Die Erde – Ein Wintermärchen (3)

Der kalte Planet Bei unserer Suche nach rationalen Wesen trafen wir auf eine seltsame Spezies
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Was bisher geschah

Zehntausende Male

Suchte ich sie im Chaos

Als ich mich zufällig wandte

Ins nachlassende Licht:

Dort stand sie.

Chinesisches Gedicht

Die 5. Woche

Als Letzte erschien gerade noch pünktlich Parlanda zu unserem Treffen. Sie legte als Erstes ihr Athenbild auf den Tisch. Durchaus rational wirkende Männer - nur Männer - ergingen sich zwischen wohlproportionierten Gebäuden und wohlproportionierten Statuen beiderlei Geschlechts. Darauf war ich vorbereitet und legte ein Athenbild aus der Gegenwart daneben. „Findest Du nicht, dass sie heutzutage ein paar Eulen brauchen könnten?“ fragte ich sie. Auch Parlanda war gut vorbereitet. „Das trifft zu und wir wissen alle, dass Du einen Helferkomplex hast, Käptn.“ Die Frauen tauschten amüsierte Blicke. „Du musst die Eulen trotzdem nicht tragen.“ Mit diesen Worten legte sie ein großformatiges Foto einer wunderschönen Schneeeule auf den Tisch, die ihre Schwingen ausgebreitet hatte. „Das sind Vögel.“ bemerkte sie. „Sie können selber fliegen.“ Wir lachten alle über ihren gelungenen Coup.

Den wissenschaftlichen Teil eröffnete Gorjatschij, die gut erholt wirkte. „Ich bin davon ausgegangen, dass ihre technische Zivilisation nur dann beständig sein kann, wenn wenigstens in Wissenschaft und Technik rationale Prinzipien gelten. Darüber gab es gerade auf meinem Gebiet von Anfang an Zweifel. Ich habe die Klimatologie deshalb als geeignetes Fallbeispiel angesehen. Die Ergebnisse sind gemischt.“ Ich hakte ein: „Inwiefern?“ Gorjatschij fuhr fort: „In der Klimatologie – und nach Zensus‘ Beobachtungen nicht nur dort – gibt es zwei Sorten von Wissenschaftlern. Die einen forschen.“ „Was tun die anderen, wenn sie nicht forschen?“ „Sie planen Forschung, werben Ressourcen ein und präsentieren Forschung. Unter diesen wiederum gibt es auf meinem Gebiet einige, die es vor der breiteren Öffentlichkeit repräsentieren. Über diese müssen wir zuerst reden.“ Nondatur merkte an, dass eine solche Repräsentation wohl nötig sei. Die gesellschaftliche Mehrheit könne ja gar nicht verstehen, wie die Ergebnisse zustande gekommen seien, was sie bedeuten und wie zuverlässig sie seien.

„Parlanda hat vorige Woche die Sentenz geprägt ,Diese irrsinnige Reduktion komplexer Zusammenhänge auf eine einzige Zahl‘.“ fuhr Gorjatschij fort. „Genau das haben die Öffentlichkeitsklimatologen auch getan. Sie reden von einem 2-Grad-Ziel, womit sie meinen, dass die Erderwärmung bei 2 Grad oberhalb des vorindustriellen Werts gestoppt werden müsse.“ „Zuwenig“ entfuhr es unisono Zensus und Dren. „Wem sagt Ihr das?“ fragte Gorjatschij ironisch. „Und wie begründen sie das?“ wollte ich wissen. „Warte es ab. Prinzipiell ist diese Zahl durch nichts begründet. Weder hat irgendjemand die optimale Temperatur des Planeten berechnet, noch kann man vorhersagen, welche Vor- und Nachteile eine Erhöhung um 1,5 Grad, 2 Grad oder 2,5 Grad hätte, noch weiß man, welche Spurengasemissionen man zulassen kann, wenn das 2-Grad-Ziel erreicht werden soll und welche Folgen das für Entwicklungsländer mit schnellem Bevölkerungswachstum hätte. Die Vorhersageunsicherheit modernster Modelle über 10 Jahre beträgt mehr als ein halbes Grad.“ Dren hakte ein: „Auch wenn sie all das wüssten und die komplexe Situation unbedingt auf eine Zahl reduzieren wollten, wäre es immer noch die falsche. Nachteile der Erderwärmung korrelieren am Ehesten mit der Geschwindigkeit des Temperaturanstiegs. In dem Bereich, um den es geht, korrelieren sie nur schwach mit dem Sättigungswert.“ Gorjatschij übernahm wieder: „Korrekt. All das ist leicht zu sehen, auch auf ihrem Kognitionsniveau. Jeder ihrer Klimatologen, der auch nur eine Stunde über das Problem nachgedacht hat, muss all das wissen.“ Dren bohrte weiter: „Jeder rationale Klimatologe muss das wissen und wie wir bereits wissen…“ Gorjatschij ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. „Darüber habe ich vor Beginn meiner Untersuchung mit Nondatur geredet.“

