Wo ist das Hardware-Update für Städte?

Diesel-Gipfel Die bisherige Diskussion um E-Antrieb und Fahrverbote geht am Thema vorbei: wir brauchen eine andere Verkehrsinfrastruktur in Städten
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Wo ist das Hardware-Update für Städte?
Solange es innerstädtische Autobahnen – wie hier in Berlin – gibt, wird es auch immer mehr Autoverkehr geben
Foto: Steffi Loos/Getty Images

Software, E-Antrieb, Kaufprämie, Subventionen, selbst Fahrverbote. Das alles geht völlig am Thema vorbei, ist es ja immer noch vom Auto her gedacht. Denn auch wenn wir es den 60er Jahren zuschreiben, die autofixierte Verkehrspolitik in der Infrastrukturplanung unserer Städte ist noch lange nicht vorbei. Denn es wird immer noch von besserer Abwicklung des Verkehrs gesprochen, von smarteren Systemen, die optimal jeden Parkplatz mit dem Suchenden verknüpfen, die jede Nebenstraße finden, um das im Stau stehende Auto durch die Wohngebiete zu schleusen, denn wie der Tiefbauamtsleiter meiner Kommune immer wieder betont: „irgendwo muss das Blech ja hin“.

Mehr KfZ-Infrastruktur – mehr Verkehr: eine Binsenweisheit

Problem bei der ganzen Diskussion: es wird von statischen Systemen her gedacht: alle, die heute Auto fahren, werden es in Zukunft auch tun und noch fataler eigentlich: alle, die es nicht tun, werden es auch in Zukunft nicht tun. Das ist mitnichten so. Politik steuert – ganz unweigerlich: werden mehr Verkehrsleitsysteme installiert, können die gleichen Straßen mehr Verkehr aufnehmen. Werden weiterhin innerstädtische Autobahnen - und seien sie auch unterirdisch – gebaut, die Fahrtzeit bestimmter Autofahrten wird sich (zumindest theoretisch) verkürzen und mehr Menschen werden versuchen mit dem Auto in der Stadt mobil zu sein. Das wiederum produziert mehr Lärm, mehr Reifenabrieb und weniger Sicherheit für Radfahrer und Fußgänger in der Stadt. Und wird am Ende unweigerlich scheitern, ganz einfach weil der Platz nicht reicht. Diese Politik der Anreizsetzung für das Autofahren in der Stadt durch bessere Systeme kann nur in Stau und Emissionsbelastungen enden. Das ist eine einfache Rechnung.

Stadtplanung als Maßstab – nicht Verkehrspolitik

Sie kommt zudem zu einem Zeitpunkt, in dem sich die Anforderungen an Städte verändern: Familien, Studenten, Start-up Mitarbeiter und viele andere möchten urban wohnen mit kurzen Wegen und viel öffentlichem Raum für Begegnung und Kultur. Die Zeit der öden, verlassenen Innenstädte ist vorbei, das sieht man überall – jetzt sind die Stadtplaner gefragt. Denn mit Baumscheiben und urban gardening an Brachflächen kann es nicht stehen bleiben. Straßen müssen mehr werden als reine Durchfahrtsorte für Autopendler – sie müssen fit gemacht werden für ein öffentliches Leben, für die Anwohner, Gewerbetreibenden, Kinder und Alte - das ist die Herausforderung der Zeit. 80% der Menschen wollen weniger Autoverkehr in Städten, kein Wunder: in Berlin haben die Mehrheit der Haushalte kein Auto. Vernünftig wäre es also anders herum zu denken: wie wollen wir unsere Stadt gestalten, wie den öffentlichen Raum nutzen, wieviel Fläche für den Verkehr zur Verfügung stellen und dann zu kalkulieren, welche Verkehrsmittel dort sinnvoll eingesetzt werden können und dies durch Infrastruktur zu hinterlegen.

Software-Update für die Verkehrspolitik

Eine Politik, die nur in Grenzwerten vom Auto ausgehend denkt, ist also grundfalsch. Wir könnten uns locker ein paar Diesel-Stinker in der Stadt leisten, wenn die Städte nicht überflutet würden von ultrakurzen Autofahrten und Pendlern, die täglich zig km alleine in ihrem Auto sitzen. Selbst der ADAC hat das erkannt und empfiehlt Städten massiv Radwege zu bauen. Viel zu häufig wird übersehen, dass es viele Menschen gibt, die bereit sind umzusteigen, wenn es gute Alternativen gibt. Dass es keine Einschränkung für Autofahrende geben muss, wenn die, die wollen umsteigen. Und das tun sie vor allem, wenn es sicher, zuverlässig und komfortabel ist. Hier müssen wir also ran, unsere Städte brauchen ein massives Hardware-Update für eine moderne Verkehrspolitik, die Menschen mobil macht, nicht Autos. Dann werden wir schnell merken, dass letzten Endes mehr Freiheit entsteht. Übrigens auch für diejenigen, die zügig mit dem Auto durch die Stadt kommen müssen. Denn Kopenhagen ist nicht nur ein Radfahrerparadies, es ist auch eines für Autofahrende, denn die Straßen sind leer – ganz ohne Fahrverbote.

13:51 05.08.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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Diggity Diskurs

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