Nicht schlecht

Genderkolumne Herbert Grönemeyer und Rose McGowan werden von dem Magazin GQ mit dem Preis "Men of the Year" ausgezeichnet. Die Veranstalter geben sich selbstkritisch, doch reicht das?
Nils Pickert | Ausgabe 46/2018
Nicht schlecht
Grönemeyer hat schon in jungen Jahren die herrschenden Männlichkeitskonzepte infrage gestellt

Foto: Matthias Nareyek/Getty Images for GQ Germany

Auf die Verleihung des Men of the Year Award der Zeitschrift GQ freut man sich als feministischer Autor wie auf ein All-you-can-smack-Buffet. Man schärft die Worte, wetzt den Sarkasmus und lauert auf die Stereotyp-Parade prominenter Anzugträger, die mit einem eigenen Preis nach Berlin gelockt werden, damit die Show besonders glamourös aussieht. Barbara Schöneberger moderiert, es werden Witze über die Sixpackdichte im Raum gerissen. Alles sehr erwartbar. Bleibt also nur noch die Frage, ob man für die anstehende, vernichtende Kritik zuerst zum Skalpell oder zum Baseballschläger greifen sollte.

Aber Moment mal: Wer wird da eigentlich ausgezeichnet? Man of the Year ist der Sänger Herbert Grönemeyer. Einer, der Männlichkeitskonzepte schon in jungen Jahren infrage gestellt hat. Oder zumindest mal vorsichtig nachgefragt hat, wann ein Mann denn nun eigentlich ein Mann ist. Der Preisträger in der Kategorie Sport, Bastian Schweinsteiger, erzählt auf Pressekonferenzen gelegentlich davon, wie er immer wieder von Emotionen überwältigt wird und Tränen vergießt. Der Schauspieler Orlando Bloom hat sich erst kürzlich dazu geäußert, warum er die #MeToo-Bewegung für absolut notwendig hält und wieso es für Männer gar nicht so kompliziert ist, sich anständig zu verhalten. Außerdem ist er gerne Teil seiner Patchworkfamilie und wertschätzt den neuen Lebensgefährten seiner Ex-Frau als verlässlichen Partner für seinen Sohn.

Und dann ist da noch Rose McGowan. Die Schauspielerin und #MeToo-Aktivistin wurde vor einigen Wochen bei der britischen Ausgabe der Preisverleihung als erste Frau überhaupt mit dem Men of the Year Inspiration Award ausgezeichnet. In ihrer Rede bedankte sie sich für den Preis bei der Medienindustrie. Die sei viel zu lange von einem „Monster“ dafür bezahlt worden, sie als „unausgeglichen“ und als „Hure“ zu beschreiben. Und sie hielt fest, dass ihr Engagement auch und gerade Männern gelte.

Angesichts dieser Laureaten ist es kaum zulässig, hinter einem unpersönlichen man in Deckung zu gehen – ich gebe das zu. Der Men of the Year Award ist natürlich meilenweit davon entfernt, so geschlechtergerecht und antisexistisch zu sein, wie er sich gibt. Aber still und leise scheint er sich zu wandeln. Und dieser Veränderung sollte nicht von hinten in die Hacken getreten, sondern auf die Beine geholfen werden. Insbesondere von denjenigen – wie mir –, denen der Wandel bisher noch nicht weit genug geht.

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06:00 16.11.2018

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