Städter auf dem Acker

Landwirtschaft Eine Genossenschaft in Bayern hebt die Trennung von Konsumenten und Produzenten auf
Städter auf dem Acker
„Am Baum der guten Vorsätze gibt es viele Blüten, aber wenig Früchte.“ (Konfuzius)

Fotos: Getty Images (5), Plainpictures

Martin?“ Beim Öko-Sozial-Projekt wird geduzt, das habe ich schon mitbekommen. „Hallo?“ Seine Frau hat mir geraten, hinter dem Haus nach ihm zu suchen, dort würde ich ihn schon finden. Die Tür des Gewächshauses steht offen, ein Mann mit mittellangen grauen Haaren und in grüner Arbeitsbekleidung werkelt emsig vor sich hin. „Hallo, Martin!“ Er erschrickt. Dabei sind wir doch heute Morgen verabredet. Martin Hesch, der Landwirt aus Emersacker, und ich. Eine halbe Stunde fährt man von Augsburg aus mit dem Auto hierher aufs Land.

Wir begrüßen uns. Seine Hände sind braun, unter den Fingernägeln ist Erde. Hesch bemüht sich, Hochdeutsch zu sprechen, doch das Bayerisch-Schwäbische bleibt hörbar. Wir gehen ins Haus. Es riecht anders als gewohnt. Vor 15 Jahren hat er es fast ganz aus Lehm gebaut, da war er schon 41. Beton war ihm zu künstlich, „ich hatte schon immer einen Bezug zu Mutter Erde“, sagt er. Deshalb setzt er seit langer Zeit auf Permakultur und betrachtet sein Feld wie ein natürliches Ökosystem. Doch davon leben konnte er bis vor drei Jahren noch nicht. Mehrfach die Woche musste er nach Augsburg fahren, um dort als Hausmeister zu arbeiten. Seine Frau und er sind zwar nahezu komplett Selbstversorger, aber die laufenden Kosten für die vier Wände wollen bezahlt werden. Viel Geld hat er heute immer noch nicht. „Große Sprünge können wir nicht machen. Peu à peu. Aber dafür haben wir unsere Freiheit!“ Und seitdem er bei der „Solidarischen Landwirtschaft“ mitmacht, kann er von seinen Erzeugnissen zumindest leben.

Sie sprechen hier nur von der „Solawi“. Diese ist Teil des Augsburger Öko-Sozial-Projekts, das gerade erst im November sein zehnjähriges Bestehen begangen hat, 400 Leute waren gekommen, um gemeinsam zu feiern – die Idee des solidarischen Wirtschaftens. Die Idee der Nachhaltigkeit. Die Idee, dass es regionale Alternativen braucht, wenn sich die Politik nicht kümmert. Die Solawi ist nur eines von mehreren Projekten des Vereins, wenn auch das größte. „Uns geht es darum, dass wir als Erzeuger und Verbraucher eine Gemeinschaft bilden“, sagt Bettina Zoczek, Mitbegründerin der Solidarischen Landwirtschaft in Augsburg. „Wir müssen wegkommen von diesen kapitalistischen Begriffen.“

Deswegen nennen sie die Leute in der Stadt nicht Käufer, sondern „Stadtwirte“. Mehr als 160 davon machen bereits mit. Sie garantieren den Landwirten die Abnahme ihrer Ernte. Das schafft Sicherheit. Manchmal fahren sie auch selber aufs Land, um auf dem Acker mit anzupacken. Auch bei Martin, einem der assoziierten Bauern. „Wenn die dann wieder barfuß auf die Erde gehen, werden die auf einmal viel ruhiger“, sagt er. „Wir brauchen Kontakt zu der Natur. Und den kriegst du nicht in der Fabrikhalle.“

