O Tannenbaum

Verschwendung In Georgien gepflanzt, in Dänemark großgezogen und in Deutschland verkauft. Tannenbäume haben eine weiten Weg hinter sich, um schließlich im Müll zu landen
O Tannenbaum
Den Tannen ereilt alle das gleiche Schicksal: Krematorium oder Scheiterhaufen

Foto: Andreas Rentz/Getty Images

Hallo, hier spricht Ihr Weihnachtsbaum. Ja richtig, der leuchtende bunte Fremdkörper in Ihrem Wohnzimmer. Sorry, dass ich hier alles vollnadele, aber so ist das im Sterbeprozess: Man stirbt. Bald müssen Sie sich das Elend ja nicht mehr mit ansehen, dann werden Sie mir den ganzen Klimbim wieder aus den Ästen pfriemeln und mich auf die Straße werfen, wo mich dann jemand von den Stadtwerken einsammeln wird. Sagt Ihnen der Ausdruck „thermische Verwertung“ was? Das heißt Verbrennen, ich werde verbrennen, entweder in der Müllverbrennungsanlage oder auf dem Osterfeuer. Mein Schicksal: Krematorium oder Scheiterhaufen.

Mal ganz uneigennützig gefragt: Haben Sie jemals darüber nachgedacht, was für eine Verschwendung an Leben das ist? Haben Sie überhaupt eine Ahnung, wie lange ich gebraucht habe, um so groß zu werden (toll übrigens, dass Sie mir zuallererst mal meine Spitze abgeschnitten und sie durch diesen sagenhaft hässlichen Stern ersetzt haben)? Oder wo ich herkomme? Bäumen unterstellt man jetzt nicht unbedingt, weit gereist zu sein, aber bei mir ist das anders: Wie bei den allermeisten anderen Nordmanntannen in all den anderen deutschen Wohnzimmern begann mein Leben als Zapfen auf einer sehr großen Tanne in Georgien. Eine arme Sau pflückte mich da ohne Sicherung und mies entlohnt runter, mit dem Flugzeug ging es dann nach Dänemark, wo wir auf riesigen Plantagen eingepflanzt wurden. Ich wäre wohl krummer und nicht so leuchtend grün gewachsen, hätte ich nicht so viel Dünger, Insekten- und Unkrautvernichtungsmittel bekommen. Aber man gewöhnt sich dran, immer ein bisschen dizzy, ein großer kollektiver Tannenrausch.

Tja, und nach zehn Jahren dann: zack, vorbei, mit zwei Millionen anderen auf die Laster, vor die Baumärkte und neben die Pommesbuden, in diese furchtbaren Netze, Kofferräume und nach einigem Gefummel dank Baumständern dann wieder aufrecht stehend, jeder für sich in seiner eigenen Weihnachtsvorhölle. Ja, jetzt finden Sie, ich übertreibe, war doch eigentlich ganz nett mit den Lichterketten, den Geschenken, mit der Gans und Kevin – Allein zu Haus, aber Sie sind dabei auch nicht gestorben! Eine Frage hätte ich noch an Sie: Ist es wirklich nötig, mir in O Tannenbaum mit der ganzen Familie vorzusingen: „Die Hoffnung und Beständigkeit gibt Trost und Kraft zu jeder Zeit“? Das ist doch Zynismus pur, also echt.

Svenja Beller ist freie Journalistin und Autorin. Zuletzt erschien ihr Buch Einfach loslaufen. Eine Reise in fremde Leben

06:00 06.01.2019
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