Täglich klimpern die Eiswürfel

Was läuft Über die Atmo aus zu vielen Geheimnissen, toten Insekten und toten Mädchen in „Sharp Objects“. Spoiler-Anteil: 23 Prozent
Täglich klimpern die Eiswürfel
„Vanish“, „fix“, oder „cherry“ – die SerienmacherInnen lassen die Episodentitel mit den vernarbten Worten auf Camilles Haut korrelieren

Foto: Anne Marie Fox/HBO

„I can’t quit you Baby, so I’m gonna put you down for a while“. Robert Plants Stimme kämpft sich durch den alten Willie-Dixon-Blues. In Sharp Objects (momentan auf Sky Atlantic) dröhnt I can’t quit you aus Camille Preakers (Amy Adams) Autoboxen, an die sie ein Handy mit zerbrochenem Display gehängt hat, während sie langsam durch ihr (fiktives) Heimatkaff Wind Gap fährt. Er ist einer von vier Songs, die der Regisseur Jean-Marc Vallée und seine Musikberaterin Susan Jacobs der britischen Band abgequatscht haben.

Anscheinend haben sogar Led Zeppelin, zumindest der Inhaber der Musikrechte, die Brillanz der Serie erkannt: die überzeugende Ästhetik, die Großartigkeit sämtlicher Auftritte und die Relevanz des Themas. Sharp Objects ist das eindringliche, verzweifelte und bestechende Psychogramm einer traumatisierten, autoaggressiven Frau, und gleichzeitig ein Krimi: Camille hat das Elternhaus vor Jahren verlassen und ist in St. Louis Journalistin geworden. Ihr väterlicher Chefredakteur Frank (Miguel Sandoval) schickt sie in die alte Heimat, um über einen möglichen Serienmörder zu berichten – innerhalb weniger Monate sind in Wind Gap zwei Mädchen verschwunden. Doch es sind nicht wirklich nur zwei, das lernt man schnell angesichts der durch Regisseur Jean-Marc Vallée intuitiv collagierten Bilder von Camilles Erinnerungen und ihren Begegnungen mit Mutter Adora (Patricia Clarkson) und der jüngeren Halbschwester Amma (Eliza Scanlen). Camille hatte noch eine kleine Schwester, vor 20 Jahren. Die ist damals ebenfalls gestorben. Seitdem ritzt sich Camille, schneidet Empfindungen für immer in ihre Haut ein, „vanish“ steht da, oder „fix“, oder „cherry“ – die SerienmacherInnen lassen die Episodentitel mit den vernarbten Worten auf Camilles Haut korrelieren, die nur kurz aufblitzen. Denn Camille trägt, mitten in der feuchtschweren Hitze Missouris, permanent lange dunkle Hosen und Oberteile. Um die Tatsache nicht sofort jedem unter die Nase zu reiben, dass weibliche Aggression sich in druckvollen Situationen gegen sich selbst, männliche nach außen richtet.

Es ist eine kaputte Heldin, die Showrunnerin Marti Noxon nach einem Drehbuch der Sharp-Objects-Romanautorin Gillian Flynn auf den Weg schickt, eine im wahrsten Wortsinn angekratzte, angeschlagene, permanent besoffene Protagonistin: Was Camille trinkt, geht auf keine (glatte) Kuhhaut. Und wird, wenn überhaupt, höchstens vom Konsum anderer eingefleischter „Wind Gaper“ wie Adora und deren zweitem Mann übertroffen, bei denen das Klimpern von Eiswürfeln die Alltagsatmo anfüllt. Auch Detective Richard (Chris Messina) aus Kansas City hockt bei und nach seinen Versuchen, die Mordserie aufzuklären, und dabei vielleicht sogar noch Camille zu verstehen, vor dem x-ten Whisky im lokalen Pub. Wo dann übrigens Johnny Cash läuft, auch nicht zufällig.

Wie Flynn, Noxon und Vallée, der bereits Big Little Lies inszenierte (für die Susan Jacobs zum ersten Mal überhaupt als „Musikberaterin“ einen Emmy bekam), diese düstere, durch zu viele Geheimnisse, tote Insekten und tote Mädchen verstockte Atmosphäre bauen, das ist beeindruckend, genau wie Amy Adams’ uneitle Spiellust: Sie sieht tatsächlich besoffen aus in manchen Szenen, in ihrem verquollenen Gesicht spiegeln sich die Verlogenheit der Umgebung, die Traumata und Horrorerlebnisse ihrer Kindheit und Jugend. Irgendetwas war da mit einem Footballstar, der sie, damals noch Cheerleaderin, im Wald traf, gemeinsam mit dem gesamten Team. Was passierte, ist ihm heute peinlich – als Camille den etwas ranzig gewordenen Mann wiedertrifft und er sich unbeholfen entschuldigt, weil „es ihn immer noch verfolgt“, will sie nichts davon wissen: „Looks like we both got fucked“, sägt sie ihn ab.

Irgendetwas war – und ist – auch mit der Mutter, dieser narzisstisch-egomanen High-Class-Säuferin, perfekt verkörpert von Clarksons aristokratischer Haltung, ihrem undurchschaubaren Gesicht. Und es ist vielleicht auch was mit dem wackeren, virilen Detective, der fasziniert ist von Camille, der den Grad ihrer Abgewracktheit aber kaum begreift.

So werden Handlung, Atmo und Probleme drückender, während die Erkenntnis nur langsam in Camilles Brummschädel dringt. Jede weitere Folge, die mit immer wieder anderen Versionen von Frank Waxmans wundervollem Filmstück Dance and Angela beginnt, ist ein Erwachen aus einem Vollrausch: Man muss sich die Realität neu zusammensetzen. Bis man irgendwann eventuell einfach wach bleibt.

06:00 13.10.2018

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