Allein und verwundbar

Quarantäne Vor dem Coronavirus sind alle gleich, heißt es. Doch das ist nicht wahr. Die sozialen Unterschiede schmerzen mehr denn je
Allein und verwundbar
Wer kann sich in Selbstquarantäne aufhalten – und wer nicht?

Foto: Martin Rose/Getty Images

Seit dem Ausbruch des Coronavirus in Deutschland ist viel die Rede von Solidarität. Dieser Begriff war „lange Zeit etwas für jene, die durch Unterdrückungs- und Ausgrenzungserfahrungen zusammengehalten werden“, erklärt der Soziologe Heinz Bude in der Zeit. Nun werde er gewissermaßen modernisiert: „Alle gemeinsam empfinden, wie verwundbar sie sind.“ Vor dem Virus sind alle gleich, das wird in diesen Tagen gerne behauptet. Nur: Das stimmt nicht. Manche sind verwundbarer als andere.

Immer schon waren Krankheit und Tod auch eine soziale Frage. Dauerhaft in Armut lebende Menschen sterben zehn Jahre früher, das haben Studien immer wieder gezeigt, zuletzt eine EU-Sozialstudie im vergangenen Jahr. Als Gründe sehen die Forscherinnen Existenzängste, gesundheitliche Belastungen am Arbeitsplatz, Ernährung und mangelnde gesundheitliche Aufklärung. Was für den Normalfall gilt, verschärft sich in der Krise – das ist schon jetzt an den unterschiedlichen Situationen der Erkrankten erkennbar, ebenso wie an den Personen, die sich in Quarantäne befinden.

Häusliche Gewalt

Da wäre als Erstes die Frage, wer sich jetzt in Selbstquarantäne aufhalten kann und wer nicht. Da ist zum Beispiel das Krankenhauspersonal, das sich täglich in Gefahr begibt, am Arbeitsplatz angesteckt zu werden, und das unterbezahlt wie eh und je ist (und übrigens zu mehr als 80 Prozent aus Frauen besteht). Dazu die Angestellten in den Supermärkten, die die Regale auffüllen und Kontakt zu Hunderten Menschen täglich haben – auch zu 70 Prozent Frauen. Ohne Homeoffice weiterarbeiten müssen aber auch Polizistinnen, Feuerwehrleute, Amazon-Beschäftigte, Lieferando-Fahrer, Handwerkerinnen, Arbeiter im Baugewerbe. Eine Studie in den USA zeigt, dass unter normalen Bedingungen in den oberen Einkommen mehr als 60 Prozent die Möglichkeit haben, im Homeoffice zu arbeiten. In den unteren Einkommen verfügen über diese Möglichkeit nur rund neun Prozent.

Doch auch von den landesweit erlassenen Ausgangsbeschränkungen werden die Menschen ganz unterschiedlich getroffen. Hier zeigt sich: So neu die Situation durch Corona auch ist, die Spaltungslinien der sozialen Ungleichheit bleiben die alten. Sie verlaufen entlang von Klasse, Geschlecht und Herkunft.

In einigen Flüchtlingsunterkünften ist die Quarantäne mit Zuständen verbunden, die an ein Gefängnis erinnern. Manche stehen bereits unter einer sogenannten Vollquarantäne. Das bedeutet, das gesamte Haus wurde wegen eines Corona-Falls abgeriegelt; niemand darf rein, niemand darf raus, niemand darf einkaufen, spazieren gehen. Das führt nicht selten zu Panik unter den Bewohnern. „Diese Maßnahmen wurden nicht immer gut kommuniziert“, erklärt Nora Brezger vom Berliner Flüchtlingsrat und verweist auf einen Vorfall im thüringischen Suhl. Dort kam es vergangene Woche zu Auseinandersetzungen, als die Quarantäne durchgesetzt wurde. Die Polizei rückte an, ohne dass sämtliche Bewohner in ihrer Sprache darüber informiert worden seien, was eigentlich gerade passierte und warum.

