Orakel und Katastrophe

Bühne Der Kulturlockdown ist eine Tragödie für das Theater. Er hilft aber auch beim Erkennen
Orakel und Katastrophe
Die Katastrophe hat in der Tragödie immer einen Sinn, nämlich das Erkennen

Foto: United Archives International/Imago Images

Als vor zwei Wochen klar wurde, dass die Theater zurück in den Kulturlockdown gestoßen werden würden, musste ich an die Antike denken. Seit damals nämlich ist es der erklärte Sinn des Theaters, die Tragödie auf die Bühne zu bringen. Tragödieist, wenn das Schicksal des Helden vom Glück ins Unglück umschlägt, und das geschieht mit der Katastrophe. Die Katastrophe aber, das ist das Fiese, ist immer unausweichlich: Sie wird kommen, ganz egal, was der Held tut. Die Schicksalsregel lautet sogar: „Alles, was getan wird, um der Katastrophe zu entgehen, führt sie herbei!“ Nun ist das, wovon die Theater bisher immer erzählt haben, gleich selbst über sie gekommen: die Katastrophe des Lockdowns trat ein, wie viel auch getan wurde, um ihn zu verhindern. Hygienekonzepte, Abstandsregeln, Verzicht auf Sekt und Garderobendienst, auch eine ganz neue Schauspielästhetik wurde quasi über Nacht erfunden: Ist ein Liebespaar auf Abstand nicht interessanter? Sind Stücke mit mehr als drei Personen noch zeitgemäß? Muss denn immer gleich so geschwitzt, geschrien, gebrüllt und gespuckt werden? Ist das Spielen mit Maske oder Plexiglas-Visier nicht sogar ein äußerst kluger Kommentar zur aktuellen Situation? Nein, es hat alles nichts genützt.

Das Theater hätte es eigentlich wissen müssen. Doch auf die Art und Weise, wie das Orakel sein Schicksal verkündete, darauf war das Theater so gar nicht gefasst gewesen. Da saß es nämlich in Gestalt von Angela Merkel und sagte, alle Freizeitveranstaltungen müssten schließen: also Kinos, Theater, Casinos, Bordelle „und so weiter“. Dazu vollführte das Orakel unbestimmte Wedelbewegungen in die Luft hinein, ganz so, als wolle es sagen, Bordelle und Theater auseinanderzuhalten, das sei ihm schon immer mächtig kompliziert vorgekommen und nun sei es froh, dass das hinreichend geklärt sei.

Das Theater hat seitdem eine dicke Wut auf dieses ungeheuerliche Verhalten des Orakels, aber was willste machen, es ist nun mal das Schicksal.

Einen Tag vor dem Eintreten der Katastrophe besuchte ich noch einmal das Kultur-Rotlichtviertel in Schwerin. Und siehe: Die Weissagung des Orakels begann schon seine Wirkung zu zeigen. Früher waren wir stolz erhobenen Hauptes ins Theater geströmt und hatten die Gewissheit gehabt, hiermit für die Werte der Demokratie einzustehen. Ganz in der Tradition der Antike – damals wurde das Fernbleiben vom Theater drakonisch bestraft, die Teilnahme mit Dienstausfallzahlungen entlohnt! Doch wie anders saßen wir nun im Parkett des Theaterbordells: wie ein verhuschter Haufen unverbesserlicher Perverslinge, den Kopf gesenkt und beschämt flüsternd. Doch als das erlösende Licht auf der Bühne anging, für Patrick Wengenroths Theaterabend Gundermann – Männer, Frauen und Maschinen, und drei verschiedene Gundermänner die unvergleichlichen Songs des DDR-Liedermachers anstimmten („Fernseher aus, Sternschnuppen an!“), da glühte das Publikum sofort süchtig vor sich hin und es war ihm total wurst, was das Schicksal bringen mochte oder ob es gerade im Puff saß oder in einer Spielhölle.

Die Katastrophe hat in der Tragödie nämlich auch einen Sinn, das Erkennen. Und wenn der neue Kulturlockdown einen Sinn hat, dann vielleicht diesen: dass es unabwendbares Schicksal bleibt, dass wir und das Theater uns wiedersehen. „Bis bald!“ steht auf den Schildern, die in Schwerin während der Standing Ovations auf der Bühne am Ende hochgehalten werden. Aber echt: Bis bald!

Eva Marburg ist Theaterkritikerin, Autorin und arbeitet als Redakteurin bei SWR2. Für uns schreibt sie künftig alle vier Wochen darüber, was im Theater so läuft – oder nicht. Kommende Woche folgt Konstantin Nowotny mit dem Musiktagebuch

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