Treiber der Agenda

USA Fox News hat mit Trump gebrochen. Doch der Sender ist weiterhin zentrales Medium extrem rechter Inhalte
Treiber der Agenda
Immer noch Posterboys und -girls der Rechten: Fox-Fernsehstars Bret Baier, Martha MacCallum, Tucker Carlson, Laura Ingraham und Sean Hannity (v.l.)

Foto: Drew Angerer/Getty Images

Als einer der ersten Fernsehsender überhaupt erklärte Fox News am 7. November Joe Biden zum Sieger der Präsidentschaftswahl. Die toxische Symbiose zwischen Donald Trump, seinen loyalen Anhängern und dem mächtigen rechtskonservativen Nachrichtensender schien sich aufzulösen. In Arizona, jenem Staat, den Fox News vor allen anderen Sendern Biden zusprach, rotteten sich Pro-Trump-Demonstranten vor einem Wahllokal zusammen und skandierten: „Fox News sucks!“ („Fox News ist scheiße!“)

Der Präsident, jämmerlich und wahnhaft im Umgang mit seiner Niederlage, wandte sich schnell den kleineren, obskureren Sendern Newsmax und One America News Network (OAN) zu, von denen die alternative Realität seines gestohlenen Erdrutschsiegs bestätigt wurde. In der von Verschwörungstheorien bestimmten Welt von OAN und Newsmax haben die Demokraten das größte Verbrechen in der Geschichte der amerikanischen Politik begangen, eine Erzählung, die rechtsextreme Twitterpersönlichkeiten und Wirrköpfe verbreiten, die Teil der Trump-Administration waren.

Trumps gekränkte Anhänger folgten ihm zu Tausenden, sie wühlten sich in die Untiefen der Kabelsender, um Newsmax und OAN zu finden. Newsmax, eine Low-Budget-Klitsche, die 2014 gegründet wurde, erreichte zuvor zur besten Sendezeit maximal 58.000 Zuschauer; an einem Abend nach der Wahl Ende November waren es über eine Million.

Als Tausende von Trump-Fanatikern am 6. Januar in Washington D.C. einfielen und einige Hundert rechtsextreme Gewalttäter das Kapitol stürmten, da geschah das auch aufgrund der Mythen über die Wahl, die Newsmax und OAN ihnen als Fakten präsentiert hatten. Es wäre jedoch falsch, die Rolle dieser Sender zu überschätzen, die fest im Schatten des Leviathans Fox News stehen. Fox News bleibt der Nachrichtensender mit den höchsten Einschaltquoten aller Zeiten. Der Sender mag Biden den Wahlsieg zugesprochen haben, doch es waren seine reichweitenstärksten Primetime-Moderatoren – der polternde Sean Hannity und der Nadelstreifenfaschist Tucker Carlson –, die der Wahlverschwörungstheorie den Boden bereiteten, sowohl lange vor der Wahl als auch danach.

Noch entscheidender ist: Dass Fox sich entschlossen hat, ein unleugbares Wahlergebnis korrekt zu berichten, kann die Jahre und Jahrzehnte nicht ungeschehen machen, in denen der Sender das wichtigste Medium war, um die Weltanschauung der weißen Vorherrschaft zu stützen und zu formen, die letztlich die Triebfeder hinter allen Verschwörungstheorien pro Trump ist. Das mächtige Netzwerk des Medienmoguls Rupert Murdoch war die „sine qua non“ von Trumps Aufstieg. Auch wenn sich die Beziehung zu einigen eingefleischten Trump-Fans verschlechtert haben mag, ist Fox News gut aufgestellt, um bei der extremen Rechten auch dann noch Anklang zu finden und sie anzustacheln, wenn Trump das Weiße Haus verlassen hat.

Das gilt umso mehr nach der längst überfälligen Sperrung von Trumps Twitteraccount in Folge seiner Anstiftung zu den Ausschreitungen auf dem Kapitol. Twitter war die Bühne, auf der Trump die Inhalte von OAN und Newsmax seinen 88 Millionen Followern unterbreitete; auf Twitter machte er Fox News wegen Illoyalität fertig. Und Twitter war Trumps direkter Draht zu seinen feigen Anhängern, den er für seine hetzerischsten Reden nutzte, darunter der Aufruf zu einem „wilden“ Protest am 6. Januar. Ohne die Präsidentschaft, ohne Twitter und ohne die Unterstützung einiger vormals einfältiger Republikaner mag Trump nicht länger der Auserwählte sein, der Amerikas weißes Ressentiment verkörpert. Aber wir können uns darauf verlassen, dass Murdoch und der harte Kern bei Fox New machiavellistisch genug veranlagt sind, um Trumps Vermächtnis ohne Trump fortzuführen. Wie Michael Grynbaum von der New York Times vergangene Woche schrieb, „im Zuge der Gewalt auf dem Kapitol und Mr. Trumps zunehmender Ausgrenzung innerhalb seiner eigenen Partei entdeckt Fox News einen Weg nach vorne: sich mit den Sorgen eines in Trump vernarrten Publikums gemeinzumachen, das letztlich erkennen musste, dass sein Tribun gefallen ist.“

