Von Lastenrad und Lederhose

Bundestagswahl In ihrer Not setzen CDU/CSU auf Kulturkampf gegen die Grünen – doch diesen Grundkonflikt gibt es gar nicht mehr
Von Lastenrad und Lederhose

Illustration: Christine Rösch für der Freitag

Wer kleinere Handwerksaufträge hat, muss nicht mit der ganzen Bagage los. Flanierstraßen sind leichter zu beliefern, Kurierdienste kommen besser durch: Lastenräder sind schon diesseits jeder Emissionsbilanz sinnvoll, weil flexibel und praktisch. Deshalb werden sie gefördert: Vom Bund können bestimmte Unternehmen 5.000 Euro pro Rad bekommen. Armin Laschets Regierung lockt Gewerbetreibende mit bis zu 2.100 Euro, Kommunalbetriebe gar mit 4.100. Fast flächendeckend gibt es solche Programme. Zumal in Bayern ist deren Dichte enorm: Nicht weniger als 40 Kommunen zahlen Lastenradprämien.

Und doch hofft Paul Ziemiak, mit diesem Thema gegen die Grünen mobilisieren zu können: „Gibt es auch ein Tandem-Lastenrad für Chef & Azubi?“, twittert er also, „vorne der Presslufthammer verstaut – als Fahrradanhänger ein Betonmischer?“ Doch „abstrus und weltfremd“ ist nicht, was der CDU-General so nennt – nämlich der Vorschlag der grünen Kandidatin, auch Privatleute mit vergleichsweise bescheidenen 1.000 Euro für ein Lastenrad zu motivieren. Und auch nicht nur der erratische „Debattenbeitrag“ des CSU-Verkehrsministers Andreas Scheuer, den zu zitieren sich erübrigt. Sondern vor allem, dass dieser gegen jede Sachlage aufgeblasene Unfug der Tagesschau für eine „hitzige Debatte“ reicht, – während die Zeit schwere Gedanken über die „Last des Privilegs“ und die Symbolik grüner „Klientelpolitik“ wälzt.

Viel ist hierzulande jüngst über den angeblich neuen sozialen Hauptwiderspruch zwischen „Somewheres“ und „Anywheres“, zwischen der moralischen Hochnäsigkeit einer weltläufigen Innenstadt- und dem urigen Pragmatismus einer weitgehend fiktiven Peripheriebevölkerung philosophiert worden. Offenbar so viel, dass nun das Lastenrad die Nachdenkpresse per Autopilot zu romantischen Erzählungen vom Cockpit des Lieferwagens als letztem Rückzugsort der Dienstleistungsklasse in einer Welt grün schillernder Hypermoral chauffiert. Dabei eignet es sich eher dazu, etwas Luft aus diesem Stadt-Land-Konflikt-Gerede zu lassen: Wer nimmt denn all diese Förderprogramme wahr? Und wer legt sie auf, in Bad Aibling, Ottobrunn oder Günzburg – abgehobene urbane Öko-Hipster?

Die Kulturkampfdebatte, die jetzt auf den Sätteln der Lastenräder geführt wird, ist seltsam verdreht. Die klassische Polemik gegen das „Bionade-Biedermeier“, die in der Welt nun zu der – zugegeben schönen – Zote „Allnatura-Adel“ zugespitzt wird, läuft ja gerade nicht darauf hinaus, einen schroffen Antagonismus zwischen den traditionellen und den progressiven Fraktionen der oberen Mittelschicht festzustellen. Im Gegenteil spießt sie auf, wie nahe sich die einstige Alternativkultur und ihr früherer Gegenpart inzwischen sind.

Altmaier radelt selbst

Auch wenn jener Allnatura-Adel gern Englisch parliert, sind die deutschen Verhältnisse ganz anders als in den USA, dem Ursprungsland der Modediagnose vom großen Kulturkampf der Mittelschichten. Die Bundesrepublik ist grundsätzlich auf Konvergenz gepolt. Es gibt weder eine unversöhnliche Spaltung der Medienlandschaft wie etwa zwischen Fox News und MSNBC, noch gibt es deren Voraussetzung, nämlich ein erzreaktionär auftrumpfendes Polit-Christentum. Die halben USA glauben an einen Wahlbetrug durch die gottlose Demokratische Partei. In der CDU ist jüngst der Vorstoß, ein Verbot der „Gendersprache“ in Behörden zum Wahlkampfthema zu machen, kläglich gescheitert – und Schwarz-Grün eine Option unter vielen.

Heute ist es von der viel zitierten Lederhose zum metaphorischen Lastenrad auch nicht weiter als bis zum sprichwörtlichen Laptop. Der Scharfredner Ziemiak ist klug genug, das eigentlich zu wissen, während der schlichtere Scheuer vielleicht Messen mit Maibäumen oder leicht bekleideten Models bräuchte, um sich mit Cargo-Bikes anzufreunden. Sollte sich die Union jetzt noch berappeln, wird es jedenfalls weder an dem einen noch an dem anderen gelegen haben, sondern eher an einem Dritten: dem unprätentiösen Wirtschaftsminister Peter Altmaier, der sich in dieser „Debatte“ ganz anders zeigte: auf einem Lastenrad.

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06:00 03.09.2021

Ausgabe 38/2021

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