Personal Kindergärtnerin

Was läuft Über die tolle und lustige deutsche Serie „Jerks“ und einen klitzekleinen Kritikpunkt. Spoiler-Anteil: 11 Prozent

Ein Wichser kommt selten allein, haha, nein, es müssen schon zwei „Jerks“ sein, damit was Spritziges dabei rauskommt. Die Schauspieler Christian Ulmen und Fahri Yardim machen als selbstbezügliche, den Alltag in seiner erstaunlichen Geregeltheit voll auskostende, kreative Freiberufler in der Serie Jerks das neobiedere, rosa-blau-champagnerweiße Potsdam unsicher. Dabei veralbern wie auch glorifizieren sie das eigene – vermutlich deutlich beschaulichere – Dasein als Partner, Elternteil, Buddy und irrlichternde Karikatur ihres Promi-Selbst.

Diese deutsche Variante von Curb your Enthusiasm des US-Komikers Larry David (die übrigens nach einer mehrjährigen Pause dieses Jahr für eine finale Staffel zurückkehren soll) und der dänischen Sitcom Klovn, die mit einer Prise Louis C.K. gewürzt ist, macht richtig Spaß. Wer nun gar nicht lachen mag über die unvorhersehbaren Konsequenzen des Kackens ins Katzenklo oder den Verlauf einer Essenseinladung bei einer vermeintlich Obdachlosen, die sich als Botschaftergattin herausstellt, sollte zumindest die luxuriösen Potsdamer oder Griebnitzseer Wohnlagen genießen, die es so bei Mieten, kaufen, wohnen auf Vox nur selten zu sehen gab.

Auch kann man anerkennen, dass viele Soziotope, die Ulmen und Yardim hier aufmischen, zwar seltsam künstlich und komprimiert wiedergegeben werden, als solche aber tadellose Karikaturen der Sitten und Gebräuche nicht nur im Berliner Speckgürtel abbilden. So zum Beispiel ein Kinderschwimmkurs, bei dem die Kinder seltsamerweise im Trockenen am Beckenrand bleiben, während ihre trotteligen Väter im hüfthohen Wasser stehen.

Trotz allem Lobgesang gibt es an Jerks natürlich was zu kritteln, aber das betrifft Nebensächliches, mikroskopisch Unwichtiges eigentlich – nämlich das sogenannte Frauenbild, von dem diese Serie ausgeht beziehungsweise meint, dringend nötig zu haben, damit Ulmen und Yardim als destabilisierende Clowns überhaupt funktionieren können.

Die Kumpels Ulmen und Yardim, die in dieser Fiktion sie selbst zu sein behaupten („nach wahren Begebenheiten“, annonciert der Vorspann), spielen interessanterweise nicht an der Seite ihrer wirklichen Partnerinnen, auch wenn Ulmens Frau Collien Fernandes in einer Nebenrolle als Ex-Gattin vorkommt und dabei offenbart, dass ihre Talente nicht im Schauspielerischen zu finden sind. Vielmehr wurden die Schauspielerinnen Emily Cox als Freundin „Emily“ und Pheline Roggan als Freundin „Pheline“ engagiert. Emily Cox kennen Historydrama-Fans aus der spannenden BBC-Serie Last Kingdom, in der sie die aufregende Brida spielt, eine Engländerin, die als Kind von den Wikingern entführt wurde und unter ihnen zu einer Kriegerin heranwächst.

An der Seite von Ulmen spielt Cox nun eine Frau Anfang 40, die ausgebeulte, kunstvoll gewölbte Designerkleider trägt, eine Boutique für Wohnaccessoires besitzt (mit vielen niedlichen Kissen mit aufgesticktem „Potsdam“ darauf) und einen ungestillten Kinderwunsch hegt. Mit dieser Last beladen bewältigt sie die hohe Kunst, locker zu bleiben und ihrem Ulmen nicht nur Paroli zu bieten, sondern ihm die Show zu stehlen. Wie Emily reagiert, was sie bloß sagt, ist dann oft wichtiger, als in das oft nur verdattert dreinschauende Gesicht von Ulmen zu blicken.

Da der Text ihr wenig Unterstützung bietet – die echten, brutalen Gags bleiben stets den Männern vorbehalten, die Frauen dagegen sprechen immer nur vernünftig, tadelnd oder extrem bossy –, bleiben Cox allein Mimik und Körpersprache, um aus der Rolle etwas zu machen. Aber die Schauspielerin führt damit vor, wie begnadet sie ist – sie dürfte wohl die größte Entdeckung für das deutsche Fernsehen sein, die die Serie Jerks liefert.

Pheline Roggan hingegen, die an der Seite von Yardim noch weniger Text bekommt, läuft geradewegs in die Rollenfalle der allzeit kontrollierten, gesunden, sexy Partnerin, die ihrem Clown-Mann Yardim die Bühne bereitet, auf der dieser glänzen darf. Diese biedere Aufteilung – die Männerclowns versus die Frauen als deren persönliche Kindergärtnerinnen – führt dazu, dass die Satire auf die abgeschottete, reiche, westdeutsch gehijackte Potsdamer Medien- und Promiwelt, die Jerks eben auch abliefern will, im Kern doch seltsam deckungsgleich bleibt mit dem konservativen Arbeitsplan, den Serienmacher Ulmen und seine Mannen in der Genderfrage für sich ausgemacht haben.

Über die tolle und lustige deutsche Serie „Jerks“ und einen klitzekleinen Kritikpunkt

06:00 29.03.2017

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