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Schweiz AfD und SVP wollten sich im linken Zürcher Theaterhaus Gessnerallee als "Die neue Avantgarde" präsentieren. Das konnte nur schief gehen

Es gibt viele Gründe, warum Rechtspopulisten die Schweiz gerne als Vorbild für Resteuropa hinstellen. Im Kern wären da aufzuführen: eine direkte Demokratie, eine tendenziell xenophobe, rechtskonservative Wählerschaft und mit der Schweizerischen Volkspartei eine reaktionäre, wirtschaftsliberale Vereinigung, die seit langem von der kommunalen Ebene bis hin zur Schweizer Regierung Entscheidungsträger stellt. Die sogenannte Konkordanz-Demokratie macht es möglich: alle im Parlament vertretenen Parteien stellen die Regierungsmitglieder, also auch Christoph Blochers SVP.

Widerspruch und Widerstand gegen die Majorisierungstendenzen der Populisten hat es publizistisch, auf der Straße, im Netz und diversen Foren schon immer gegeben. Aber selten war die Adrenalinkurve der kulturschaffenden Multitude so hochgeschossen wie nach der jüngsten Programmankündigung des Zürcher Theaterhauses Gessnerallee, eines kantonal finanzierten alternativen Spielorts, vergleichbar mit Kampnagel in Hamburg oder dem Berliner HAU. Ausgerechnet hier sollte der Karlsruher Philosophiedozent und Sloterdijk-Schüler Marc Jongen am 17. März auftreten.

Der eloquente Parteisprecher und ideologische Futtergeber der baden-württembergischen AfD sollte unter dem flotten Titel Die neue Avantgarde mit einem SVP-Mann, einem Kunsthochschuldozenten und einer Alibi-Linken das Podium teilen, um im bundesrepublikanischen Vorwahlkampf auf Schweizer Boden zu punkten. Nach offenen Briefen und Aufrufen im Netz wurden Jongens Auftritt und eine Diskussionsveranstaltung im Vorfeld nun abgesagt.

Der Vorfall ist ein Musterbeispiel für die narzisstische Selbstverkennung der Initianten und Veranstalter. Was war geschehen? Am 26. Februar hatte der Theatermacher Samuel Schwarz einen offenen Brief an die Theaterleitung der Gessnerallee lanciert, in dem sachlich begründet und unaufgeregt zur Absage der Veranstaltung aufgerufen worden war. Über 500 Kulturschaffende aus der Schweiz, Deutschland und Österreich haben ihn unterzeichnet, darunter Diedrich Diederichsen und die Theaterwissenschaftlerin Sandra Umathum. Jongens hinlänglich bekannte Haltung, hieß es dort, stehe für eine Politik, die in einer sofortigen Schließung der Gessnerallee resultierte. Zudem sei von einer „linken“, postmigrantischen Position auf dem Podium nichts zu sehen.

Theaterleitung und Veranstalter waren daraufhin ein wenig zurückgerudert. Sie luden für den 10. März verlegen zur Diskussion der Diskussion – und delegierten damit die Verantwortung an die Kritiker. Die Antwort kam prompt. Mit den Künstlern Alexander Tuchaček und Yves Netzhammer als prominentesten Unterzeichnern machte sich der Protest gegen die Pseudopartizipation Luft und rief zum Boykott beider Veranstaltungen auf. Dass Jongens Auftritt und die Vorabdiskussion nun mit trotzigem Unterton von den Veranstaltern mit dem Argument abgesagt wurden, die Sicherheit der Veranstaltungen könne nicht mehr garantiert werden, ist eine intellektuelle Bankrotterklärung sondergleichen.

Im Jahr 2013 hatte Milo Rau in den Zürcher Prozessen kurzen Prozess mit der einstig linken, heute Christoph-Blocher-Roger-Köppel-gesteuerten Weltwoche gemacht – es war eine intelligente theatrale Auseinandersetzung mit der neuen Rechten, die Vertreter der SVP und aller anderen Parteien live zu Wort kommen ließ. Dazu fehlte in der Gessnerallee offensichtlich die Fantasie.

06:00 09.03.2017

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