Nondatur begann: „Gorjatschij hat mir, damals noch leicht verschnupft, gleich nach unserem letztwöchigen Treffen die Frage gestellt, ob eine beständige technologische Zivilisation einer nichtrationalen Spezies überhaupt denkbar sei. Die Antwort lautet Ja. Um das zu erläutern, muss ich die Begriffe der starken und schwachen Rationalität einführen. Starke Rationalität bedeutet hier, dass sich Individuen in Bezug auf alle Probleme rational verhalten, für deren Lösung rationales Verhalten optimal ist. Wir wissen bereits, dass starke Rationalität unter Menschen entweder gar nicht oder doch nur extrem selten auftritt. Schwache Rationalität bedeutet, dass sich Individuen in ihrer Kerntätigkeit für die Gesellschaft rational verhalten. Menschen nennen diese Kerntätigkeit berufliche Arbeit. Sie kennen den Begriff der Professionalität, der in etwa schwache Rationalität bezeichnet. Man kann beweisen, dass eine technische Zivilisation beständig ist und sich weiterentwickelt, wenn alle beruflich tätigen Individuen schwache Rationalität aufweisen, selbst dann noch, wenn kein einziges Individuum starke Rationalität aufweist.“ „Trifft das auf die Menschen zu?“ wollte ich wissen.

Statt Nondatur antwortete Zensus. „Schwach rationales Verhalten lässt sich häufig beobachten, aber bei Weitem nicht durchgängig.“ Gorjatschij übernahm wieder: „In der Klimatologie ist es in erster Näherung so, dass diejenigen schwache Rationalität aufweisen, die forschen, während diejenigen, die Forschung planen, Ressourcen sichern und Ergebnisse untereinander kommunizieren, diese kaum noch zeigen und diejenigen, die mit der Öffentlichkeit kommunizieren, gar nicht.“ Ich hakte ein: „Menschen wissen, dass sie nicht rational entscheiden, zumindest die Gebildeten. Die Verhaltensforschung hat geklärt, dass Entscheidungen erst im Nachhinein ,rationalisiert‘ werden. Wie rationalisieren die Superklimatologen ihr Verhalten?“

Gorjatschij musste meine Frage erwartet haben. „Wenn man sie damit konfrontiert, dass sie ihre Ergebnisse zu grob vereinfachen, deren Unsicherheiten herunterspielen und unsinnige Ziele setzen, antworten sie mit einem Argument, das auf der breiten Verteilung der Kognitionskoeffizienten beruht. Die ‚Massen‘ würden die komplexe Situation nicht verstehen, nicht mal die Politiker, aber man müsse sie eben dazu bringen, etwas zu tun.“ „Zu Hause werden wir erklären müssen, was Politiker sind.“ warf ich ein. „Hat jemand eine prägnante Formulierung?“ Nicht überraschend war es Nondatur, der antwortete: „Eine Gesellschaft, die aus irrationalen Individuen besteht, kann sich nicht rational auf ein gemeinsames Vorgehen einigen. Deshalb braucht es Vermittler zwischen verschiedenen irrationalen Standpunkten. Diese nennt man Politiker.“

