Die dunkle Seite des American Dream

Film Barry Jenkins schreckt in seiner Verfilmung von „The Underground Railroad“ nicht vor Gewaltszenen zurück

Vor dem Bürgerkrieg gab es in den USA ein geheimes Schleusernetzwerk von Routen und Unterschlüpfen, die versklavte Schwarze nutzten, um aus den Südstaaten Richtung Norden in die Freiheit zu fliehen. Dieses Hunderte Meilen lange Gewebe aus Verbindungen und Helferzellen wurde „Underground Railroad“ genannt und rettete Tausenden das Leben. Der afroamerikanische Schriftsteller Colson Whitehead nahm die Metapher einer „unterirdischen Eisenbahn“ beim Wort und schuf mit seinem gleichnamigen Roman eine zwar lose auf überlieferten Erfahrungen von Sklaven basierende, aber mit fiktiven und fantastischen Elementen weitergesponnene Alternativhistorie. Darin flieht eine junge Sklavin von einer Baumwollplantage in Georgia und stößt auf ein Tunnelsystem, das sie auf ihrem langen Weg in die Freiheit in mehr oder weniger fiktive Welten bringt, die sich als Albtraumszenarien entpuppen und das reale Kollektivtrauma der schwarzen Bevölkerung Amerikas in eindrückliche, verstörende Bilder fassen.

Whiteheads 2016 erschienener Roman The Underground Railroad traf einen Nerv und wurde mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet. Etwa zur selben Zeit erzählte der Filmemacher Barry Jenkins in Moonlight vom schwierigen Erwachsenwerden eines schwulen Afroamerikaners, wofür er bei den Oscars 2017 als bester Film geehrt wurde. Jenkins hatte bereits davor Kontakt zu Whitehead aufgenommen, um über eine Adaption des Romans zu sprechen. Seine einzige Bedingung: Er wolle nicht alles in zwei Stunden stopfen, es brauche den langen Atem einer Serie, um dem Roman und den darin verhandelten Themen gerecht zu werden.

Von der Verbindung dieser beiden wichtigen Stimmen zeitgenössischer afroamerikanischer Kultur erhofften sich nicht wenige einen diskursbefeuernden Meilenstein. Fünf Jahre später startet The Underground Railroad nun auf Amazon und hat tatsächlich das Zeug, die hochgesteckten Erwartungen zu erfüllen. Thuso Mbedu spielt Cora, die Sklavin auf einer Baumwollplantage in Georgia, die sich von Caesar (Aaron Pierre) dazu überreden lässt, mit ihm gemeinsam zu fliehen. Als sie bei der Hütte eines weißen Schleusers ankommen, führt er sie durch eine Bodenluke in ein Tunnelsystem unter Tage. „Wer hat all das gebaut?“, fragt Caesar, als er die Zuggleise sieht. „Wer baut irgendetwas in diesem Land?“, bekommt er zur Antwort. In diesem Satz steckt bereits viel von der Ausbeutung, der Wut und dem Stolz, aus dem die Serie ihre Wucht schöpft.

Bogen zu „Black Lives Matter“

Unterteilt in zehn Kapitel, gleichsam Stationen auf dem Weg in die Freiheit, von Georgia nach South Carolina, wo vermeintlich progressive Weiße mit Eugenik-Experimenten an ehemaligen Sklaven in Wahrheit die schwarze Bevölkerung ausrotten wollen, zu einem naziähnlichen Regime in North Carolina, blättert die Serie eine Alternativgeschichte auf, die erschreckend plausibel erscheint. Episch, detailreich und mit großem Ernst findet sie eindrückliche Bilder für den magischen Realismus der Vorlage. Mit dem Mythos liefert Jenkins auch gleich dessen Entzauberung: Er scheut wie schon die Vorlage auch vor drastischer Darstellung von Gewalt nicht zurück. Gleich in der ersten Folge etwa wird ein Mann, der auf der Flucht von dem Sklavenjäger Ridgeway (Joel Edgerton) gefasst wurde, in einem Schauprozess ausgepeitscht und lebendig verbrannt. Jenkins zeigt den Genozid im eigenen Land und inszeniert den American Dream als Albtraum, die dunkle Kehrseite des nationalen Mythos von Freiheit und Pioniergeist.

Die Serie handelt vom Schmerz und Trauma der afroamerikanischen Bevölkerung, aber auch von deren Widerstand und Überlebenswillen. The Underground Railroad ist ein genuin aus schwarzem Bewusstsein entstandenes Opus, dessen Wirkung bereits im Vorfeld mit der Serie Roots von 1977 verglichen wird, durch die sich erstmals eine breite Öffentlichkeit über alle Bevölkerungsgruppen hinweg mit der Sklaverei auseinandersetzte. Jenkins geht weiter, er beschwört, fast einem Exorzismus gleich, den tief verankerten, strukturellen Rassismus der USA und die Verantwortung der privilegierten Weißen, die jahrzehntelang von Ausbeutung und Diskriminierung profitierten und bis auf wenige Ausnahmen dieses Unrecht nicht bloß stillschweigend tolerierten, sondern aktiv daran mitwirkten.

Und er schlägt den Bogen zur Gegenwart, zu den Polizeimorden an Schwarzen und der Black-Lives-Matter-Bewegung. Der Bezug wird nicht zuletzt am Ende jeder Episode betont, wenn der zwischen Naturgeräuschen und Streichern oszillierende Score von Jenkins’ langjährigem Komponisten Nicholas Britell verstummt und jeweils ein vielsagender Hip-Hop-Track von Pharcyde, Outkast oder Donald Glover ertönt. The Underground Railroad mag von vergangenen und imaginierten Zeiten ausgehen, kommt aber ganz im Heute an.

The Underground Railroad Barry Jenkins USA 2021, 10 Folgen, Amazon Prime Video

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 14.05.2021
Geschrieben von

Thomas Abeltshauser

Freier Autor und Filmjournalist
Thomas Abeltshauser

Ausgabe 25/2021

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