Jetzt erst spürt Seehofer den rechten Terror

Identifikation Seit dem Mordfall an Walter Lübcke habe Rechtsterrorismus eine „neue Qualität“ erreicht. Für viele hat er sich nie verändert
Ausgabe 26/2019
Wäre Seehofer mit seinen Verurteilungen auch so drastisch gewesen, wenn jemand ermordet worden wäre, der im unähnlich ist?
Wäre Seehofer mit seinen Verurteilungen auch so drastisch gewesen, wenn jemand ermordet worden wäre, der im unähnlich ist?

Foto: John MacDougall/AFP/Getty Images

Ich glaube, wenn Männer überlegen, ob sie mit Rechten reden wollen, stellen sie sich das ungefähr so vor: Sie gehen in diese Eckkneipe, setzen sich an den Tresen, bestellen sich ein Bier, beginnen ein Gespräch über Fußball oder über Siemens, und beim vierten Bier redet man vorsichtig über die AfD. Vielleicht wird es ein netter Abend. Vielleicht lacht man und klopft sich auf die Schultern. Trotz alledem.

Kürzlich ging ich in eine Brauerei voller Rechter. 500 AfD-Unterstützer waren da, Wahlkampfabschluss in Görlitz. Ich betrat den Saal, 500 Männer schauten mich an und fragten sich, was ich da treibe. Ich trug enge schwarze Jeans, ein blaues Hemd, runde Brille. Ich lächelte, begann ein Gespräch über den Sommerabend, gab meinen Stuhl an einen Älteren ab. Nach weniger als einer Stunde verbalisierten sich die feindseligen Blicke: „Zeit, dass du gehst.“

Wenn Rechte mit mir geredet haben in den letzten Jahren, haben sie mir Nachrichten geschrieben. Sie haben mir Gebärmutterhalskrebs gewünscht, ausgelöst durch Vergewaltigung durch einen Muslim. Das ist noch harmlos. Meine ehemalige Kollegin Thembi Wolf berichtet im Spiegel, wie Rechte so mit ihr reden: Einer will sie zu „Negermehl“ verarbeiten, ein anderer im Periodenblut ihrer Mutter ersäufen.

„Mit Rechten reden“, da fehlt das Subjekt: Wer kann mit Rechten reden? Als Feministin werde ich von Rechten nicht als Gesprächspartnerin akzeptiert. Noch weniger gilt das für People of Color, Homosexuelle, Migrantinnen. Was für einen weißen heterosexuellen Mann eine intellektuell anregende Diskussion mit Andersdenkenden sein mag, ist für andere eine Gefahr. Ihnen sprechen Rechte das Rederecht ab. Oder das Recht auf Unversehrtheit. Oder, der NSU mahnt: das Recht auf Leben.

13 Jahre nach der rechtsradikalen Mordserie an zehn Menschen wurde nun Walter Lübcke (CDU) ermordet. „Der Rechtsterrorismus“, sagt Innenminister Horst Seehofer, habe damit „eine neue Qualität erreicht.“ Worin besteht diese neue Qualität? Warum scheint Seehofer die Bedrohung erst jetzt zu fühlen? Judith Butler hat einmal den Begriff der „Betrauerbarkeit“ (grievability) von Leben eingeführt. „Ohne Betrauerbarkeit ist da kein Leben“, schreibt sie, oder: „Da ist ein Leben, das niemals gelebt worden sein wird.“ Nie gelebt; nie bedroht; nie ermordet. Betrauerbarkeit entsteht, wenn es ein Verständnis gibt für dieses Leben. Sie ist abhängig von Identifikation. Und Identifikation ist abhängig von sozialer Ähnlichkeit. Geschlecht. Und Herkunft. Und: vom Zuhören.

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Geschrieben von

Elsa Koester

Stellvertretende Chefredakteurin, verantwortlich für Online

Elsa Koester wuchs als Tochter einer Pied-Noir-Französin aus Tunesien und eines friesischen Deutschen in Wilhelmshaven auf. In Berlin studierte sie Neuere deutsche Literatur, Soziologie und Politikwissenschaft. Nach einigen Jahren als selbstständige Social-Media-Redakteurin absolvierte sie ihr Volontariat bei der Tageszeitung neues deutschland. Seit 2018 ist sie Redakteurin für Politik beim Freitag. Zudem ist sie als Schriftstellerin tätig: Ihr Romandebüt „Couscous mit Zimt“ erschien 2020, der zweite Roman „Im Land der Wölfe“ erscheint im August 2024. Nachdem sie ab 2020 für Wochenthema und Titelseite des Freitag zuständig war, ist sie seit Mai 2024 stellvertretende Chefredakteurin und verantwortlich für die Online-Ausgabe.

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