„Warum muss man eigentlich etwas tun?“ fragte Dren, „Wenn man noch nicht einmal geklärt hat, ob die Vor- oder die Nachteile des gegenwärtigen Temperaturanstiegs überwiegen.“ Gorjatschij antwortete: „Diese Frage hat Afasia für mich gelöst. ,Man muss doch etwas tun.‘ ist bei ihnen ein unbedingter Reflex. Stammesgeschichtlich geht er darauf zurück, dass es angesichts einer Gefahr fast immer richtig war, entweder zu fliehen oder zu kämpfen. Sie sehen die Erderwärmung einseitig als Gefahr und haben sich halt für‘s Kämpfen entschieden.“ Nondatur warf ein: „Obwohl auch das irrational erscheint. Kämpfen ist selbst in dieser verengten Perspektive nur dann die richtige Entscheidung, wenn der Gegner schwächer oder schneller ist. Nichts deutet darauf hin, dass die Menschheit sich darauf einigen kann, die Geschwindigkeit des Temperaturanstiegs signifikant zu reduzieren. Da der Kampf fast garantiert verloren wird, wäre in dieser Perspektive Flucht die richtige Entscheidung. Die Ressourcen sollten also vorrangig für Anpassung verwendet werden. Das hätte den zusätzlichen Vorzug, dass auch Vorteile der Erderwärmung ins Blickfeld gerieten und genutzt werden könnten. Was sie gegenwärtig versuchen zu tun, hätten die alten Athener Hybris genannt.“

„Wenn die eigentlichen Forscher alle schwach rational handeln, kann es doch aber um die Entwicklung Deines Gebiets gar nicht so schlecht bestellt sein?“ fragte Parlanda. „Das trifft leider nicht zu. Viele Einzelstudien sind zwar professionell gemacht. Weil es aber als unmoralisch gilt, in bestimmte Richtungen zu arbeiten, findet das Gebiet seine verdeckten Annahmen nicht. Ihre Forschung wird erst nach der Auswahl des Ansatzes ergebnisoffen und selbst dann kann es bei der Veröffentlichung Schwierigkeiten geben, wenn die Ergebnisse politisch nicht gewollt sind.1 Wo schon der Versuch einer Falsifizierung zur Exkommunikation führt, muss Wissenschaft verkommen.“

„Wie sieht es bei Deiner Frage aus?“ wandte ich mich an Zensus. „Das gegenwärtig rasche Populationswachstum der Menschen ist ein Ergebnis ihrer technischen Zivilisation und ihrer Wissenschaft. Dass es unkontrolliert verläuft, ist ein Ergebnis ihrer Irrationalität. Hygiene, evidenzbasierte Medizin und chemisch hergestellte Arzneimittel haben die Kindersterblichkeit um Größenordnungen verringert und die Lebenserwartung der Individuen in etwa verdoppelt. Die durch chemische Forschung und Ingenieurtechnik ermöglichte Mineraldüngung, Unkraut- und Schädlingsbekämpfung sowie die wissenschaftlich begründete Züchtung von Nutzpflanzen und Nutztieren haben die landwirtschaftlichen Flächenerträge vervielfacht. Zusammen mit der maschinellen Bodenbearbeitung und maschinellen Verfahren in der Tierhaltung haben sie den Arbeitsaufwand so weit verringert, dass eine große Zahl nicht arbeitender Kinder und alter Menschen ernährt werden kann.“ Dren bemerkte: „Aber so geht es nicht weiter.“