Wir machen uns auf den Weg zu seinem Stück Land, es liegt nicht weit von seinem Haus entfernt. Der Wind peitscht an diesem Dezembermorgen über einen der Teiche, den er als Rückzugsort für Frösche, Fische und andere Tiere angelegt hat. Auf Erdhaufen, die über das Gelände verstreut liegen, stehen winterlich karge Bäume. Hier und da ragt ein vergessener Wirsing oder ein vertrockneter Kopfsalat aus dem Kompost. Zwiebeln, Äpfel, Grünkohl, Oliven, Rettich, Schwarzwurzeln: Martin Hesch und seine Frau steuern alles Mögliche zu dem Projekt bei. Doch die Hitze des vergangenen Sommers hat auch ihnen zu schaffen gemacht: Die Ernte fiel kleiner aus als in den Jahren davor. Allein, auch wenn sie mal nichts liefern können, bekommen sie ihr Geld. „Wir liefern nur, was wir haben. Und wenn wir nix haben, haben wir eben nix“, sagt Martin. „Die Stadtwirte zahlen trotzdem ihren Beitrag, das ist so besprochen.“

Einmal in der Woche fahren sie in die Stadt, nach Augsburg, um ihr Gemüse in die Verteilstellen der Solawi zu bringen. Sechs gibt es bereits, sie sind quer über die Stadt verteilt, meist in Garagen oder Gartenhäusern untergebracht.

Das Hauptdepot liegt mitten im Zentrum, über dem Ladenlokal ragt noch der Schriftzug eines Bettengeschäfts. Doch das selbst gemalte Banner im Schaufenster zeigt an, wer sich hier mittlerweile eingemietet hat: „Solidarische Landwirtschaft Augsburg“ steht da in drei verschiedenen Farben. Drinnen sind Regale, darin selbst gemachte Nudeln und frische Säfte in unetikettierten Glasflaschen, fair produzierte Limonaden. Ich öffne eine Bio-Cola und werfe einen Euro in die Spendenbox.

Wer wenig hat, zahlt weniger

Peter Winkler trinkt ein „Solidarbier“. Er hat mich hier schon erwartet. „Du siehst schon: Kaufen kann man hier nichts, wir sind ja kein Wirtschaftsunternehmen“, sagt er. „Deswegen steht überall ‚Spenden-Empfehlung‘ dran.“ Freitagabends von 16 bis 18 Uhr ist er hier und betreut das „Vereinsheim“, wie er es nennt. Peter, einen studierten Politologen, treibt die ökologische Nachhaltigkeit an. Aber auch der soziale Aspekt des Projekts: „Wo sollen Leute hingehen, die nicht viel Geld ausgeben können und sich trotzdem biologisch wertvoll ernähren wollen? Sie können zu uns kommen!“ Der Preis hier liegt irgendwo zwischen Supermarkt und Biokette. „Kennst du das Kartoffelkombinat in München?“, fragt er mich. Ich kenne es nicht. „Solltest du mal googeln. Die haben wie wir begonnen und hatten sechs Jahre nach ihrer Gründung 1.400 Mitglieder. Wir haben auch noch Potential, zu wachsen.“

Das Konzept funktioniert so: Was die Landwirte ernten, wird zwischen allen Stadtwirten aufgeteilt. Jeder bekommt eine sogenannte „Ernte-Einheit“, die saisonal bedingt größer oder kleiner ausfallen kann. 53 Euro sind dafür im Monat fällig. Die Preise sind sozial gestaffelt: Wer wenig hat, zahlt auch weniger, die „Solidar-Einheit“ kostet 25 Euro. „Es kommen auch Hartz-IV-Empfänger zu uns, die darauf angewiesen sind, weniger zahlen zu können“, sagt Bettina, die Mitgründerin. Durch dieses Konzept haben die Landwirte ausreichend Einkommen und die Stadtwirte zahlen weniger für ökologisch angebaute Produkte als woanders.

„Plus: die Gemeinschaft, die wir hier haben“, ergänzt Peter. „Es geht nicht darum, sich zu fragen: Wo bekomme ich den größten Salatkopf für das wenigste Geld? Sondern: Wo kriege ich einen sehr gut gezogenen Salatkopf, der von einem Bauern kommt, der davon leben kann, was er da macht? Und ich helfe ihm ab und zu auf dem Feld, habe Feste und Veranstaltungen.“ Bei Martin zum Beispiel gibt es regelmäßig Führungen zum Thema Permakultur. Oder Hoffeste: „Jeder bringt was mit und dann hocken wir uns zusammen und reden“, sagt der Landwirt.

