Bester fremdsprachiger Film besticht mit verschiedenen Sprachen und vielschichtigem Plot

Kino War bei der diesjährigen Oscar-Verleihung manches unbefriedigend, so erhielt den Preis für den besten fremdsprachigen Film der richtige Kandidat
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Der Regisseur Ryusuke Hamaguchi bei der diesjährigen Verleihung der Oscars
Der Regisseur Ryusuke Hamaguchi bei der diesjährigen Verleihung der Oscars

Foto: Al Seib/A.M.P.A.S. via Getty Images

Die diesjährige Oscar-Verleihung war kein besonders ermutigendes Signal des Aufbruchs für die Kino-Branche oder der Rückkehr einer prä-pandemischen Kino-Realität. Bester Film wurde einer, für den Apple+ die weltweiten Vertriebsrechte innehat. Dass vor allem eine Ohrfeige in das kulturelle Gedächtnis eingehen wird, spricht Bände. Will Smiths Kontrollverlust als Reaktion auf einen unterirdischen Witz des Moderators Chris Rock hat freilich die perfekte Szene abgegeben um als Titelbild oder als Meme herzuhalten und war in seiner Weise dann doch wieder filmreif. Aufregenderes hatte die Veranstaltung kaum zu bieten. Der diesjährige Auslands-Oscar ging derweil an einen bereits im Vorfeld als Favoriten gehandelten Streifen. Hamaguchi Ryosukes Drive My Car wurde zuvor bereits mit anderen Preisen bedacht, unter anderem dem Preis für das beste Drehbuch der Internationalen Filmfestspiele Cannes. Im Kontrast zu der Zeremonie auf der der Preis der Academy of Motion Picture Arts and Sciences folgte, kann er unverhohlen als eine Feier der Kultur bezeichnet werden. Es ist ein vielschichtiger Film, der vor allem im Kino gut funktioniert.

Grob gesagt, geht es darin um den von Nishijima Hidetoshi gespielten Schauspieler Kafuku Yūsuke und dessen Zusammentreffen mit der von Miura Toko gespielten Fahrerin Watari Misaki, nachdem seine Frau Kafuku Oto zwei Jahre zuvor verstorben war, während die Fahrerin selbst einen Verlust zu bearbeiten hat.

Die Grundkonzeption ist keineswegs ungewöhnlich für Murakami Haruki, auf dessen Kurzgeschichte der Film basiert. Hieran lässt sich denn auch eine grundlegende Kritik anlegen. Auch hier gibt es die Frauenfigur, auf die die japanische Autorin Kawakami Mieko einmal Murakami Haruki in einem Gespräch direkt angesprochen hat, die dem Protagonisten „geopfert“. Die Fahrerin schließlich kann als eine der typischen Frauenfiguren Murakamis verstanden werden, die den männlichen Protagonisten auf irgendeine Art und Weise retten.

Auch andere Elemente aus Murakamis Erzählwelten kommen einem durchaus bekannt vor, wie etwa die Bezüge zu (westlicher) Kultur und im Kontext eines besonderen Aspekts der Beziehung zwischen Kafuku Yūsuke und seiner Frau Oto magischer Realismus, der zuweilen ins Fantastische übergeht.

Dieser magische Realismus und eine gewisse Melancholie mögen Anhaltspunkte dafür sein, warum immer wieder Verfilmungen von Murakamis Werken gelingen. Man denke an Naokos Lächeln (2010) des Regissuers Trần Anh Hùng oder Burning (2018) von Lee Chang-dong.

Ähnlich wie bei jenen Filmen, entfaltet sich in Drive My Car ein spannungsvolles Beziehungsgeflecht. In letzterem Film bekommt es der Schauspieler Kafuku Yūsuke schließlich bei einem Theaterprojekt in Hiroshima mit einem vormaligen Liebhaber seiner Frau zu tun, den er bereits als solchen kennt.

Jener Liebhaber ist der Schauspieler Katatsuki Kōji, gespielt von Okada Masaki. Er ist einer derjenigen, die bei einem internationalen Theaterprojekt als Schauspieler ausgewählt wird, neben weiteren Darstellerinnen und Darstellern, die zum Teil in unterschiedlichen Sprachen auftreten, inklusive koreanischer Gehörlosensprache. Zu dem zuweilen aufbrausenden aber auch gut aussehenden Katatsuki, der auf Grund eines Skandals seine vorherige Agentur verlassen hatte, tritt die ebenfalls junge aufstrebende von Sonia Yuan gespielte Janis Chang, die sich beide seit Beginn des Castings an anziehen. Ein weiterer herausragender Charakter ist die Koreanerin Lee Yu-Na, gespielt von Park Yu-Rim. Sie war zuvor Tänzerin und verwendet beim Theaterspiel als Gehörlose eben Gehörlosensprache. Es gibt ein Geheimnis um sie, das im Laufe des Films enthüllt wird.