„In der Tat“, fuhr Zensus fort, „geht es so nicht weiter. Intellektuelle Strömungen im Westen greifen fast alle Voraussetzungen an, die das Populationswachstum ermöglicht haben: Gezweifelt wird an evidenzbasierter Medizin, an der Chemie sowieso, an Tierversuchen in der Pharmaforschung, an Mineraldüngung, an Unkraut- und Schädlingsbekämpfung, an maschineller Bodenbearbeitung und industrialisierter Tierproduktion. Was die Züchtung betrifft, die das größte Potential für weitere Ertragssteigerungen hätte, so ergeben sich durch die Gentechnik faszinierende neue Möglichkeiten. Die gleichen geistigen Strömungen tabuisieren deren Nutzung. Außerdem sind sie gegen die Erweiterung der landwirtschaftlichen Nutzfläche auf dem Planeten.“ Dren bemerkte trocken „Maßnahmen gegen das unkontrollierte Populationswachstum schlagen sie allerdings auch nicht vor.“ Es war sein übliches Argument, dass die Menschen vollkommen irrational seien, nur etwas feiner formuliert.

„Da die technologische Entwicklung von genau den Ländern angeführt wird, in denen diese geistigen Strömungen bereits dominant sind und ihre Dominanz weiter ausbauen, steuert die Entwicklung mittelfristig auf ein Desaster zu.“ fuhr Zensus fort. „Wenn die Entwicklung der Nahrungsbasis nicht mit dem Bevölkerungswachstum Schritt hält, wird es zu Wanderungsströmen kommen, die einen ganz anderer Charakter haben als die gegenwärtigen Migrationsrinnsale.“ Ich fragte dazwischen: „Im Norden tun sich die Gesellschaften bereits mit diesen Rinnsalen schwer. Wie bereiten sie sich auf die zu erwartenden Ströme vor?“ „Gar nicht. Sie scheinen davon auszugehen, dass man eine Völkerwanderung kontrollieren kann.“ Dren verfiel in alte Muster: „Völlig irrational.“ Alle nickten.

„Damit kommen wir zu der Frage, wie das Populationswachstum auf die technologische Entwicklung zurückwirkt.“ übernahm wieder Zensus. „Bereits die Rinnsale destabilisieren die technologisch höherstehenden Gesellschaften im Norden. Nur ein Bruchteil der Neuankömmlinge wird integriert und selbst in der zweiten Generation erreicht nur ein sehr geringer Anteil das Bildungsniveau, das zum Technologieerhalt nötig wäre, geschweige denn zur Weiterentwicklung. Das hat nichts mit den Kognitionskoeffizienten der Neuankömmlinge zu tun. Es liegt an einem Unvermögen, sie zur Anpassung an eine hochorganisierte und technologisch fortgeschrittene Zivilisation zu bewegen und ihnen die Möglichkeiten zu dieser Anpassung zu geben.“ Wieder hakte Dren ein: „Schon ein echter Zufluss, geschweige denn ein Zustrom, würde unter diesen Umständen ihren Organisationsgrad unter die Mindestanforderung einer technologischen Zivilisation drücken.“ Völlig unerwartet schlug Afasia in fast die gleiche Kerbe: „Wenn er nicht schon ohne Wanderungsbewegungen unter dieses Niveau absinkt.“

Ich versuchte, die Diskussion wieder zu ordnen: „Ihre technologische Zivilisation beruht auf schwacher Rationalität und deren Niedergang auf einer Abnahme dieser schwachen Rationalität. Wie aber erklärt sich diese Abnahme?“