Auch in Berlin-Charlottenburg ist eine Unterkunft mit 150 Menschen komplett unter Quarantäne gestellt. „Die Bewohner wurden in ihren Zimmern isoliert, wo sie teils zu zweit wohnen, teils zu viert oder mit der ganzen Familie; ohne jede Möglichkeit, sich auch nur in einem anderen Zimmer aus dem Weg zu gehen“, berichtet Brezger. Die Flüchtlingsräte fordern schon lange die Auflösung der Massenunterkünfte und warnen vor gesundheitlichen Risiken, jetzt sei der „Worst Case“ eingetroffen. Sie fordern nun, die Massenunterkünfte aufzulösen und den Geflüchteten leer stehende Hotels und Ferienappartements zur Verfügung zu stellen. Brezger merkt zudem an, dass noch mehr ungeklärt sei: Wer ist für die gesundheitliche Versorgung in den Unterkünften zuständig, ist es der Amtsarzt? Woher bekommen jene Geflüchteten, die kein Bankkonto haben, nun ihr Bargeld? In den meisten Unterkünften gebe es zudem kein Internet. Viele hätten nur günstige Handyverträge mit begrenztem Datenvolumen. So sei es nicht einmal möglich, die eingesperrten Kinder eine Netflix-Serie schauen zu lassen, geschweige denn selbst mit Verwandten Videokontakt zu halten oder sich abzulenken.

Das Bild einer halbwegs glücklichen, zu Hause arbeitenden und lernenden Familie in Quarantäne trifft aber auch auf viele andere Haushalte nicht zu. Frauenhäuser warnen vor einem Anstieg häuslicher Gewalt: „Frauen können ihrem gewalttätigen Partner nicht mehr aus dem Weg gehen, die Anspannung steigt durch die Situation zu Hause“, sagt Sylvia Haller von der Zentralen Informationsstelle Autonomer Frauenhäuser (ZIF), die in Deutschland 100 der 350 Häuser vertritt. Es gäbe keinerlei Kapazitäten, die erwartete Zunahme der Schutzsuchenden aufzufangen. Frauenhäuser arbeiteten seit Jahren schon an der Kapazitätsgrenze. Laut Istanbul-Konvention müssten in Deutschland 21.000 Betten für schutzsuchende Frauen angeboten werden; es gibt jedoch nur 7.000 Betten. Ablehnungen seien an der Tagesordnung. In der Corona-Krise sei die Konsequenz, dass noch mehr Frauen ihrer gefährlichen häuslichen Situation nicht entkommen könnten. Obwohl Gewalt an Frauen ohne Unterschied in sämtlichen Milieus vorkommt, trifft die ökonomische Krise sie unterschiedlich hart. Finanzielle Ängste erschweren Frauen den Schritt zur Trennung, von Gewalt Betroffene ohne finanzstarkes (Familien-)Netzwerk haben keine Chance, der Situation zu entkommen.

Die Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen würden es Frauen, die Opfer von häuslicher Gewalt sind, zudem erschweren, Hilfe zu suchen. Häufig würden sich die Frauen als Erstes an Personen aus dem Umfeld ihrer Kinder wenden: an Lehrerinnen oder Erzieher. Diese Kontakte fielen nun weg. An die Hilfstelefone wenden sich die Betroffenen zudem meistens nur dann, wenn der gewalttätige Partner aus dem Haus ist, etwa auf Arbeit. „Jetzt gibt es für solch einen schwierigen Anruf keine Rückzugsmöglichkeit mehr.“

Laut ZIF ist noch kein Corona-Fall in einem Frauenhaus bekannt. Ähnlich wie in Unterkünften für Geflüchtete wäre auch hier eine Quarantäne mit großen Problemen verbunden: Leer stehende Flure kann sich kaum ein Frauenhaus leisten. Es werden daher Vorkehrungen getroffen, eine Quarantäne für erkrankte Frauen zunächst in ihrem Zimmer zu gewährleisten. Auch hier bedeutet Quarantäne also: alleine in einem Raum eingeschlossen sein, für viele Tage. Die Auswirkungen des Virus auf die Arbeit im Frauenhaus sei bereits jetzt spürbar, berichtet Haller. Normalerweise würden die Häuser Frauen mit dem Auto zum Beispiel am Bahnhof abholen. „Das tun wir jetzt nicht mehr, aus Schutz vor Ansteckung. Wir versuchen mit der örtlichen Polizei zu kooperieren, das klappt unterschiedlich gut.“ Viele ehrenamtliche Helferinnen wurden nach Hause geschickt, weil sie einer Risikogruppe angehören. Das gilt auch für die Bahnhofsmissionen.

