Der Neid der ganzen Welt

Arm und Reich Was Kongressabgeordneter Darrell Issa über die arme Bevölkerung in den USA sagt, ist ein Symptom des Klassenkampfes, der in den falschen Arenen geführt wird
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Der Neid der ganzen Welt

Foto: Spencer Platt/Getty Images

There's class warfare, all right, but it's my class, the rich class, that's making war, and we're winning. (Warren Buffet)

Dieses Zitat einer der reichsten Männer dieser Welt ist mittlerweile weitläufig bekannt. Dass er in einem anderen Zusammenhang diesen Satz ähnlich wiederholte und anfügte „but we shouldn't“ ist weniger bekannt, spielt aber auch kaum eine Rolle. Die Aussage an sich ist brutal ehrlich und wahrheitsgemäß. Dass weltweit die Vermögen der superreichen 1% immer steiler nach oben gehen während Mittelstand und Prekariat stagnieren ist keine Verschwörungstheorie und es liegt auch nicht daran – wie manche Politiker und Wirtschaftsbosse gerne nahelegen wollen – dass diese Superreichen sich eben mehr angestrengt hätten und deswegen zu dem geworden sind was sie sind. Es liegt am System – so sehr dieser Satz stets belächelt wird.

Nun hat in den USA der mit ca 450 Mio US-Dollar Vermögen reichste Kongressabgeordnete Darrell Issa aus Kalifornien eine Aussage getroffen, die die Frage aufwirft, ob diese Menschen einfach nur extreme Scheuklappen tragen und wirklich keinen blassen Schimmer davon haben, wie die Welt außerhalb ihrer Milliardenblase aussieht, oder ob es ihnen einfach schon egal ist ob sie verachtet werden, weil sie ja ohnehin unantastbar und too big to fail sind: Die ganze Welt beneidet die USA um deren arme Bevölkerung.

America’s the richest country on Earth because we’ve been able to put capital together and we’ve been able to make our poor somewhat the envy of the world. (Darrell Issa)

Als Guido Westerwelle 2010 sich mit den Bemerkungen zur „spätrömischen Dekadenz“ auf den langsamen Weg ins politische Aus begab, sprach ein ähnlicher Geist aus seinen Aussagen zum deutschen Sozialstaat wie aus Issas Aussagen zur armen Bevölkerung: Ist doch alles prima da unten. Während Westerwelle jedoch den schärferen, ja verächtlicheren Duktus wählte, brachte der republikanische Kongressabgeordnete – wenn auch womöglich nur beiläufig – den Neid ins Spiel. Und der ist ein ganz besonderes Biest. Der Neid blockiert einerseits die rationale Auseinandersetzung mit Ungerechtigkeiten, andererseits richtet er sich meist nicht gegen diejenigen die völlig jenseits der eigenen Vermögensschwelle sind, er richtet sich gegen diejenigen die nur ein bisschen mehr haben oder haben wollen als man selbst.

Der bereits „ewige“ Streik der GdL ruft starke Emotionen in der Bevölkerung vor, was auch verständlich ist, da viele Menschen direkt betroffen sind. Nicht nur kommen viele nicht pünktlich zur Arbeit, auf dem Land kommen auch manche Schüler nicht rechtzeitig in der Schule an und wenn sie zu spät zu einer Prüfung kommen, die für das Abitur oder dergleichen relevant ist, dann wirkt sich das ganz massiv auf ihre Zukunft aus. Das sind aber vermutlich eher Einzelfälle. Was sich jedoch in den Kneipendiskussionen und Onlinedebatten abzeichnet, ist eher eine Neidsituation: Die geforderten Löhne für Lokführer und andere Bahnangestellte lässt das Blut kochen, da es mehr ist als viele Menschen hier in Deutschland verdienen. Es ist bei weitem nicht viel mehr und natürlich ist es ein Drama wie wenig das Pflege- und Erziehungspersonal in Deutschland verdient im Jahr 2014. Und doch ist der Gedanke „Wir bekommen nicht mehr, also sollen die auch nicht mehr bekommen“ fatal und dabei ganz im Sinne des kriegsführenden „milliardärisch-industriellen Komplexes“: Die Mittelschicht bekämpft sich gegenseitig und verliert dadurch den größeren Kontext aus den Augen in dem die realen Lohn- und Lebenssituationen angesiedelt sind. Nicht nur spielt es den Superreichen in die Karten, es wird vermutlich auch von ihnen gesteuert. Und es ist nicht nur die Mittelschicht, die sich gegenseitig bekämpft in einer sinnlosen Neidverknotung. Die Flüchtlingswelle, zunächst aus Rumänien und Bulgarien und jetzt aus Syrien und der gesamten arabischen Feuersbrunst, ruft diejenigen auf den Plan, die Angst haben dass ihre prekären Arbeitsplätze oder 1-Euro-Jobs nun auch noch an „Ausländer“ gehen, dass den Flüchtlingen Geld in den Rachen gesteckt würde, das bei ihnen selbst nicht ankäme.

Und man kann es den Menschen nicht einmal unbedingt übelnehmen, dass sie einen größeren Hass für diejenigen entwickeln, die nur eine Sprosse weiter oben auf der Leiter sind als für diejenigen die schon so weit hochgeklettert sind, dass sie kaum noch zu erkennen sind. Aber die hoch oben auf der Leiter haben kleine Almosen in der Hand, die sie ab und zu herunterrieseln lassen und schon beginnt auf einer weit tieferen Ebene ein Gerangel um die Almosen, als würde man viel zu wenig Futter in ein Raubtiergehege werfen, und es wird sich gegenseitig zerfleischt anstatt der Realität des zutiefst ungerechten Systems ins Auge zu blicken und zu versuchen, dieser Realität mit Widerstand und aufrecht zu begegnen. Und das kann gelingen wenn wir es schaffen, unsere Neidneigung früh zu erkennen und bewusst kognitiv entgegenzuwirken. Dann können wir vielleicht sogar wieder über ein Wort reden, das in den letzten Jahrzehnten stark an Bedeutung und an Realitätsbezug verloren hat: Solidarität.

15:51 14.05.2015
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Geschrieben von

Ernstchen

Wortbürger. Musikmann. Mitmensch.
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