Nun war Afasia in ihrem Element: „Das versteht man am besten, wenn man zuerst nach den Gründen der Zunahme an schwacher Rationalität fragt, die ihre technologische Zivilisation überhaupt ermöglichte. Nach dem Verfall der antiken Zivilisationen war es in Europa um die schwache Rationalität schlecht bestellt. Kultur gab es in Indien, in Ostasien und in den islamisch geprägten Teilen der Mittelmeerregion. Die Intellektuellen Europas waren in Klöstern einer Religion isoliert, zwischen deren Schriften und dem empirischen Weltwissen schon damals eine tiefe Kluft bestand. Europa war in jeder Hinsicht rückständig, aber hinreichend ressourcenarm. Eroberungsversuche anderer blieben daher halbherzig und konnten zurückgeschlagen werden. Mit wechselndem Erfolg versuchten europäische Herrscher sogar, die geringen wirtschaftlichen Überschüsse ihrer Ländereien für Eroberungsfeldzüge zu benutzen, die sie religiös motivierten.“ Dren schien sich zu langweilen: „Und was hat Religion mit Rationalität oder Technologie zu tun?“

„Es gibt Religionen und es gab die Aufklärung.“ fuhr Afasia fort. „Alles begann mit der Renaissance. Von der Religion unabhängiges Denken kam auf und bestimmte bald die Künste und die Politik. Die kühnsten Denker, wie da Vinci, hielten die Welt für erkennbar. Sie dachten über neue Technologien nach, um sie zu verändern. Die Päpste brachen mit der Religion und benutzten sie nur noch als Propagandainstrument. Zwar führte die Reformationsbewegung zunächst zu herben Rückschlägen, in deren Folge sich auch die katholische Kirche wieder gegen unabhängige Welterkenntnis wandte. Die Entwicklung war aber unaufhaltbar und infizierte schließlich auch die protestantischen Teile Europas. Technologie war ein Vorteil, auf den man nicht verzichten wollte. Da sie auf schwacher Rationalität beruhte, erwarb sich diese einen guten Leumund und griff auf die geistigen Strömungen über. Gleichzeitig breitete sich der Einfluss des technologisch überlegenen Europas über die ganze Welt aus. Etwa 200 Jahre nach der Renaissance propagierte die Aufklärung rationale Welterkenntnis, religiöse Toleranz, eine kritische Öffentlichkeit, eine Hinwendung zu den Naturwissenschaften und die Emanzipation des Menschen von seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Der Fortschrittsoptimismus der Aufklärer bestätigte sich glänzend, wie man leicht an einem Vergleich der heutigen Lebensverhältnisse in den Vorreiterländern der Aufklärung mit denjenigen um 1700 erkennt.“ Dren unterbrach sie: „Es gab die Aufklärung, wie Du richtig gesagt hast. Und es gibt die Religion. Irgendwann muss alles schiefgegangen sein.“

Afasia fuhr fort: „Gegen Ende des 19. Jahrhunderts waren die Lebensbedingungen noch nicht durchgängig gut. Selbst in der Spitze waren sie, gemessen an heutigen Bedingungen, nur mäßig. Die Intellektuellen hatten jedoch bereits keine existentiellen Probleme mehr. Diejenigen unter ihnen, die sich nicht direkt mit Naturwissenschaften oder Technik befassten, betrachteten weiteren Fortschritt als nicht mehr dringlich und sahen das Glas halbleer. In der Folge kam es zu zwei Weltkriegen, in denen auch die Gefahren technologischer Entwicklungen ins Blickfeld gerieten. Dennoch bestimmten die Ideen der Aufklärung bis etwa 1970 die westlichen Gesellschaften und bis 1989 die sozialistischen Gesellschaften Osteuropas. Um 1970 ging es der breiten Bevölkerung Westeuropas, Nordamerikas und Japans so gut, dass viele zu glauben begannen, auf weiteren technologischen Fortschritt könne man verzichten. Die geistigen Hauptströmungen dieser Länder fokussierten sich nun einseitig auf die Nachteile der Industriegesellschaft. Gleichzeitig ermöglichte die erheblich gesteigerte Arbeitsproduktivität eine erhebliche Steigerung der Studierquote. Das hatte zwei Auswirkungen. Die mittleren Kognitionskoeffizienten von Hochschulabsolventen sanken deutlich und unter ihnen stieg der Anteil derjenigen, die fortschritts- und aufklärungskritische Fächer studiert hatten. In diesen Fächern galt und gilt selbst schwache Rationalität kaum etwas. In der Folge überschwemmten diese Absolventen Politik, Verwaltung und Journalismus und begannen die weitere Entwicklung der Gesellschaft zu dominieren. In diesen Gesellschaften war die Aufklärung gescheitert, wie Dren richtig bemerkt hat.“

