Notfallkochbuch

A–Z Das Bundesamt für Katastrophenschutz startete einen Rezepte-Wettbewerb für ein „Notfallkochbuch“. Wir wollten natürlich sofort mitmachen! Unser Ergebnis als Lexikon

A

Asiasuppe Eigentlich geht’s so: 1. Tütensuppe aus dem Asia-Laden kaufen. 2. Zutaten nach Anleitung vermengen, kochendes Wasser drauf. 3. Genießen! Bei Stromausfall geht das Ganze ein wenig anders: 1. Campingkocher und Gaskartusche besorgen. 2. Tütensuppe aus dem Asia-Laden kaufen. 3. Zutaten nach Anleitung vermengen, kochendes Wasser drauf. 4. Genießen! Wenn keine Möglichkeit besteht, Wasser zu erhitzen (Dosenravioli, Haferbrei) geht das Ganze noch mal anders.

Pioniere dieser Zubereitungsart sind übrigens Schulkinder der meisten Schulen in deutschen Großstädten. Oder haben Sie sich nie gefragt, warum der Kiosk neben der Schule genauso wie die Bäckerei eine größere Auswahl von Yum-Yum-Suppen bereithält? 1. Suppe kaufen. 2. Packung aufreißen. 3. Anfangen, auf den knusprigen Nudeln herumzukauen. Wahlweise die im separaten Tütchen mitgelieferte Würzmischung mit einspeicheln. 4. Genießen! Mladen Gladić

D

Dosenravioli Direkt aus der Dose. Kalt. Vor meinen Augen Bilder adoleszenter Männer, die nach durchzechter Nacht heißhungrig die Büchse mit einem rostigen Messer aufschlitzen und die von Tomaten-Surrogat triefenden, glibberigen Teigsäckchen in sich hineinschlingen.

Was beinhalten die Täschlein eigentlich? Egal, man muss es nicht einmal kauen. Das Haltbarkeitsdatum jeder einzelnen Konserve geht sicherlich über das zeitliche Vorstellungsvermögen gewöhnlicher Menschen hinaus. Jede Essensprüfung im Dschungelcamp ist weniger eklig als dieses Lebensmittel (Waffeln). Gelassen schaut man Leuten im Fernsehen beim Hodenkauen zu, würgt jedoch bereits beim Anblick der gelbroten Handgranaten im Supermarktregal. Für mich wäre jeder Stromausfall erst eine Katastrophe (Zonenkotze), wenn es dann nur Dosenravioli gäbe. Elke Allenstein

G

Gazpacho Aus Andalusien stammende, extrem erfrischende Suppen-Spezialität aus ungekochtem Gemüse, deren Variationen eng mit globalen Verwerfungen durch Eroberung und Entdeckung zusammenhängen. Die Mauren bereiteten sie noch als weiße Knoblauchsuppe zu; aus pürierten Gurken, Brot, Knoblauch, Olivenöl, Essig, Salz und Wasser. Tomaten und Paprika wurden erst nach der Landung von Columbus im heutigen Honduras Bestandteil. Mit der Gurke ist auch eine andere Hauptzutat eine interkontinentale Einwanderin. Zuerst in Indien kultiviert, gelangte sie über Griechenland nach Europa, wo sie von den Römern auch auf der iberischen Halbinsel angebaut wurde.

Es kann der oder die Gazpacho heißen, die Suppe ist damit eine wahrlich moderne, geradezu hipstereske Speise. Noch dazu kalt zu genießen, was der/dem Gazpacho im Zuge der Klimaerwärmung zu weiterer Beliebtheit gereichen wird. Kurz: ein Alptraum aller Apologeten völkischer Denksackgassen (Notstrombrühe), die ohnehin – das sollte bald endlich klar sein – zu den Verlierern des Weltenlaufs gehören. Marc Ottiker

H

Haferbrei kocht man traditionell in Milch und Wasser auf. Das kann man aber auch lassen und die kalte Suppe mit etwas Stärke aufdicken. Zerquetschte Bananen oder anderer Früchtematsch (Asiasuppe, Mettigel) hilft bei der Konsistenzverbesserung. Ein bisschen süßen, fertig.