Schimmelnde Zimmer

Doch nicht nur für Geflüchtete oder Opfer von häuslicher Gewalt wird die schwierige Situation durch das Coronavirus noch zusätzlich verschärft. Viele Maßnahmen zur Abfederung der kommenden Wirtschaftskrise wurden in den letzten Tagen deshalb bereits getroffen: Die Jobcenter setzen die Vermögensprüfung bei Hartz IV für ein halbes Jahr aus; wer durch das Coronavirus nachweislich Einkommensausfälle und dadurch Mietschulden hat, darf deshalb nicht seine Wohnung verlieren, Kündigungen sind bis zum Juni auszusetzen; es gibt Kurzarbeit, Solo-Selbstständige erhalten Direkthilfen vom Staat. Es ist abzusehen, dass die Krise damit nur verschoben wird.

Aber schon jetzt spielt die ökonomische Situation der Menschen eine Rolle: Wie sieht das Zuhause eigentlich aus, in das man nun mehr oder weniger eingesperrt ist? Mieterberatungen berichten von Menschen, die seit Wochen versuchen, den Vermieter zur Beseitigung von Mängeln wie starkem Schimmelbefall zu bewegen; sie sitzen nun im Schimmel fest.

Die Journalisten Heike Buchter beschrieb neulich in einem Artikel in der Zeit, wie die Selbstquarantäne bei den Wohlhabenden und Reichen in New York, das in den USA besonders stark von dem Virus betroffen ist, aussieht: Man zieht sich in die Villen in den idyllischen Hamptons am Atlantik zurück und macht sich vor allem Sorgen darüber, wie man seine (mehrheitlich migrantische) Kinderbetreuung möglichst virusfrei dort hinbekommt.

Wer es sich leisten kann, verzieht sich auch in Deutschland aus der Stadt in sein Landhaus und richtet sich dort zwischen Wiesen und Wäldern in seinem Homeoffice ein. Oder: auf der Dachterrasse eines Fünf-Zimmer-Appartements in Hamburg-Eppendorf, im schicken Frankfurter Westend oder in Berlin-Mitte. In der FAZ kamen kürzlich Menschen zu Wort, die sich dadurch verunsichert fühlen, dass sie nicht mehr 10.000 Euro auf einmal abheben können. Und das sind nur die Ungleichheiten innerhalb Deutschlands. Hilfsorganisationen warnen vor einer humanitären Katastrophe durch Corona im Globalen Süden. Die Ungleichheit grassiert mit dem Virus.

Die „kollektive Empfindung“, sagt Heinz Bude, „beschränkt sich eben nicht auf spezifische Gruppen.“ Da ist aber, trotz aller dieser Unterschiedlichkeiten, dennoch etwas dran. Denn wer einmal auf der Intensivstation liegt, hat zumindest innerhalb von Deutschland kaum mehr ein Geschlecht, eine Herkunft, eine Klasse. „Daraus ergibt sich zumindest ein Gefühl wechselseitiger Sorge und Verantwortung“, so Bude. „Das ist etwas, was uns längerfristig befassen wird.“ Wenn er recht hat, könnte man ja mal anfangen, diese Verantwortung ernst zu nehmen, nicht nur im Schutz vor Corona. Man könnte einschreiten, wenn man die Schläge aus der Nachbarwohnung hört. Oder die kräftezehrende Arbeit der unterbezahlten Pflegerin sieht. Oder die Alleinerziehende in der schimmelnden Wohnung. Einschreiten, nicht nur als Nachbarinnen. Sondern als Gesellschaft.

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06:00 29.03.2020

Ausgabe 44/2020

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