Gorjatschij bemerkte: „Dieser Gedankengang erklärt das pseudoreligiöse Auftreten der Superklimatologen besser als deren eigene Rationalisierungen es erklären.“ „Ich würde sogar noch weiter gehen und von echter Religiosität reden.“ entgegnete Afasia. „Die wissenschaftlich-technische Revolution hat die traditionellen Religionen, die alle deutlich älter als 1000 Jahre sind, für gebildete Menschen unhaltbar gemacht. Ihnen weiter geistig anzuhängen, also nicht nur im Sinne von Lippenbekenntnissen und Folklore, erfordert einen zu hohen Verdrängungsaufwand. Gleichzeitig scheinen die kognitiv und emotional von der Welt überforderten Menschen Religion zu benötigen. Die neue Religion tut so, als ob sie in der Wissenschaft begründet sei, was den Verdrängungsaufwand ihrer Anhänger deutlich verringert. Ihr Name ist Nachhaltigkeit und ihr Gottessohn ist ein Anti-Faust, der zum Augenblicke sagt: ‚Verweile doch, Du bist so schön.‘ In rechthaberischem Ton fügt er an: ‚Für immer.‘“ „Oder es ist eine Gottestochter.“ warf Dren ein. „Das tut nichts zur Sache.“ bemerkte Nondatur.

Afasia fuhr fort: „Traditionelle Religionen waren bei ihrer Entstehung konsistent mit dem empirischen Wissen der Menschen in der betreffenden Zeit und Region. Dieses Wissen war so lückenhaft, dass es sich leicht mit Spekulationen und phantastischen Geschichten zu einem Weltbild ergänzen ließ, das ästhetisch und psychologisch ansprechend war. Diese Art einer Religionsgründung hat die wissenschaftliche Revolution verunmöglicht. Das empirische Wissen der Menschheit ist dafür zu umfassend.“ „Und die Grenzen empirischer Welterkenntnis sind ihrerseits wohlbekannt.“ ergänzte Nondatur. „Sobald die Welt in einen Beobachter und ein Beobachtetes geteilt wird – und nach bestem Wissen der Menschheit erst dann - ist das Beobachtete nicht mehr deterministisch beschreibbar und damit auch nicht mehr exakt vorhersagbar. Selbst wenn ein Vorgang prinzipiell mit ausreichender Genauigkeit vorhersagbar ist, kann er so komplex sein, dass eine wissenschaftliche Beschreibung scheitert. Das geschieht, wenn das System nicht hinreichend genau vermessbar ist oder der rechentechnische Aufwand für die Vorhersage zu groß.“ Afasia ergänzte: „Diese Erkenntnisse haben in der Tat viele Intellektuelle am Projekt der Aufklärung zweifeln lassen.“ „Weil sie die Prinzipien ingenieurtechnischer Näherungen und von Güterabwägungen nicht verstehen.“ bemerkte Dren. „In der Praxis lässt sich fast immer hinreichend genau bestimmen, ob bei einer Einführung einer neuen Technologie oder der weiteren Nutzung einer alten die Vor- oder die Nachteile für die Spezies überwiegen.“ „Wenn man es vorurteilslos untersucht und sich die Mühe macht, die Dinge zu Ende zu denken.“ mischte sich Zensus ein. „Beides scheint mir keine Stärke der Menschen zu sein.“ schloss Gorjatschij den Ausflug in die Erkenntnistheorie ab.