Während sich also Kafuku Yūsuke in Hiroshima als Leiter des Projekts aufhält, wird ihm eine Fahrerin zugewiesen. Bevor der Film in seiner langsamen – aber nicht langatmigen – Erzählgeschwindigkeit zu diesem Punkt gelangt, gibt es schon verschiedentlich Szenen, in denen ein weiterer Star des Films eine wichtige Rolle spielt, nämlich der Saab, der Kafuku Yūsuku gehört, ein Modell mit einem gewissen Retro-Flair. Eines Tages hatte er einen Unfall mit jenem Auto. Bei einer Untersuchung wird bei ihm eine Augen-Erkrankung festgestellt – er besteht aber weiterhin darauf, selbst zu fahren. So ist es ihm auch nicht recht, von der Fahrerin zu hören und stimmt nur widerwillig einer Probefahrt zu. Schließlich ist er aber von jener Fahrerin, die das Fahren schon von Jugend auf gelernt hatte, angetan und während der Fahrten mit ihr entsteht eine tiefere Bindung. Beide entdecken die dunklen Geheimnisse des und der anderen. Die Fahrerin Watari Misaki lebt nicht nur auch mit einem Verlust – sie ist zufällig genauso alt wie die verstorbene Tochter der Kafukus. Das dürfte auch zur Vertrautheit beitragen, die im Auto entsteht.

Der Film mit seinen drei Stunden Länge handelt von Beziehungen, von den angesprochenen Verlusten, dem Unglück und dem Glück des Lebens und nicht zuletzt dem Theater. Bei dem Theaterprojekt üben die Darstellerinnen und Darsteller unter Kafuku Yūsukes Leitung Anton Tschechows Tragikomödie Onkel Wanja ein.

Im Auto spricht Kafuku Yūsuku selbst immer wieder den Text im Dialog mit seiner verstorbenen Frau, deren Stimme von einer Kassette aus zu hören ist.

Text und Leben werden dabei immer wieder in Beziehung gesetzt. Das schließlich erscheint im Film als eine Kraft des Theaters, dass der Stoff Einzelnen so nahe gehen kann, weil er die großen Lebensthemen behandelt. Eine weitere Kraft ist die der Verständigung. Schließlich geht es bei dem Erproben des Stücks auch darum, dass ab einem bestimmten Punkt etwas passiert und etwas rüber kommt, die Darstellerinnen und Darsteller mit dem Text und dem Publikum gleichermaßen kommunizieren. Die Kommunikation ist in dem Film sodann eine wundersame babylonische Sprachverwirrung, bei der neben Japanisch, Koreanisch, südkoreanische Gehörlosensprache, Mandarin und Tagalog aufeinander treffen. Bei der Aufführung gibt es schließlich Untertitel, bzw. Übertitel. Dass auch Koreanerinnen und Koreaner und dazu die koreanische Sprache ganz selbstverständlich in dem Film einen wichtigen Raum einnehmen, ist wohltuend angesichts der großen anhaltenden diplomatischen Spannungen zwischen Japan und Südkorea, wie auch Nordkorea und der Diskriminierung in Japan lebender Koreanerinnen und Koreanern, die immer wieder bei einer Zunahme der Spannungen ebenso zunimmt. Die verschiedenen Sprachen finden im Theaterspiel zusammen, da Sie eines eint, das gemeinsame Stück.

Kafuku Yūsuke hat großen Respekt vor dem Stück Onkel Wanya und obwohl er selbst darin mitgewirkt hatte, möchte er dieses Mal darauf verzichten, selbst mitzuspielen. Ihm ist es wichtig, dass etwas zwischen Darstellerinnen und Darstellern passiert, so wie es bei einer Außenprobe zwischen Lee Yoo-Na und Janice Chan geschieht. Katatsuki Kōji, der sich einige Male mit Kafuku außerhalb der Proben unterhält – meist über Kafuku Oto – kann zunächst nicht begreifen, wie dies zustande kommt und zweifelt daran, dass er selbst dazu in er Lage ist. Es gibt dann noch einen Moment, wo diese Zweifel aufgehoben werden, doch hält sein Glück nicht lange.

Dieser Film, bei dem menschliche Schicksale und Theater so eng verwoben sind, besticht zudem durch einen sparsam aber gewissermaßen punktgenauen Soundtrack und durch einen gewissen Retro-Charme, für den das Auto nur ein Beispiel darstellt. Es werden Platten aufgelegt, Smartphones zwar benutzt, aber nicht exzessiv, klassisches Theater wird geprobt. Das alles hat etwas zeitloses, jener Retro-Charme wirkt nicht aufgesetzt. Zwischendurch gibt es Landschaftsszenen – vor allem von urbanen Landschaften, die etwas Verträumtes haben.

Laut Associated Press war Ryusuke Hamaguchi überrascht über den Oscar für seinen Film. Drive My Car ist sicher kein spektakulärer Blockbuster und bei einer Auflistung der besten 12 asiatischen Filme von James Marsh für die South China Morning Post landete Drive My Car hinter Ryusukes Wheel of Fortune and Fantasy. Bei allem, was man sonst über die diesjährigen Oscars sagen kann - eine schlechte Wahl ist Drive My Car für den besten ausländischen Film jedoch nicht. Lässt dieser Film Zuschauerinnen und Zuschauer auch nachdenklich zurück, so frage ich mich nach dem Schauen, worauf ich nun mehr Lust hätte – ein Theaterbesuch oder einen Roadtrip – oder einfach noch mehr von diesen vereinnahmenden Kinomomenten.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Ferdinand Liefert

Dipl.-Theologe (Studium in Greifswald / Marburg / Interreligiöses Studienprogramm in Kyoto ).
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