Die eigentliche Ausgabe der Produkte findet montags statt, von 18 bis 19.30 Uhr. Unten im Keller gibt es einen eigenen Raum dafür. In dessen Mitte steht ein großer Holztisch, um den sich einmal in der Woche die Stadtwirte um das ganze Grünzeug drängeln, das darauf liegt. Einhundert kommen jede Woche alleine hier in die Hauptverteilstelle.

Ein junger Mann kommt angeradelt. Seine Dreadlocks wehen im Wind, als er mit einem Lastenfahrrad vor dem Ladenlokal anhält. Er öffnet die Tür, schleppt kistenweise Bier ins warme Innere und befüllt den Kühlschrank damit. Es ist Tobias Spreng. Seine Brauerei ist Teil des Öko-Sozial-Projekts, unter dessen Dach neben der Solawi noch weitere Unternehmungen wie die „interkulturellen Gärten“ oder die „Küche für alle“ untergebracht sind. Seit 2010 braut er Bier, damals hat er zu Hause im Keller damit angefangen.

Im Juni dieses Jahres hat er nach langer Suche endlich eine bezahlbare Gewerbefläche gefunden, die er mit seinen Anlagen beziehen konnte. Er braut jetzt in einer ehemaligen Metzgerei im Süden der Stadt. An einem Waschbecken mit berührungslosen Armaturen wäscht er seine Hände. „Das ist noch das Equipment des Metzgers, der hatte halt sehr hohe hygienische Standards. Da musste ich dann kein Geld mehr für ausgeben.“ So kann er eine Flasche für zwei Euro verkaufen. In der Ecke steht noch der „Wurstkessel“ des Metzgers. Doch der kommt bald raus, um Platz zum Brauen zu schaffen.

Gemeinwohl statt Waffen

Weiße Säcke gefüllt mit Bio-Gerstenbraumalz stapeln sich in den Regalen, in den Ecken stehen tonnenartige silberne Brauanlagen. Braune „Neutralflaschen“ ohne Aufdruck stehen hier und da – er bekommt sie von einem Getränkegroßhändler geschenkt. „Sonst müsste ich ja 50 Cent Pfand verlangen oder mehr.“ Wir setzen uns in den Innenhof, Tobi türmt ein paar leere Bierkästen aufeinander und stellt heißen Kamillentee auf den provisorischen Tisch. Sein Weg hierher verlief über Umwege: Beim Rüstungskonzern EADS hat er eine Ausbildung zum Flugzeugbauer gemacht. „Ich habe da erst richtig angefangen, politisch zu denken“, sagt er. „Dann habe ich gedacht: Wenn ich schon aus idealistischen Gründen kündige, dann muss ich danach auch was Idealistisches machen. Einen gut bezahlten Job aufzugeben, um danach bei einer anderen Arschloch-Firma zu landen? Absurd.“

Er holte sein Abitur nach, ging anschließend für ein Jahr nach Südamerika, um mit dortigen Indigenen zu leben. Er lernte das Töpfern, das Färben von Stoffen, Pflanzenheilkunde, Räuchern und was man bei der Herstellung von Maisbier beachten muss. Im Regenwald brachte man ihm bei, wie Chicha, ein Bier, das schon die Inkas getrunken haben, hergestellt wird. Nach seiner Rückkehr besuchte er in Berlin den „Solidarische Ökonomie Kongress“ und stieß dort zum ersten Mal auf das Konzept der Kollektive, das er für sein Brauprojekt übernommen hat. „Das soll kein Social Washing sein“, sagt er, „das ist einfach ein Organ der Mitsprache für Leute, die hiermit zu tun haben: Kunden, Vermieter, Barbesitzer, Mitarbeiter.“

Dutzende Kästen Bier lagern in der Kühlkammer. Auch wenn er nicht wirklich „Bier“ auf seine Etiketten schreiben darf. Tobias braut nicht nach dem deutschen Reinheitsgebot, sondern nach dem „bayerischen Gemeinwohlgebot“.

06:00 09.01.2019
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