„Die Nachhaltigkeits-Religion löst ihr Begründungsproblem, indem sie die Zusammenhänge des Weltwissens ignoriert und sich nur derjenigen Teile bedient, die ihren ideologischen Kern stützen. Es ist die erste ahistorische Religion. Sie ignoriert die augenscheinlichste Eigenschaft der Welt.“ dozierte Afasia ungerührt weiter. „Panta Rhei“ warf Parlanda ein. „Ja“ entgegnete Afasia, „natürlich fließt alles und nichts bleibt.“ „Aber Menschen haben einen psychologischen Gendefekt“ warf Zensus ein, „Sie können Vergänglichkeit nicht akzeptieren. Der individuelle Erhaltungstrieb schlägt voll ins Bewusstsein durch und gerät in Konflikt mit dem Interesse an der Erhaltung und am Fortschritt der Spezies.“ Afasia wandte ein: „Genau auf die Erhaltung der Spezies beruft sich die Nachhaltigkeits-Religion, ohne näher zu begründen, wie sie in einer fließenden Welt durch Stagnation erreicht werden soll. Denn Stagnation ist das Paradieskonzept der Nachhaltigen. Ironischerweise würden sie das Leben in ihrem eigenen Paradies unerträglich finden. Sie sind durchweg missionarisch veranlagte Weltverbesserer. Die Nachhaltigen negieren den Fortschritt im Namen eines Fortschritts.“

„Das ist hinreichend irrational für den Kern einer Religion.“ stellte Nondatur fest. „Mir scheint, nach Gorjatschij, Dren und Zensus gehst nun auch Du von einem Niedergang ihrer technischen Zivilisation aus, Afasia.“ „Mitnichten“ antwortete sie überraschend. „Dieser Schluss ist richtig für den Teil der Welt, den wir bisher untersucht haben. Nur ist dieser Teil unwichtig.“ „Wodurch ist unsere Wahrnehmung verzerrt?“ fragte Nondatur zurück. „Parlanda kann Euch das erklären.“ sagte Afasia und lehnte sich zurück.

„Meine Anfangsanalyse in der ersten Woche hatte ergeben, dass die Menschen verschiedene Sprachen haben, diese schwach mit verschiedenen Denkweisen korrelieren und dass sie derart viele, teilweise völlig wertlose Daten veröffentlichen, dass wir eine Vollanalyse würden einschränken müssen. Ihre technische Zivilisation ist in Europa entstanden und wurde hauptsächlich in Europa und Nordamerika weiterentwickelt. Die bei weitem dominierende Wissenschaftssprache ist Englisch. Das mit Abstand beste englischsprachige Zugangsportal zu den Daten ist die Suchmaschine Google. Ich habe Euch deshalb eine Schnittstelle zu Google programmiert.“ „All das ist doch völlig rational und professionell.“ warf Dren ein.

„Mitte dieser Woche kam Afasia zu mir und stellte die folgende Frage.“ fuhr Parlanda fort. „Warum finde ich keine chinesischen Beiträge zu unserem Thema?“ wiederholte Afasia die Frage vor uns allen. „Bei ihrer Landung auf der Rückseite des Mondes hätten die Chinesen uns beinahe entdeckt, weil wir von ihren Vorbereitungen nichts bemerkt hatten. Sie sind ehrgeizig und sie sind nicht so rückständig, dass wir nichts von ihnen hören sollten. Wir haben ein Problem.“

„Afasia hatte Recht.“ bemerkte Parlanda. „Google ist ein Filter. Wir wollten es ja auch als Filter benutzen. Das Filter folgt allerdings einseitig den Prämissen westlichen Denkens. Wir haben in dem geforscht, was die Menschen eine Filterblase nennen.“ „Die Chinesen benutzen eine andere Suchmaschine.“ ließ Nondatur fallen, eher im Ton einer Bemerkung als einer Frage. „Die meisten von ihnen benutzen Baidu. Google ist in China technisch zugänglich, aber die Hürde ist hinreichend hoch, um eine Massennutzung und damit eine Infektion durch westliche Denkweisen zu verhindern. Die chinesische intellektuelle Elite freilich benutzt beide Suchmaschinen und sieht beide Welten, während die westliche intellektuelle Elite in der Filterblase gefangen ist, die wir erforscht haben.“ „Wir kondensieren doch auch Information aus sozialen Netzwerken.“ wandte Dren ein. „Auch auf diesem Gebiet gibt es zwei Welten.“ antwortete Parlanda.

