Phrasen helfen nicht weiter

Österreich Nach dem Anschlag in Wien braucht es mehr Ursachenforschung
Phrasen helfen nicht weiter
Kurz nach den Anschlägen in Wien: Mitarbeiter*innen des österreichischen Kanzleramtes bringen die Flaggen für eine Pressekonferenz in Position

Foto: Joe Klamar/AFP/Getty Images

Montag, 2. November, der letzte Tag vor dem angekündigten zweiten Lockdown in Österreich. Viele wollten den warmen Herbstabend noch einmal nutzen, bevor die Lokale für mindestens einen Monat schließen. Vielleicht wurde daher auch das länger geplante Attentat vorgezogen. Denn heuer ist es wohl ausgeschlossen, noch einmal so viele Menschen im öffentlichem Raum anzutreffen wie an diesem Tag, insbesondere im Ausgehviertel Bermudadreieck.

Vor Anschlägen eines einzelnen Täters wie jener in Wien kann sich die Gesellschaft nicht schützen. Sie ist ihnen ausgeliefert. Die Frage ist nur, nimmt sie jene (trotz verschärfter Antiterrormaßnahmen) hin oder versucht sie sie als globalen Prozess zu reflektieren. Die erste Variante ist die wahrscheinlichere, siehe Frankreich, das schon länger regelmäßig terroristischen Schlägen aus dem islamistischen Eck ausgesetzt ist. Attentaten wird also rituell begegnet. Ein Ritual, wo Verunsicherte sich ihrer selbst versichern wollen. Es sind Zitate aus den demokratischen Gebetsbüchern der Moderne, als ginge es wirklich Sure gegen Sure. Sie liefern Bekenntnisse, aber keine Erklärungen.

Trauer ist angebracht, Entsetzen nicht. Dieses kann sich nichts erklären und will sich nichts erklären. Politjargon und Medienmaschinen überschlagen sich. Sie filtern und fiebern. Der eilends abgespulte Sermon ist allgegenwärtig. „Abscheulich“ nennt man den Anschlag, „widerlich“. Das stimmt alles, aber sagt es viel aus?

Es beschreibt nur die Epiphänomene eines Resultats und blendet sämtliche Entwicklungsstufen, die solchen Ereignissen vorangehen, aus. In größeren Zusammenhängen zu denken, wäre hingegen durchaus angebracht, statt einen „Kampf der Zivilisation gegen die Barbarei“ (Sebastian Kurz) auszurufen. „Wir werden keinen Millimeter weichen“, heißt es. Oder: „Wir werden uns nicht einschüchtern lassen.“ Das ist Realitätsverweigerung. Tatsächlich sind wir hier eingeschüchtert und es wäre auch absurd, wäre dem nicht so. Die offizielle Phraseologie liefert ideologische Beruhigungspillen, sie deckt mehr zu als auf.

Wenn wieder einmal mit „voller Härte“ gedroht wird, dann wirkt das geradezu lächerlich bei den Adressaten, denen es völlig egal ist, ob sie bei ihren irrwitzigen Taten draufgehen oder nicht. Der IS hat nichts zu verlieren. Seine Parteigänger sind Desperados. Ihre Ladestation ist das Netz, ein Medium, das zweifellos alle Idiotien formidabel zuspitzt. Jene rekrutieren und delegieren sich zusehends selbst. Womöglich reagieren sie nicht auf Zuruf, sondern handeln auf eigene Faust.

Die entscheidende Frage ist, wie der IS, eine menschenverachtende Mordbuben-AG sondergleichen, aufsteigen konnte, warum er Zulauf vor allem junger Männer hat, nicht nur im Nahen und Mittleren Osten, sondern auch in den europäischen Städten. Was hat deren Ganglien so devastiert? „Die werden nicht durchkommen“, sagt Vizekanzler Werner Kogler (Grüne). Kaum, aber sie tragen zweifelsfrei dazu bei, Orte auf diesem Planeten unwirtlich und gefährlich zu machen. Wir sollen uns fürchten. Ob man das tut oder nicht, kann man sich freilich nicht aussuchen. Die Angst ist da. Meine erste Sorge nach den Anschlägen galt etwa meinen Sohn, der im Bermudadreieck arbeitet. Wir leben in einem Zeitalter, wo die Krisen, die allesamt als Naturkatastrophen und nicht als Kulturfolgen zu erscheinen haben, sich multiplizieren. Der mentale Stress nimmt zu.

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