„Die Rumba-Therapie“: Von Tanz, Balance und dem Charme des Aus-der-Zeit-Gefallenen

Kino Schauspieler und Komiker Franck Dubosc belässt in „Die Rumba-Therapie“ auch unzeitgemäßen Biografien ihre Würde: Neben seiner Arbeit als Regisseur verkörpert er den Protagonisten Tony – ein aus der Zeit gefallener Junggeselle – mit Hingabe
Ausgabe 25/2023
Der perfekte Hüftschwung: Tony (Franck Dubosc) übt mit Nachbarin Fanny (Marie-Philoméne Nga)
Der perfekte Hüftschwung: Tony (Franck Dubosc) übt mit Nachbarin Fanny (Marie-Philoméne Nga)

Foto: Neue Visionen Filmverleih

Der Gesellschaftstanz, der neuen Schwung in das Leben von einsamen Mittfünfzigern bringt, hat eine eher kleine Tradition im französischen Kino. Dabei ist er als Komödiensujet unverwüstlich. Er gibt den Takt mit unerbittlicher Munterkeit vor; erst recht in den lateinamerikanischen Disziplinen.

Der Tanz, bei dem die Partner sich näherkommen sollen, ist hierbei gleichermaßen kinetische Attraktion wie Mittel zum Zweck. Es gilt, mit den Schritten auch die Gefühle zu lernen, die sie ausdrücken. Meist dient er der erotischen Anbahnung, aber in Franck Duboscs Film erweitert sich sein Aufgabenbereich. Romantisch ist seine Komödie gleichwohl: im Sinne des Entdeckens von Möglichkeiten. Auch sie handelt von der Anbahnung einer Beziehung und folgt ehern den Genrekonventionen, gibt ihnen aber einen originellen Dreh. Dem tänzerischen Streben nach Daseinsfreude zieht sie einen wehmütigen Boden von Buße und Erkenntnis ein.

Eingebetteter Medieninhalt

Der Schulbusfahrer Tony (Dubosc) wohnt dem eigenen Leben nur mehr bei. Seinen Traum von Amerika hat er verpasst: Für tiefe Bindungen gibt es in seinem Alltag keinen Platz, wenngleich sein Kollege Gilles (Jean-Pierre Darroussin) keinen Zweifel an ihrer Freundschaft hegt. Das triste Einerlei findet ein jähes Ende, als Tony einen Herzinfarkt erleidet. Der Kardiologe, den Michel Houellebecq als vergnügten Fatalisten ("Sie rauchen? Dann sehen wir uns ja bald wieder") spielt, verordnet ihm mehr Bewegung, was Duboscs Drehbuch auch als ein psychologisches Mandat begreift.

In seinen Bühnenshows, in der an französischen Kinokassen ungemein zugkräftigen Camping-Serie sowie in seinem Regiedebüt Liebe bringt alles ins Rollen hat der Komiker Franck Dubosc die Figur des in die Jahre gekommenen Machos stetig weiterentwickelt. Inzwischen ist mit dessen Lernfähigkeit zu rechnen. Tony entdeckt, dass er viel wieder gutzumachen hat. Er sucht eine inzwischen verheiratete Freundin auf, die er vor der Geburt ihres gemeinsamen Kindes verließ. Zum Abschied gibt sie ihm die Auskunft mit auf den Weg, dass ihre Tochter in einer Tanzschule in Paris arbeitet. Maria (Louna Espinosa) stellt hohe Ansprüche an die Kandidaten, die sie zu ihrem Rumba-Kurs zulässt. Sie besitzt Autorität.

Ein Hochstapler aus Scham

Da Tony vermutet, seine Nachbarin Fanny (Marie-Philomène Nga) müsste als Kongolesin Rumba beherrschen, übt er erste Schritte mit ihr. Die Tanzlehrerin nimmt ihn tatsächlich unter ihre Fittiche; zweifellos rührt es sie, dass ihr merkwürdiger Schüler sich partout nicht entmutigen lässt. Die Zeit der Schwebe, in der es Tony immer wieder an Mut gebricht, ihr seine wahre Identität zu enthüllen, nutzt der Film nicht schlecht. In ihren gemeinsamen Szenen flackert sacht eine wechselseitige Neugier der Generationen auf.

Ohne dass Dubosc die Erzählperspektive wechseln muss, verleiht er seiner Figur so eine hübsche Exotik des Gestrigen. Dank seiner abgehalfterten Virilität (Schnauzbart, Tätowierung, Jeans, Cowboystiefel, die erste Zigarette noch vorm Aufstehen) bietet sich Tony wacker als Zielscheibe des Spotts der modernen Zeit dar. Er lebt in einer Blase, die der Film schließlich zum Platzen bringen muss, was er aber nicht ohne Sympathie zeigt. Die alten Geschlechterverhältnisse wanken noch nicht und die politische Korrektheit steht auf verlorenem Posten. "30 Jahre im Büro und nie eine Hand an meinem Hintern", resümiert Tonys Chefin (Catherine Jacob) ihr Berufsleben. Da darf man für einen Moment auch gegen seine Überzeugungen schmunzeln, denn Jacob legt eine feine Balance zwischen Resignation und melancholischem Einverständnis mit dem Leben in ihre Klage. Auch unzeitgemäße Biografien haben ihre Würde in diesem Film.

Tony (Franck Dubosc) ist sich seiner Sache noch nicht sicher

Foto: Neue Visionen Filmverleih

Gleichwohl wollen Ignoranz und Unwissenheit überwunden sein. Die resolute Nachbarin treibt Tony dessen beiläufigen Rassismus augenzwinkernd aus. Dubosc hält ihn klug in der Defensive. Sein Machogehabe ist sich des eigenen Gescheitertseins bewusst; er ist ein Lügner und Hochstapler aus Scham. Sein Lernprozess wird eingebunden in ein heiteres Ensem-blestück, bei dem Dubosc die besten Gags seinen MitspielerInnen überlässt. Die Annäherung von Vater und Tochter darf in einem sanften Vorstadium der Komik bleiben. Ihre Gefühle scheinen zu kostbar, um sie einer übereilten Pointe preiszugeben.

Die Rumba-Therapie Franck Dubosc Frankreich / Belgien 2022, 102 Minuten

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