Tag der bedingungslosen Kapitulation

8. Mai 1945 Der sogenannte „ Tag der Befreiung“ jährt sich zum 75. mal. Ob Deutschland 1945 allerdings tatsächlich befreit wurde wird selten diskutiert – aus gutem Grund
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Tag der bedingungslosen Kapitulation
Kanzlerin Angela Merkel bei der Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs in Berlin

Foto: Hannibal Hanschke/Pool/AFP/Getty Images

Am 8. Mai 2020 jährt sich der Tag der bedingungslosen Kapitulation der faschistischen Wehrmacht zum 75. mal. Er markierte nicht das Ende des Zweiten Weltkriegs, wohl aber die Niederlage der deutschen Faschist*innen. Das Jubiläum sollte eigentlich in der gebührenden Ehre begangen werden, wurde jedoch durch die Covid-19-Pandemie vereitelt. Dennoch gilt es, an diesen Tag zu erinnern und besonders die Bedeutung dessen in den Vordergrund zu stellen, die sich auch unweigerlich mit der Benennung auseinandersetzen muss. Dem Vorschlag Esther Bejaranos, eine Überlebende der Shoa, den Tag zum bundesweiten Gedenk- bzw. Feiertag auszurufen, ist nur zu folgen. Getragen wird diese Initiative von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN-BdA) und wurde jüngst von Bejanaros dem Bundestag überreicht. Was an diesem Tag genau gefeiert werden soll, ist hierbei eine permanente Debatte, die sich einer politischen und historischen Einordnung nicht entziehen kann. Der konstruierte Tabubruch Alexander Gaulands von der AfD, welcher den 8. Mai als „Tag der absoluten Niederlage“ definiert, ist schlechterdings keine Überraschung. Auch in dem Kontext nicht, dass die Debatte über die Bedeutung des Tages stets anhand subjektiver Bedingungen, politischer Ausrichtungen und dem herrschenden Diskurs untergeordnet ist. Der Schwur von Buchenwald ist hierbei eines der zentralen Dokumente, die den Tag inhaltlich ausfüllen soll, findet in der Auseinandersetzung jedoch eine größtenteils falsche Ausarbeitung und führt die zentrale Aussage des 8. Mai somit in eine problematische Lage, denn: die Vernichtung des Faschismus wurde an diesem Tag nicht vollzogen.

Besonders in der politischen Linken steht die Diskussion im Raum, ob es sich hierbei um eine „Befreiung vom Faschismus“ oder der „Niederlage Deutschlands“ handelt. Schlechterdings ist es nicht so mechanisch, wie man vermuten möchte und auch diese Frage muss sich einer materialistischen Deutung unterwerfen. Dass es sich um eine Niederlage der faschistischen Diktatur handelt, ist in diesem Sinne korrekt, als dass der militaristisch-bürokratische Apparat und die faschistische Herrschaft ein Ende fand. Hierbei handelt es sich sehr wohl um eine Kriegsniederlage, die gleichermaßen eine Befreiung von dieser Herrschaft ist. Zentral hierbei ist jedoch, wer von wem befreit werden musste und ob diese Befreiung von außen oder von innen kam. Diese Frage ist keine marginale, sondern besonders in Hinblick auf sich selbst befreiende Partisanen wie in Italien und Jugoslawien zentral. Dass der europäische Kontinent von der faschistischen Diktatur hiernach befreit wurde ist nicht zu leugnen; der Grad dessen, wie diese Befreiung vonstattenging, entwickelte sich jedoch unweigerlich zum nationalen Mythos einer jeden Bevölkerung, die mitunter temporär oder völlig eine inszenierte Teilwirklichkeit beinhaltet. Die Befreiung der deutschen Bevölkerung ist hierbei nicht national zu deuten, da esspräche man lapidar von der Befreiung aller Deutschen von der faschistischen Diktatureine homogene Masse konstruieren würde, die sich ununterbrochen und willensfrei in Gefangenschaft der Faschist*innen befände.

Die deutsche Kriegsniederlage hatte unweigerlich weitere Folgen, die primär als Überwindung des Faschismus gedeutet werden können, letztlich aber nur die Entwicklungen und Handlungen der auf Grundlage einer faschistischen Ideologie gewesen waren. Die Ursache liegt in der gesellschaftlichen Rolle des Faschismus, welche eben keine im luftleeren Raum entwickelte Ideologie fernab des Klassenantagonismus, sondern unmittelbarer Ausdruck einer sich radikalisierenden Mittelschicht Ende der Weimarer Republik war. Die bereits zu genüge analysierten Verstrickungen des Kapitals mit den deutschen Faschist*innen sowie die Unterstützung durch bürgerliche Kräftebesonders unter Franz von Papenlegen eindeutig die objektiven Bedingungen da, welche nach dem 8. Mai nur eine sehr schwache Aufarbeitung erfuhr. Dass besonders die politische Linke und die Arbeiter*innenbewegung von den Faschist*innen verfolgt und zerschlagen wurde ist ein zentraler Moment der Ideologie. Die Entwicklung der „Extremismustheorie“ stellt ein Versuch der bürgerlichen Kräfte da, die eigene Verstrickung in der faschistischen Diktatur zu leugnen, in dem eine vermeintliche Wesensverwandtschaft von Faschist*innen und Kommunist*innen kolportiert wird. Dass besonders Kommunist*innen und andere Linke Opfer des faschistischen Terrors war, wird freilich nicht geleugnet, der Widerspruch indes ebenfalls nur sehr unzufrieden aufgelöst.