Wer sich heute modisch gibt, nennt seinen Haferbrei „Porridge“. Das ist fürs Notstromkochbuch ganz passend. Denn das Gericht stammt ursprünglich aus Schottland. Damals – man hatte ja nicht viel – wurden die Haferflocken einfach in Milch oder Buttermilch aufgeweicht. Fertig ist der Traum vom einfachen Leben. Und die mitgelieferte Highland-Naturomantik ist Balsam für des Preppers Seele. Tobias Prüwer

J

Jause Die meist aus Wurst, Schinken, Käse, Eingelegtem und einigen Scheiben Brot bestehende Zwischenmahlzeit trägt erstaunlich viele Namen. Von der naheliegenden Brotzeit über die Jause (dank der Nähe zur Sause fast Ausschweifungen versprechend), dem Neinerln, Unternessen, Znüni, Zabund, Marend zu der gravitätischen Winzerplatte. Die verwendeten regionalen Spezialitäten spiegeln sich genauso in diesem sprachlichen Reichtum wie die „Kultur der Pause“. Eine vor oder nach dem Mittagessen eingeschobene Unterbrechung der Arbeit, die durch einen eigenen Begriff eine zusätzliche Legitimation erhält. Eroberte Zeitinseln im Mahlstrom des Broterwerbs. Marc Ottiker

K

Kalter Hund Fragt man in die Runde, welches Gericht ohne Strom zuzubereiten ist, antworten viele: „Kalter Hund“! Der Schnellschuss ist verständlich, immerhin gilt das Gericht als Paradebeispiel für einen Kuchen, den man nicht backen muss. Doch ganz ohne Wärme lässt sich diese süße Lasagne aus Keks-Schoko-Schichten schwerlich zubereiten. Denn die Kakao-Creme muss erst einmal hergestellt werden, was man normalerweise unter Hitze in einem Topf macht.

In der Not frisst der Prepper Fliegen, weshalb er den Kalten Hund auch improvisieren kann. Man nimmt irgendeinen Nougatcreme-Frühstücksaufstrich, der die Kekse einigermaßen fest verbindet. Ein, zwei Prisen Kakaopulver trimmen den Kleister auf mehr Schoko. Bleibt ein Problem: Wie bekommt man das Gebäck ohne Strom, also ohne Kühlschrank, kalt? Hat man Glück, ist es Winter und man kann es rausstellen. Ansonsten muss man eben am lauwarmen Hund mümmeln. Tobias Prüwer

M

Marshmallow Der süße Speck ist rasch hergestellt, aber es braucht doch mittlere Hitze für die perfekte Marshmallow-Masse. Marshmallows sollte man für den Fall einfach in Reserve bunkern. Die Dinger schmecken zu jeder Gelegenheit, leckerer sind sie geröstet. Der dann warmen, zähflüssig-süßen Substanz kann sich niemand verweigern. Am einfachsten hält man dazu den Marshmallow an einem Ast übers Lagerfeuer. Eine Kerze tut es auch. Hierzu ist am besten ein Zahnstocher oder Schaschlikspieß zu verwenden – das Metall einer Gabel leitet die Hitze weiter, was zum Verbrennen der Finger führen kann. Am besten auf Duftkerzen und eingefärbte Kerzen verzichten. Reine Bienenwachskerzen sind optimal. Bis man von den schaumigen Teilen genug hat und wirklich satt ist, dauert es eine Weile. Das Spiel mit dem Kerzenfeuer ist folglich auch ein wunderbarer Zeitvertreib, um die Zeit ohne Strom zu überbrücken.

Übrigens: Antiamerikanische Prepper dürfen aufatmen. Marshmallows sind keine US-Erfindung. Ihr Ursprung liegt in Frankreich, wenn das beruhigt. Tobias Prüwer

Mettigel Ein beliebter Hingucker auf Partys in den 1950er bis 1970ern war nebst Fliegenpilzeiern und Käse-Mandarine-Spießen der Mettigel. Allen Retro-Trends zum Trotz ist der gewürzte Hackhaufen heute eher verpönt. Wer will sich schon rohes Fleisch fragwürdiger Herkunft aufs Brot schmieren? Zumal es schon lange eine klimafreundliche, tierleidfreie und äußerst deliziöse vegane Variante gibt! Die Zutaten hat fast jeder fast immer zuhause: Reiswaffeln, Tomatenmark, Zwiebeln und Gewürze nach Geschmack: Reiswaffeln und Zwiebel zerkleinern und mit Wasser, einem Tropfen geschmacksneutralen Öls und Tomatenmark tüchtig zermatschen, bis es die Konsistenz von Hack hat. Tüchtig würzen! Ein Messerspitze Rauchsalz gibt den Extrakick. Das Ganze sollte wenigstens fünf Stunden ziehen. Dann nochmal abschmecken und (bei Kerzenlicht) servieren. Diana Gevers