„Wir wissen also nichts von dem einzigen Land, das rational genug war, seine Population zu planen.“ stellte Zensus fest. „So schlimm ist es nun auch wieder nicht.“ antwortete Afasia. „Wenn wir nichts wüssten, wäre ich ja gar nicht auf die Frage gekommen, mit der ich mich an Parlanda gewandt habe.“ „Man kann immer erkennen, dass man sich in einer Filterblase befindet.“ bestätigte Nondatur. „In einer solchen lässt sich die Konsistenz der Information nicht aufrechterhalten.“ „Genau daran habe ich es auch bemerkt.“ bestätigte Afasia. „Das China-Bild des Westens steht im krassen Widerspruch zur relativen Entwicklung und politischen Stabilität der beiden Welten.“ „Die Empirie ist eben der Todfeind der Ideologie.“ warf Gorjatschij ein. „Im Übrigen haben wir gar keine Zeit verloren.“, merkte Afasia an, „Es war nötig, den historischen Kontext der technischen Zivilisation zu erforschen, wenn wir eine Aussage über ihre Zukunft machen wollten.“ Unser Ghostwriter nickte.

„Die schöne Schneeeule wird es mir nachsehen, wenn ich sie ein kleines Stück weit trage.“ begann ich meine Zusammenfassung. „China hat auf den meisten Gebieten noch einen Rückstand auf den Westen, auf einzelnen Gebieten ist es bereits gleichauf, in der Industrieproduktion liegt es bereits vorn. Das Land holt die restlichen Rückstände schnell auf. Eine große Mehrheit der westlichen Intellektuellen und Politiker setzt auf Technologieverzicht und Stagnation. China setzt auf Entwicklung. Wir brauchen keine weiteren Daten, um sicher zu folgern, dass es mit der Dominanz des Westens auf wirtschaftlichem und technologischem Gebiet in sehr naher Zukunft vorbei ist. Dessen geistige Strömungen werden dadurch irrelevant. Das wird sehr viel schneller geschehen, als ein tatsächliches Migrationsproblem aufkommen wird.“

Ich hielt kurz inne. In meiner Besatzung herrschte eine seltene Einmütigkeit. „Aus Sicht unserer Untersuchung ist der Westen bereits irrelevant, mit einer Ausnahme. Menschen führen Kriege. Wir müssen klären, ob der Westen die Übernahme der hegemonialen Rolle durch China noch militärisch verhindern kann. Des Weiteren müssen wir untersuchen, ob die Populationsentwicklung anderer Länder längerfristig die Stabilität der technologischen Zivilisation in China gefährden kann. Ferner müssen wir herausfinden, ob schwache Rationalität in China tatsächlich weiter verbreitet ist als im Westen.“ Alle hörten gespannt zu. Hatte ich etwa den kritischen Geist meiner Besatzung eingeschläfert?

„Wegen des Richtungswechsels unserer Untersuchung erwarte ich eine längere Einarbeitungszeit. Wir treffen uns in zwei Wochen.2

Fortsetzung folgt

1Unser Ghostwriter Gunnar Jeschke weiß durch Erfahrungen bei der Veröffentlichung eines Artikels auf einem anderen ideologisch befrachteten Gebiet sehr genau, wovon wir hier reden.

2Außerdem ist unser Ghostwriter nächstes Wochenende in einer Skifreizeit.

18:39 27.01.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Gunnar Jeschke

Naturwissenschaftler, in der DDR aufgewachsen, gelebt in Schwarzheide, Dresden, Wako-shi (Japan), Bonn, Mainz, Konstanz und Zürich.
Gunnar Jeschke

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