Wie der Wolf am Zaun

Medientagebuch Die Zukunft des Journalismus? Düster ...
Wie der Wolf am Zaun
... oder doch rosa?

Foto: Imago

Was ich den Tag über so mache, ist schnell beantwortet: Kern meines Autorenlebens ist es, mich zu quälen. Die Zukunft des Journalismus? Düster. Neue Probleme, das Lebenselixier des Wissenschaftlers, suche ich nur bei mir selbst. Ich schreibe fast gar nicht mehr, mein bester Autorenfreund ist mit mir einig: Es ist ja alles schon einmal geschrieben worden.

Da gehe ich lieber in den Garten. Auf einem Chiliblatt schläft eine Wespe. Mir kommt ein Satz aus dem niedersächsischen Landtag in den Kopf: „Ein Wolf schläft am Zaun!“ Tierisch geil: Die CDU will ganz Niedersachsen mit Schweineställen vollstellen, die Grünen hingegen Tofu züchten. Das sind Debatten nach meinem Geschmack. Deshalb bewarb ich mich mal bei der Grünen-Fraktion als Pressesprecherin. „In 10 Jahren machen wir das alle“, pflichtete mir eine Springer-Journalistin bei, als ich ihr von meinen Plänen erzählte, in die Öffentlichkeitsarbeit oder meinetwegen auch in die Jugend- oder Gartenarbeit zu wechseln. Der Markt breche zusammen und es sei günstig, das sinkende Schiff zu verlassen. Besser jetzt als später, dachte ich mir also und bewarb mich nicht nur bei den Grünen, sondern auch bei der Piratenpartei. Ich arbeitete in den letzten Jahren außerdem in einer Agentur und in einer Bundesbehörde.

Wir Journalisten müssen sehen, wo wir bleiben. Günter Bannas von der FAZ ist, wie sich in einem vergnüglichen taz-Interview lesen lässt, inzwischen in den Modellbau gewechselt. Während die Medienkrise wie der Wolf am Zaun schläft, die Kollegen noch wie wild twittern und die Medienkompetenz des Publikums testen, ist der kleine Wespenfreund erwacht und trinkt Tautropfen aus einem undefinierten rötlichen Blatt, bevor er sich erhebt, um im sanften Wind dem blauen Himmel entgegenzuschweben. Ein Taubenpaar hat es sich im letzten Winkel der Dachterrasse gemütlich gemacht, die Tiere strecken die Flügel in die Sonne. Möwen kreischen, sie verleihen meinem rheinischen Leben ein maritimes Flair.

Üblicherweise wird in meinem neuen Wohnort Bonn darüber gesprochen, wie schwül es „schon wieder“ sei. Diese Rede beginnt im Mai, wenn die Freibäder aufgrund des neoliberalen Sparzwangs noch nicht geöffnet haben, und zieht sich über den ganzen Sommer. Solch unzufrieden erscheinenden Leuten möchte man entgegnen, sie mögen doch „nach drüben gehen“, also nach Köln oder Düsseldorf. Köln bietet den Vorteil einer autogerechten Stadt, die nach den Bombardierungen des Zweiten Weltkrieges errichtet wurde, Düsseldorf verfügt über einen großen Reichtum an japanischer Kultur: Die Landeshauptstadt auf der anderen Seite des Rheins ist mit dem Japantag und einer Japantown eindeutig das Tokio Deutschlands.

Der Bundeshauptstadt, die ich verlassen habe und deren Name in dieser Kolumne gewiss noch häufig genannt werden wird, weine ich angesichts der komfortablen Wohnsituation im schönsten Bundesland Deutschlands keine Träne nach. In Kreuzberg liegt überall Müll auf der Straße, aufgrund der Inkompetenz der lokalen Politik wird alles zugebaut, im schönen NRW lässt es sich leben. Arthur Aufrecht twitterte mal „NRW das mystische Bundesland der Republik es herrscht ein verzaubernder Lebensgeist zwischen Düren und Paderborn & der Wille zur Lohnarbeit“.

So quäle ich, Autorin, mich weiter, und wenn keine Arbeit zu finden ist, dann bleibt immer noch der Garten.

06:00 26.06.2018

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