N

Notstrombrühe ist ein reines Fantasierezept, so eine Suppe gibt es nicht, genauso wenig wie das Kanzleramt eine Waschmaschine ist oder Honecker jemals einen Lampenladen betrieb. Der Aufruf des einschlägigen Bundesamtes stimmt Scherzkekse (wie mich) einfach kreativ. Der Stromausfall in Köpenick war voriges Jahr Beispiel, wie schnell die Versorgung zusammenbrechen kann. Scherzkekse haben gleich eine Menge Ideen parat, was dem Volksmund so munden könnte: Z. B. „Panikschnitzel“, „Schreckensburger“ und – angelehnt an die Prepper-Szene – „Preppwurst“ (gespickt mit Verschwörungstheorien). Wie auch immer. Notstromaggregate gibt’s in allen Preislagen. Mit den billigen kriegt man was Lauwarmes aus dem Instant-Regal (Asia-Suppe) gerade noch hin. Magda Geisler

S

Senatsreserve Fleisch und Futterhafer für Tiere, Kohle und Rohstoffe für die Industrie: Etwa vier Millionen Tonnen Güter wurden bis zum Fall der Mauer 1989 in West-Berlin gelagert. An vielen, für die Öffentlichkeit unbekannten Orten der geteilten Stadt. Im Auftrag des Senats – der Staat der Prepper. 1948/49 sollte sich nicht wiederholen, als West-Berlin von den Sowjets abgeriegelt wurde und von den US-Amerikanern via Rosinenbomber versorgt werden musste.

Nach dem Kalten Krieg wurde die „Senatsreserve“ aufgelöst. Übrigens: Da die Bestände von Zeit zu Zeit erneuert werden mussten, fanden Rezepte Eingang in Kochbücher, die auf Lebensmittel aus der Reserve zurückgriffen. Typisch für die Nachkriegszeit: Ein Eintopf aus grünen Bohnen und Dosen-Rindfleisch, auch Moppelkotze genannt. Behrang Samsami

W

Waffeln Es gibt einen Film über den leider schon verstorbenen Frontmann von Motörhead, Lemmy Kilmister. Nach einer Nuklearkatastrophe überlebten nur Küchenschaben und Lemmy. Denkt man daran, was der Bandleader sich jahrzehntelang gegeben und reingetan hat, klingt das gar nicht unrealistisch.

Wenn nun wirklich der Lemmy-Day käme, verließen sich viele auf Dosenravioli oder Fischkonserven. Es gibt aber noch eine süße Alternative! Kennen Sie Frischeiwaffeln? Lange bevor man sich über Nährwertangaben auf Produkten bewusst war, warten diese pappsüßen Teigsimulationen beliebter Mittagssnack in der Schulpause. Zusammen mit einer Dose (noch ohne Pfand) Cola. Wenn man nun die Nährwerte googelt, weiß man: Es waren Kalorienbomben, die Waffeln sind atomschlagüberlebenstauglich. Pro 100 g 25 g Fett und 50 g Kohlenhydrate, davon 33 g Zucker. Zucker konserviert wohl, denn Schimmel kenne ich an den Waffeln nicht. Naja, an Lemmy Kilmister auch nicht. Jan C. Behmann

Z

Zertifikat Es gibt gute ökologische Gründe, keinen Thunfisch zu essen. Überfischung und Beifang von Delfinen etwa. Eine gute Thunfisch-Creme ist jedoch ein gewichtiger Anlass, es dennoch zu tun. Man braucht nicht viel: Für zwei Personen reichen zwei Dosen MSC-zertifizierter Bonito, Katsuwonus pelamis, (der eigentlich gar kein echter Thunfisch ist).

Kenner und Kennerinnen nehmen eine Dose im eigenen Saft und eine Dose in Olivenöl. Dazu einen Becher Crème fraîche, drei Esslöffel Kapern, Salz und Pfeffer. Alles fein verrühren. Das war’s. Zur Dekoration ein paar Kapern obendrauf hübsch drapieren. Dazu gutes Brot. Schwarz, weiß oder Vollkorn. Je nach Vorrat und Gusto! Marc Peschke

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06:00 04.03.2020

Ausgabe 23/2021

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