Nicht ohne meinen Thermomix

Keimzelle Die Familie soll der Quell allen Glücks sein. Viele erleben sie aber als Horrorkabinett. Nataly Bleuel weiß einen Ausweg – und gibt 20 Tipps für das Überleben
Nataly Bleuel | Ausgabe 31/2017 1

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Wir hören auf, Ehe- und Familienglück so zu überhöhen, dass wir an der Überforderung verzweifeln. Sonst leiden wir am Ende ein Leben lang unter unserem Scheitern am Rama-Ideal.

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Die einzig wahre Familienform gibt es nicht und wir hören auf zu glauben und den anderen zu suggerieren, wir hätten sie trotzdem gepachtet. Jeder findet das Familienglück seiner Fasson. Nur halt nicht allein – oder gibt’s Ein-Personen-Familien? Und Familien ohne Kinder?

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Wir lernen schon als Kinder, auch in der Schule, wie man sich in sein Gegenüber hineinversetzt, emotional und sozial. Aus Sexualkunde wird das Pflichtfach Beziehungsbildung, von der ersten Klasse bis zum Abschluss – ist Mathe etwa wichtiger?

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Familie hilft und wenn nicht, dann die Gesellschaft: in Krippen, Kitas, Ganztags- und Gesamtschulen, mit Schwimmbädern und Parks, an den Unis und in der Ausbildung, bei der Gesundheit, der Arbeit und im Alter. Warum? Weil es ohne Kinder keine Zukunft gibt. Damit darf der Staat Familien nicht alleinlassen.

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Mütter werden nicht mehr benachteiligt. Nicht finanziell, nicht strukturell und nicht, weil der Mann „nicht weiß“, wie man 40-Grad-Wäsche-ohne-Vorwaschgang-im-Schnelldurchlauf programmiert.

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Männer dürfen an den Herd. Auch und vor allem, wenn ihre Frauen glauben, sie könnten im Haushalt alles besser und die Welt bräche ohne sie zusammen. Das Gleiche gilt für alle (Geschlechter). Und den Thermomix.

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Wenn man den Anderen versteht, verändert er sich von selbst. Oder auch nicht, und das muss frau dann auch verstehen. Familie ist kein Projekt und kein Umerziehungslager. Familie braucht Geduld.

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Glück kann man üben, denn erkennen und feiern muss man es schon selbst. Auf Protestantisch: Am Familienglück muss man arbeiten. Und das heißt, dass man mal innehält und fragt: Was will ich hier eigentlich?

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An die kommende Finanzministerin: Wir schaffen das Ehegattensplitting ab und Leute, die heiraten überflüssig finden, aber trotzdem anhaltend als Partner zusammenleben, werden rechtlich und steuerlich nicht mehr wie Wilde (Ehen) behandelt. Ebenso Alleinerziehende, Getrennterziehende und Umherziehende.

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Wir zelebrieren Familientage nicht nur im Zoo, sondern auch zu Hause. Nicht verstanden? Familie ist jeden Tag! Darauf muss man sich einlassen.

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Und die Schule hat übrigens nicht vor neun Uhr in der Früh zu beginnen.

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Wir erlauben uns Pausen. Vom Partner, von den Kindern, vom Arbeiten, vom Hamsterrad, vom Selbstoptimierungs-, Kontroll- und Gewinnwahn.

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Lernen von den Anderen: Wir gucken uns in der Welt um und siehe da, die kriegen mit Vielen und Alten und Kranken hin, was wir verkackt und in den Pflegenotstand ausgelagert haben.

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Familien können nerven, quälen und schaden und es gibt auch noch andere interessante Dinge im Leben; Sex zum Beispiel. Wir hören auf, da so rumzudrucksen.

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Der Andere ist nicht Gegner, sondern Mitspieler. Betrachten wir, was wir da so aufführen, auch mal gemeinsam vom Zuschauerraum aus, kann man sogar über sich selbst lachen und verstehen: Familie ist Theater.

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Gewalt: tabu. (Wenn wir sie dennoch ab- oder mitbekommen: anzeigen!)

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Familien können kaputt sein und krank machen, das muss man sagen, und dann: Raus hier!

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Kinder lässt man nicht im Stich. Nur wer Vertrauen entwickeln kann, hat die Chance auf ein stabiles positives Grundgefühl zum Leben. Und hier noch mal für die, die sich eher aus der Verantwortung stehlen: Kinder lässt man(n) nicht im Stich! Denn nur wer den Sinn von Familie zu spüren bekommen hat, wird selber eine wollen.

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Liebe tut gut, Liebe macht glücklich, Liebe über alles. Respekt hält aber besser.

20

Da capo: Familie kann man nicht erzwingen. Man muss sie den Menschen anpassen – nicht umgekehrt.

06:00 23.08.2017

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