Der Sender mag gerade einige Zuschauer an OAN und Newsmax verloren haben, aber Fox’ prominente Moderatoren lassen bereits durchblicken, wie sie diese Zuschauer zurückgewinnen wollen. „Wie wird unser Leben am 21. Januar aussehen?“, fragte Tucker Carlson seine Zuschauer vergangenen Donnerstag mit Blick auf den Tag nach Bidens Amtsantritt. „Zigmillionen Amerikaner haben keine Chance; sie werden bald schon beim Aufstieg der Linken zerquetscht werden. Diese Menschen brauchen jemanden, der sie verteidigt. Sie brauchen jemanden, der Sie verteidigt.“ Wenn Trump nicht mehr im Amt sei, versicherte er seiner Zielgruppe, „wird der Rest von uns – und das ist entscheidend – immer noch hier sein“. Unterdessen bezeichnete Steve Doocy, der Moderator der beliebten Sendung Fox and Friends, die rechtsextremen Demonstranten auf dem Kapitols als „zu 99 Prozent friedlich“ und lediglich „frustriert“; in seiner Rechtfertigung hallte Trumps abscheuliche Verteidigung der „sehr anständigen Leute“ nach, die 2017 an dem tödlichen Neonazi-Aufmarsch in Charlottesville, Virginia, teilnahmen.

Die Moderatoren von Fox News engagieren sich weiterhin für Trumps Basis. Alle, die sich dafür einsetzen, die „White Supremacy“ zu stürzen, die Trump bestärkt hat, sollten das als Gefahr verstehen. Fox News hat mehr als jede andere Medieninstitution in den USA dafür getan, um zu rechtsextremer politischer Gewalt anzustiften. Seit seiner Gründung 1996 durch Roger Ailes, einen durch und durch verdorbenen Menschen, hat Fox News seine faschistischen Märchen in die amerikanischen Wohnzimmer gesendet – eine Welt, in der Immigranten in die USA einfallen und Jobs stehlen, Obama in Kenia geboren wurde, schwarze Gewalt die Straßen beherrscht, der Klimawandel nicht existiert und eine kommunistische Machtübernahme durch die (zweifelsohne kapitalistischen) Demokraten bevorsteht. Der Sender hat die „White Supremacy“ dieser Nation nicht hervorgebracht; diese Ideologie unterfüttert die gesamte ehemalige Sklavenkolonie. Doch Fox News hat, insbesondere durch Moderatoren wie Hannity, Carlson und deren Stammgäste aus der Republikanischen Partei, diesen rassistischen Ressentiments Ausdruck verliehen und Legitimität verschafft.

Wir haben es mit einem kybernetischen System zu tun: einer Feedbackschleife zwischen den Nachrichtensendern, Social Media, weißen Zuschauern, konservativen Geschäftsinteressen und rechten Politikern. Und es ist dieses gesamte Ökosystem der Überzeugungsbildung und -verfestigung, in dem Fox News eine zentrale Rolle spielt, das Ereignisse hervorbringt wie die vom 6. Januar. Nischensender wie Newsmax und OAN bleiben kleine, aber wirksame Rädchen im Getriebe. Aber auch liberale und konservative Medien – darunter CNN, MSNBC, The New York Times und The Washington Post – haben einen Teil der Verantwortung zu tragen.

Liberale Nachsicht

Der mörderischen rassistischen Gewalt, die von rechten Bürgerwehren wie auch den Einwanderungsbehörden und der Polizei ausging, begegnete die liberale Mitte jahrelang mit unerträglicher Nachsicht. Die liberalen Medien scheiterten mit ihrer absurden Hufeisentheorie regelmäßig daran, sich klar gegen die extreme Rechte zu positionieren, während sie bar jeder Grundlage linke und schwarze Freiheitsaktivisten als ebenso gewalttätig darstellten wie „White Supremacists“, die einen Genozid herbeisehnen. Twitter und Facebook ließen unterdessen die Hassbotschaften und Falschinformationen von Trump und seinen Verbündeten gedeihen. Es hätte nicht der Erstürmung des Kapitols bedurft, damit sie dem ein Ende setzen. „White Supremacists“ und Rechtsextreme waren für 73 Prozent der extremistischen Morde in den vergangenen zehn Jahren in den USA verantwortlich.

Rechtsextreme Nischensender mögen künftig eine Rolle dabei spielen, politische Gewalt zu schüren, während an den Händen von Fox News seit Langem Blut klebt und neues dazukommen wird. Doch auch für die Medien der liberalen Mitte, die elektrisiert sind von der Aussicht auf Bidens konservative Amtsführung, ist es nicht an der Zeit, so zu tun, als könnten sie ihre Hände in Unschuld waschen.

Natasha Lennard, Journalistin, unterrichtet Creative Publishing and Critical Journalism an der New School in New York

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 16.01.2021

Ausgabe 30/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 4