Wenn man den 8. Mai nun begegnen möchte, gilt es, die eigene Verantwortung und den historisch-politischen Kontext miteinzubeziehen. Formal betrachtet ist er die bedingungslose Kapitulation der faschistischen Wehrmacht; symbolisch und hiernach auch wesentlich in der Aufarbeitung an sich jedoch sehr viel weitreichender. Es kommt dabei nicht von ungefähr, dass nie ein wirkliches Interesse bekundet wurde, diesen Tag als Gedenk- bzw. Feiertag zu etablieren. In den Staaten, welche mehrheitlich von den deutschen Faschist*innen überfallen wurden, wie in Serbien, Russland, Georgien etc. ist der Tag als „Tag des Sieges“ ein essenzieller Bestandteil der nationalen Bestimmung. Interessant ist hierbei, dass dieser Tag als „Sieg“ verbucht wird, obgleich diese Staaten weitaus eher befreit wurden als Deutschland. Das offenbart eines: das diskrepante Verhältnis des postfaschistischen Deutschland zur eigenen Verantwortung. Als Sieg ist der Tag in der BRD freilich nicht zu deuten, doch die Niederlage mag man sich ebenfalls nicht eingestehen. Die Betonung auf die Befreiung dient hierbei als Kompromiss, die jedoch die Problematik nach sich zieht, dass die Gewalt, der Terror und die Aggression von eben jenem Staat kam, der sich der Befreiung anbiedert. Dieses schizophrene Verhalten zieht sich durch die ganze Geschichte der BRD, welche nicht nur die sogenannte Entnazifizierung sehr locker gehandhabte, ehemalige NSDAP-Mitglieder in hohe staatliche Stellen hievte und bis heute faschistische Organisationen duldet, sondern auch das faschistische Narrativ in neuem Gewand anwandte und fortsetzte, wie der Angriffskrieg auf Serbien und die bis heute andauernde Dämonisierung der DDR offenbart.

Der 8. Mai 1945 ist nicht als einzig zu deutender Tag zu werten. Unterschiedliche Perspektiven und Rollen, die sich an diesem Tag festmachen, erfordern unterschiedliche Herangehensweisen. In der BRD von der Befreiung zu sprechen wird diesem Datum jedoch nicht gerecht und ist historisch als auch politisch äußerst problematisch. Denn de facto hat der Niedergang der faschistischen Diktatur den Faschismus nicht überwunden. Der Schwur von Buchenwald postuliert eindeutig die Vernichtung des Nazismus, was in der Konsequenz jedoch den Niedergang des Kapitalismus beinhaltet, denn wer die Aufgabe wirklich und notwendigerweise annehmen möchte, den Faschismus unwiderruflich zu vernichten, kommt an der Forderung des sozialistischen Manifest Buchenwalds nicht herum: „Solange der Faschismus und Militarismus nicht restlos vernichtet sind, wird es keine Ruhe und keinen Frieden bei uns und in der Welt geben.“ In Angesichts des Erstarken (prä)faschistischer Kräfte, der Reinwaschung von mörderischen Taten der faschistischen Wehrmacht und dem Rufen nach rechtsautoritären Konstellationen gibt es an diesem Tag nichts zu feiern. Der 8. Mai ist eine Warnung und Mahnung zugleich, eine faschistische Diktatur jeglicher Couleur im Keim bereits zu ersticken, was nur dadurch gelingen wird, die Losungen der Gefangenen des KZ Buchenwalds mit allerhöchster Notwendig zu wahren: die barbarische Brut des Faschismus zu bekämpfen. Alsbald dieser Tag kommen wird, an dem sich die Menschheit in einer antifaschistischen und befreiten Welt findet, ist von Befreiung zu sprechen. Doch diese Befreiung vom Faschismus schließt die Befreiung von der eigenen Unterdrückung mit ein. Es gibt am 8. Mai 2020 nichts zu feiern, und doch muss er Gedenktag sein.

23:19 06.05.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Elisa Nowak

Freie Journalistin und Studentin der Philosophie.
Elisa Nowak

Kommentare 22