Zahlen erhöhen den Druck

Wohnungslosigkeit Endlich plant die GroKo eine offizielle Statistik. Doch sie wird viele nicht erfassen
Zahlen erhöhen den Druck
Ein Mann läuft über den Flur einer Nachtunterkunft auf dem Gelände der Bayernkaserne in München

Foto: Amelie Geiger/dpa

Düsseldorf am Donnerstagnachmittag der vergangenen Woche: Vor dem Rathaus liegt ein Stapel Steine – dorthin gebracht von einer Gruppe Wohnungsloser. Es ist ein Akt des Widerstands – denn zuvor hatte die Stadt jene Steine unter einer Brücke platziert, um so zu verhindern, dass Wohnungslose ohne Unterkunft dort ihre Zelte aufschlagen und übernachten. Vor dem Rathaus diskutierten die Wohnungslosen mit Vertretern der Stadt und erklärten dabei, weshalb sie nicht in der alternativ angebotenen Notunterkunft schlafen möchten: Passe man nicht auf, würde einem dort alles geklaut.

Bisher gibt es keine offiziellen Zahlen darüber, wie viele Menschen in Deutschland wohnungslos sind. Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft für Wohnungslosenhilfe (BAG W) gehen von bundesweit rund 650.000 Menschen im Jahr 2017 aus. Wohnungslose zu schätzen oder zu zählen, ist ungemein schwierig. Ziehen sie sich gänzlich zurück oder finden Unterschlupf bei Freunden und Familie, sind sie für Behörden und Verbände nahezu unsichtbar.

Premiere im Jahr 2022

Eindeutig und zweifelsfrei erfassbar sind nur jene Wohnungslosen, die staatliche Hilfe in Anspruch nehmen und Betten in Notunterkünften zugewiesen bekommen. Genau sie möchte die Bundesregierung künftig in einer bundesweiten Statistik zählen, um so zum ersten Mal einheitliche Zahlen zur Wohnungslosigkeit in Deutschland vorlegen zu können.

Verbände und Länder fordern eine amtliche Statistik, wie es sie in Nordrhein-Westfalen schon gibt, seit Langem für den Bund – entsprechend wird der vom schwarz-roten Kabinett jüngst gefasste Beschluss allseits begrüßt. Dennoch werden die offiziellen Zahlen „kein komplettes Bild der Lage wiedergeben“, sagt die Geschäftsführerin der BAG W, Werena Rosenke.

In der Statistik soll von 2022 an jährlich mit einer Stichtagserhebung zum 31. Januar die Zahl der Wohnungslosen in Notunterkünften festgehalten werden. Der Anteil derer, die damit aus der Statistik fallen, ist beachtlich. All diejenigen, die ohne festen Wohnsitz sind, aber bei Freunden oder Familie unterkommen, werden genauso wenig abgebildet wie Wohnungslose, die gänzlich ohne Hilfe auf der Straße leben. Das schließt die Wohnungslosen mit ein, die in Düsseldorf unter der Brücke zelten und die Steine vor das Rathaus legten.

Passanten fällt diese „Straßenobdachlosigkeit“ im Stadtbild zwar eher auf – die Menschen aber zu erfassen, gestaltet sich für Behörden ungemein schwierig, da sie meist außerhalb von deren Bezugsfeld leben und sich gänzlich zurückziehen. Dass sie sich selbst bemerkbar machen können, wie bei der Aktion in Düsseldorf, ist selten. Um die Straßenobdachlosigkeit statistisch zu erfassen, müssten Freiwillige die Wohnungslosen auf den Straßen zählen, was mit enormem Aufwand verbunden ist. Insofern ist eine Statistik, wie sie nun der Bund plant, ein Balanceakt zwischen dem, was möglich, und dem, was notwendig ist.

Besser als ein Stichtag

Aufseiten des Machbaren ließe sich laut der BAG W dennoch einiges an den Plänen der Großen Koalition verbessern. So gebe eine Stichtagserhebung nicht die tatsächliche Zahl der Wohnungslosen in einem Jahr wieder. Denn jeder, der im Verlauf eines Jahres wohnungslos war, allerdings nicht am 31. Januar, wird nicht gezählt.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft fordert deshalb die Ermittlung einer Jahresgesamtzahl: „Sie misst im Unterschied zu einer Stichtagszahl die tatsächliche Zahl der von Wohnungslosigkeit im Verlauf eines Jahres betroffenen Menschen und bildet somit das gesellschaftliche Ausmaß des Problems besser ab“, sagt Rosenke. Eine Jahresgesamtzahl würde entsprechend stets höher ausfallen als die eines Stichtages – letztere sowie die Beschränkung auf Wohnungslose in Unterkünften werden die am Ende von der Bundesregierung publizierte Zahl also vergleichsweise niedrig halten.

Immerhin will die Bundesregierung eine „zusätzliche qualifizierte Datengrundlage“ über jene Wohnungslosen schaffen, die keinen Platz in einer Unterkunft angenommen haben oder aus anderen Gründen schwer statistisch erfassbar sind – und diese mindestens alle zwei Jahre publizieren. Die genaue Ausgestaltung ist offen und soll unter Beteiligung von Wissenschaft und Fachverbänden erarbeitet werden.

Trotz ihrer Kritik an Einzelheiten ist Rosenke sicher, dass sich mithilfe der Statistik über die Jahre Entwicklungen in der Wohnungslosigkeit erkennen lassen werden – ein klarer Fortschritt. Das Kalkül: Amtliche Zahlen schockieren mehr als Schätzungen und erhöhen so den politischen Handlungsdruck, anstatt die Ursachen für Wohnungslosigkeit rein auf individuelle Ursachen zu schieben.

Der BAG W werde die Arbeit aber sicher nicht ausgehen, sagt Geschäftsführerin Rosenke: „Begleitende Schätzungen werden auch weiterhin notwendig sein. Wir werden uns auch darum bemühen, wohnungslose anerkannte Flüchtlinge in unseren Schätzungen zu repräsentieren.“ Wohnungslose anerkannte Flüchtlinge machen innerhalb der Schätzung der BAG W mehr als die Hälfte aller Wohnungslosen in Deutschland aus – etwa, weil sie häufig in Unterkünften leben und Schwierigkeiten haben, eine eigene bezahlbare Wohnung zu finden. Die offizielle Statistik, die im Verantwortungsbereich des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales liegt, wird Staatsangehörigkeit sowie Geschlecht und Alter der Wohnungslosen mit einbeziehen.

Klar ist schon heute, dass Wohnungslosigkeit in Deutschland eng mit dem massiven Defizit an bezahlbarem Wohnraum verbunden ist. Steigende Mieten sowie die geringe Anzahl kleiner Wohnungen für Einpersonenhaushalte, so die BAG W, hätten das Problem in den vergangenen Jahren verstärkt.

06:00 09.10.2019
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