteriöse Weise konsequent geworden. So bittet ihn der Hinstorff-Verlag um einige Seiten Nachwort zu einem Auswahlband von Ludwig Tieck. Fühmann liest die Werkausgabe gleich zwei Mal gründlich und schreibt ein (im Nachlass erhaltenes) lesenswertes Nachwort, das ihn aber selbst nicht überzeugt. Und so sagt er nach mehr als zwei Jahren dem Verlag schließlich endgültig ab. Er könne das nicht.

Warum das Gespenst umgeht

Fühmann verkörpert selbst jenes „Bergwerk“ an Traum und Albtraum, das sein großes Projekt für das letzte Lebensjahrzehnt wird. Entstanden ist Im Berg. Bericht eines Scheiterns, ein Fragment von 1983, abgebrochen ein Jahr vor seinem Tod. Die 130 Seiten Text gab Ingrid Prignitz 1993 aus dem Nachlass heraus. Da steckt der ganze E.T.A. Hoffmann drin, aber auch jene Produktionserfahrung, das Bild des Arbeiters, das Fühmann ebenso beschäftigt hat. Alles das unter Tage gesehen, geträumt, aber auch tatsächlich erfahren bei unzähligen Grubenbesuchen im Kali- und Kupferbergbau. Aber es ging nicht zusammen, Leben und Kunst, so musste er erfahren, blieben getrennt.

Wer verstehen will, wovon hier die Rede ist, der lese Fühmanns Essay Fräulein Veronika Paulmann aus der Pirnaer Vorstadt oder Etwas über das Schauerliche bei E.T.A. Hoffmann. Im Grunde geht es dabei um das, was Brecht sehr direkt als ausstehende große Aussprache der Regierenden mit den Regierten forderte. Um die wachsende Entfremdung in der Gesellschaft – die lauter furchtbare Gespenster hervortreibt.

Der Lieblingsautor von Marx, so Fühmann, sei schließlich E.T.A. Hoffmann gewesen, darum fange das Kommunistische Manifest auch mit dem „Gespenst des Kommunismus“ an, das in Europa umgehe. Welch merkwürdige Wortwahl für einen so strengen Theoretiker! Die alten Mächte hätten sich zur heiligen Hetzjagd auf dieses Gespenst verbündet, ein Schreckensbild jenes Un-Geistes, den sie doch selbst hervorgebracht haben. Fühmann: „Die Zukunft: Hoffmann hat ihr Schauerliches gesehen: den Siegeszug des Surrogats zur Entzauberung der Menschenerde bis schließlich zum Verlust der Natur.“ Sage niemand, Fühmann sei veraltet. Veraltet ist offenbar nur die Kunst, mit ernster Fantasie zu lesen.

Info

Christa Wolf / Franz Fühmann: Monsieur – wir finden uns wieder. Briefe 1968 – 1984 Angela Drescher (Hrsg.) Aufbau 2022, 200 S., 24 €

Das Judenauto Franz Fühmann Hinstorff 2019, 192 S., 18 €

Alle weiteren im Text erwähnten Bände und Schriften sind derzeit nur antiquarisch erhältlich.

Gunnar Decker ist Autor der im Hinstorff-Verlag erschienen Fühmann-Biografie Die Kunst des Scheiterns

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